„Das beste Versteck ist immer noch das Gefrierfach“

Viele User machen beim jetzt.de-Tagebuchprojekt mit. Aber wie fängt man eigentlich an? Und wie versteckt man's? Ein Interview mit Schreibcoach Silke Heimes.
kathrin-hollmer

jetzt.de: Frau Heimes, ist Tagebuchschreiben nicht völlig altmodisch?
Silke Heimes: Ich würde eher sagen, zeitgemäß.  

jetzt.de: Warum?
Heimes: Unsere Welt ist schnell und komplex geworden, beim Tagebuchschreiben kann man dem hinterherkommen, was alles passiert.  

Die jetzt.de-User führen ein Jahr lang Tagebuch. Im Interview verrät Silke Heimes, warum sich das Schreiben lohnt.

jetzt.de: Mit welcher Absicht schreibt man heute noch Tagebuch?
Heimes: Kinder oder Jugendliche in der Pubertät schreiben, um Emotionen rauszubekommen, die sie im Gespräch nicht offenbaren können. Erwachsene führen Tagebuch, um Gedanken zu ordnen oder sich über etwas klarzuwerden. Viele beginnen mit dem Schreiben, wenn es ihnen schlecht geht.  

jetzt.de: Schreiben Sie selbst Tagebuch?
Heimes: Ich selbst komme aus Zeitgründen momentan nicht dazu, weil ich gerade so viele andere Texte schreibe. Ich kläre meine Gedanken auf andere Weise.  

jetzt.de: Wie?
Heimes: Momentan meditiere ich, was wie Tagebuchschreiben ein inneres Selbstgespräch ist. Nur, dass beim Meditieren das Aufschreiben wegfällt.  

jetzt.de: Ist Tagebuchschreiben eine literarische Form?
Heimes: Zuerst geht es beim Tagebuchschreiben darum, Gefühle rauszulassen. Erst in einem zweiten Schritt kann das in eine literarische Form gebracht werden.

jetzt.de: Wird überhaupt noch klassisch auf Papier geschrieben und das Tagebuch mit einem Schloss zugesperrt?
Heimes: In meinen Seminaren haben die meisten Leute schöne, besondere Bücher dabei und schreiben mit der Hand. Das ist viel sinnlicher als Tippen und entschleunigt, weil man mit der Hand langsamer schreibt als am Computer. Dass die Leute sich das wünschen, merkt man auch daran, dass es in den Läden zur Zeit so viele verschiedene Notizbücher gibt.  

jetzt.de: Seit wann werden überhaupt Tagebücher geführt?
Heimes: Schon seit dem Altertum, früher wurde zum Beispiel die Entwicklung der Marktpreise dokumentiert, Philosophen und Theologen haben ihren Alltag festgehalten. Das war eher eine historische Angelegenheit. Heute geht es weniger um solche Zeitgeistthemen als um persönliche Erlebnisse.  

jetzt.de: Wie alt ist der typische Tagebuchschreiber heute?
Heimes: Man denkt immer an Kleine-Mädchen-Lyrik,  darum hat Tagebuchschreiben heute etwas peinliches an sich. Aber eigentlich gibt es gar kein typisches Alter.  

jetzt.de: Schreiben auch Männer?
Heimes: Seltener. Oder sie geben es seltener zu. Die kommen in meine Seminare auch nur, wenn es heißt „Kreatives Schreiben“ und nicht „Therapeutisches Schreiben“.

jetzt.de: Welche Arten gibt es, Tagebuch zu führen?
Heimes: Strukturiert und faktisch, das wird dann eher essayistisch, oder unstrukturiert und emotional, wenn man alles aufschreibt, was einem in den Kopf kommt.  

jetzt.de: Wie fängt man mit dem Tagebuchschreiben an?
Heimes: Am besten assoziativ,  indem man völlig unbefangen losschreibt. Und wichtig: Die ersten Einträge nicht lesen, weil man sich sofort schämt und denkt: „Wie peinlich, was hab ich da nur geschrieben?“ Da ist die Gefahr groß, dass man dann gleich wieder aufhört. Wenn man dabei bleiben will, sollte man sich nicht selbst bewerten.  

jetzt.de: Wie beginnt man den ersten Eintrag?
Heimes: In meinen Seminaren lasse ich die Teilnehmer die Augen schließen und eine Fantasiereise machen. Dann nehmen sie einen Stift und schreiben zwei Minuten einfach irgendetwas. Das kann auch „Blau Blubb Blau“ sein, das ist ganz egal. Oder ich sage, dass die Teilnehmer jetzt mal so schlecht wie möglich schreiben sollen. Das ist gar nicht so leicht, aber dadurch kommen alle ins Schreiben.  

jetzt.de: Ist „Liebes Tagebuch“ als Anrede noch okay?
Heimes: „Liebes Tagebuch“ und in der Ich-Form schreiben immer noch die meisten, aber auch andere Perspektiven sind beliebt.

jetzt.de: Welche Perspektive bevorzugen Sie, Ich-Form oder aus der dritten Person zu schreiben?
Heimes: Am besten ist es, die Perspektive immer wieder zu wechseln. Wenn man sich über etwas aufregt und in Ich-Form schreibt, hat man weniger Distanz dazu, als wenn man aus der dritten Person über sich schreibt.  Genauso ist es mit dem Tempus, im Präsens geschrieben bin ich dem Thema noch sehr nah, in der Vergangenheit nicht so sehr. Es kommt darauf an, was ich bewirken will. Ich habe allerdings festgestellt, dass Ich-zentrierte Menschen ein höheres Risiko haben, depressiv zu werden, als Menschen, die in der Perspektive flexibel sind.

jetzt.de: Welche Details soll man im Tagebuch lieber nicht preisgeben?
Heimes: Da fällt mir nichts ein, das Tagebuch sollte ja absolut geheim sein, warum also etwas verschweigen? 

jetzt.de: Dann muss das Versteck aber gut sein. Wo bewahrt man das Tagebuch am besten auf?
Heimes: Das beste Versteck ist nach wie vor das Gefrierfach.

Text: kathrin-hollmer - Foto: misterQM/photocase.com