„Das alles hier hätte niemand erwartet"

Die Tübinger Studentin Lilo Brillinger, 23, lebt seit September im Rahmen eines Austauschprogramm der ägyptischen Regierung in Kairo. Ein Interview über ihr Leben zwischen den plötzlichen Protesten
charlotte-haunhorst

jetzt.de: Lilo, du bist im September 2010 nach Ägypten gereist. War da für dich absehbar, was während deiner Bildungsreise auf dich zukommen würde?
Lilo:  Ich glaube, das alles hier hätte niemand erwartet. Sogar meine Mitbewohnerin, die ja Ägypterin ist, hat vor den vielen Demonstrationen ihren Landesgenossen nicht zugetraut, dass sie hier eine Revolution entfachen würden.

jetzt.de: Aber es muss doch vorher zu bemerken gewesen sein, dass die Menschen in Ägypten unzufrieden sind?
Lilo: Natürlich waren die Leute auch vorher unzufrieden. Aber es war nicht so sichtbar, wie jetzt. Ende November wurde in Ägypten ja noch gewählt. Da ist keiner mehr hingegangen, man hatte resigniert weil jeder wusste: „Es passiert eh nur das, was Mubarak will“. Nun beschweren sich die Ägypter auf einmal lautstark über die Arbeitslosigkeit im Land, die schlechte Wirtschaftslage und die vorherrschende soziale Unsicherheit. Wahrscheinlich bin ich noch nicht lange genug im Land, um zu wissen, wo auf einmal der Umbruch war. Dementsprechend war ich umso überraschter, als auf einmal so viele Menschen hier auf dem Al-Tahrir-Platz demonstrierten.

jetzt.de: Du studierst in Deutschland Islam- und Religionswissenschaften und sprichst Arabisch. Wie haben die Menschen den Protest begründet?
Lilo: In meinem Umfeld war die Herrschaft von Mubarak natürlich auch vorher schon ein Thema. Allerdings dachte ich, das läge daran, dass ich mir besonders kritische Freunde gesucht hätte, die mit ihren Ansichten in der Minderheit wären. Hier wurde viel darüber gesprochen, dass die gut ausgebildeten Ägypter oft zum Arbeiten ins Ausland gehen müssen, da sie keinen Job finden. Auch die fehlende Demokratie wurde kritisiert. Aber wie gesagt – ich dachte, das seien exklusive Meinungen in meinem Freundeskreis. Bei den Demonstrationen wurde dann erst deutlich: viele sehen das genauso. Bei den Protesten waren nicht nur junge Leute. Da waren auch Alte, Eltern mit Kindern, Behinderte. Wie sehr die Leute sich wirklich sorgen, ist mir erst am Freitag (Anmerkung: 28. Januar 2011) klar geworden.

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Illustration: Julia Schubert

Die Proteste am Freitagnachmittag.

jetzt.de: Wie hast du die Situation auf den Straßen erlebt?
Lilo: Als am Dienstag (Anmerkung: am 25. Januar) das erste Mal zu Demonstrationen aufgerufen wurde, war alles sehr friedlich. Die Stimmung glich eher der eines Festivals: Die meisten Leute waren hilfsbereit, ständig wurde gemeinsam der fabrizierte Müll weggeräumt, manche verteilten kostenlos Wasser. Einmal flogen mehrere Kampfjets über uns hinweg, da wurden schnell Taschentücher ausgegeben, die man sich in die Ohren stecken konnte um sich vor dem Lärm zu schützen. An diesen Tagen lag wirklich ein Gefühl von Hoffnung in der Luft. Es waren sogar einige Touristen da, die sich das Treiben anschauten, als würden sie vor den Pyramiden stehen. Das war mir dann aber schon zu viel. Ich will nicht, dass die Leute mich auch für einen Touristen halten, der das Ganze als Spektakel sieht. Allerdings werde ich, wenn ich dann anfange Arabisch zu sprechen, von den Ägyptern schnell als „eine von ihnen“  akzeptiert.

jetzt.de: Wann ist diese „Festival-Stimmung“ gekippt?
Lilo: Erst ab letztem Dienstag (1. Februar 2011) kam die Verwüstung. Vieles davon wurde durch Mubarak angestiftet. Auch wenn die Medien hier teilweise eher einem Comedy-Programm ähneln, wenn Sie mal wieder erzählen, dass nur ein paar von der Moslem-Bruderschaft angestiftete Afghanen und Iraner demonstrieren würden – wir bekommen dann schon mit, dass er bei den Unruhen seine Finger im Spiel hatte. Manche haben erzählt, dass sie gesehen hätten, wie ganze Busladungen mit Menschen herangekarrt wurden, die Tränengas und Waffen bei sich hatten. Bei der bis Freitag vorherrschenden friedlichen Stimmung hätte keiner der Demonstranten Waffen benötigt, das ist alles von der Regierung inszeniert gewesen.

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Illustration: Julia Schubert

Lilo

jetzt.de: Warst du selbst auf der Straße?
Lilo: Vieles habe auch ich nur auf den Bildern von Al-Jazeera verfolgt. Natürlich wollte Mubarak die Angst dermaßen schüren, dass viele Menschen sich nicht mehr trauen, ihre Häuser zu verlassen, weil es draußen zu gefährlich wird. Da kann er dann nämlich wieder sagen: „Das Volk braucht mich um die Sicherheit zu gewährleisten.“ Man hörte immer wieder von Plünderungen. Insbesondere Mitglieder jener Schicht, die sich vorher schon keinen Stuhl leisten konnten oder hungern mussten, haben die Gelegenheit genutzt und sich einfach bei anderen bedient. Da wir ja in der Nähe des Al-Tahrir-Platzes wohnen, haben wir auch die Menschenmassen vorbeimarschieren hören und vom Balkon aus gesehen, wie die Wasserwerfer angingen. Als einmal Tränengas versprüht wurde, sind Leute in unsere Seitenstraße geflohen. Zu so einem Zeitpunkt war ich auch mal unten und sofort flog eine Gasbombe. Das Zeug ist echt stark, wenn es einen erwischt, kann ich nun aus eigener Erfahrung sagen.

jetzt.de: Kann man denn überhaupt auf die Straße? Man hört immer wieder von einer Ausgangssperre.
Lilo: Die sogenannte Ausgangssperre kann man getrost vergessen. Daran hält sich hier keiner. Ein häufig genannter ägyptischer Slogan hier bedeutet übersetzt ungefähr „lass doch mal die Ausgangssperre beiseite wir sind doch Ägypter.“ Allerdings bin auch ich gestern wegen der Gewalt nicht mehr rausgegangen. Vorher war ich immer mit Freunden demonstrieren – alleine würde ich das nicht tun. Das hier ist nicht mein Land. Zwar möchte ich meine Freunde, die hier leben, in ihrer Hoffnung unterstützen. Aber als Ausländerin darf es hier nicht meine Aufgabe sein, mehr Menschen zu mobilisieren.

jetzt.de: Nun hat Mubarak angekündigt, ab September nicht mehr kandidieren zu wollen. Wie wurde diese Botschaft aufgenommen?
Lilo: Die Menschen haben laut gerufen, dass Mubarak ein Lügner sei. Der Wille, ihn zu stürzen, war deutlich spürbar. Nun sagen manche Leute, dass sie zufrieden sind, wenn er bis September bleibt. Das treibt viele der Demonstranten in die Verzweiflung. Sie haben das Gefühl, dass die Anderen mit dem ersten Kompromiss aufgeben wollen und am Ende Mubarak dann doch im Amt bleiben wird. Meine Mitbewohnerin hat deswegen gestern nahezu geweint. Wir hatten wieder Internet und da konnte sie auf Facebook in den Kommentaren lesen, wie viele Menschen nun aufgeben wollen. Meiner Meinung nach sind das gerade die Middle- und die Upper-class, die solche Parolen schwingen. Die haben allmählich Angst um die Börsenkurse, ihr Geld und ihren Status und wollen deshalb, dass die Situation sich beruhigt und man wieder anfängt zu arbeiten. Aber diejenigen, für die es existenziell ist, diejenigen, die nicht wissen wo sie morgen ihr Brot herkriegen sollen – die wollen eine richtige Änderung. Allerdings kann ich nicht einschätzen, ob diese Leute die Kraft haben, weiter zu demonstrieren.

jetzt.de: Eine Zeitlang hattet ihr keinen Zugang zum Internet. Hat der Umstand die Revolution beeinflusst?
Lilo: Momentan, wo wir wieder Internet haben, wird natürlich versucht Menschen über Facebook zu mobilisieren. Ich hoffe auch, dass das klappt. Dass wir weiter demonstrieren ohne Gewalt aber mit vielen Leuten. Andererseits war ich wirklich baff, wie gut die Menschen sich hier auch ohne Internet organisieren konnten. Da hörte man über Freunde, dass am Al-Tahrir-Platz etwas los sei oder ging einfach dahin und merkte dann, dass auch Tausende andere Menschen den gleichen Gedanken hatten. Das war schon toll und ein Katalysator für die Bewegung. Zum „Marsch der Millionen“ wurde allerdings sogar öffentlich bei Al-Jazeera aufgerufen. Es mag vielleicht absurd klingen, aber ich befürchte ein wenig, die Revolution könnte sich wegen des Internets nun wieder zerfleddern. Denn auf einmal ist da dieser Informationsschwall, in dem viele sagen, dass man mit den Demonstrationen aufhören müsse. Es ist nicht mehr wie vorher, dass man sich aus einem Impuls heraus versammelt hat. Stattdessen wird nun wieder alles totdiskutiert.

jetzt.de: Machen sich deine Eltern Sorgen um dich?
Lilo: Viele Menschen haben sich Sorgen um mich gemacht, als ich auf einmal aus dem Netz war. Über Handy konnte ich dann Kontakt mit meinen Eltern halten und seit das Internet wieder hergestellt wurde, schreibe ich fleißig Rundmails um zu dokumentieren, was ich hier die letzten Tage erlebt habe.  

jetzt.de: Wirst du in Ägypten bleiben?
Lilo: Also offiziell bleibe ich noch bis Mai 2011. Es ist natürlich auch sehr spannend gerade hier und ich fühle mich wohl mit meinen Freunden und der Kultur… (Dann klingelt Lilos Handy und sie entfernt sich vom Computer und von Skype. Als sie nach ein paar Minuten wiederkommt, sagt sie, dass Sie innerhalb einer halben Stunde entscheiden müsse, ob sie aus Ägypten ausgeflogen werden möchte. Lilo beendete das Interview.)


Text: charlotte-haunhorst - Fotos: dpa, privat

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