Das "great thing to watch 2006" - die Band Midlake im Interview

Eine Clubkaschemme in Berlin-Mitte, der Mudd Club. Soundcheck, Dummdumm, Klebestreifen werden von der Bühne gerissen. Tim Smith schlägt vor, nach draußen zu gehen: „Es ist so schön da!“, sagt er, der Sänger von Midlake. Midlake kommen aus Denton in Texas. In ihren Songs geht es um junge Bräute, deren Schultern wie die von alten Frauen aussehen. Um Hügel, auf denen der Sänger sein letztes Mahl zu sich nehmen will. Und generell um einen Typ namens Van Occupanther, dessen Leben in elf Songs erzählt wird. Ein Gespräch mit Tim Smith über Gott, OC California und klassische Musik.
dominik-schottner

Herr Smith, der Herbst ist dieses Jahr war fast ein Sommer. Gibt es eine Jahreszeit, die am besten zu Ihrer Musik passt? Tim Smith: Nicht wirklich. Ich glaube, man kann sie immer hören. Das Album wurde über Monate hinweg geschrieben, durch verschiedene Temperaturwechsel hindurch. Aber wann es am besten passt, das müssen die Leute entscheiden, die es anhören. Viele davon behaupten, Ihr Album passe tipptopp in den Herbst, weil es so melancholisch-verträumt ist - können Sie das noch hören? Wenn ich die wäre, würde ich das auch denken. Kein Problem.

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Illustration: Julia Schubert

Und mit welchem Ort assoziieren Sie Ihr Album? Stadt? Land? Es ist definitiv ein ländliches Album. Wir singen von Wäldern und Hügeln, Hirschen und Jägern. Aber es würde auch als Soundtrack für einen Film funktionieren, der in der Stadt spielt. Wer hört schon auf die Texte, außer bei bedeutungsschwangeren Liebesszenen? Hätten Sie etwas dagegen, wenn einer Ihrer Songs in einer Fernsehshow wie "OC California" laufen würde? Wir wurden sogar gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, "Roscoe" genau für diese Sendung freizugeben. Es hat zwar am Ende aus anderen Gründen nicht geklappt, aber: Es geht mir nicht nur um die Kunst. Ich muss ja auch Geld verdienen. Seit sieben Jahren bin ich nun in dieser Band und immer noch ziemlich arm. Die Rechnungen kann ich gerade so bezahlen. Aber wir müssen 40.000 Exemplare unseres Albums verkaufen, damit es sich rechnet. Wieviele sind es momentan? An die 30.000. Darüber sind wir natürlich sehr froh. Vielleicht kriegen wir ja endlich mal nen Scheck dafür. Ich habe aber nichts dagegen, in einer Sendung wie "OC California" zu laufen - außer es würde unserer Karriere schaden. Ein guter Freund der Band, Jason Lee, der Hauptdarsteller von "My name is Earl", sagte, euer Album habe "Rückgrat. Es verarscht Dich nicht." Was meint er damit? Ich komme eher aus der klassischen Musik, höre viel Prokofjew, Rachmaninow und Wagner. Die Bilder, die diese Musik in meinem Kopf provoziert, haben eher mit dem 19. Jahrhundert zu tun als mit einem Spaziergang durch unsere heutige Welt. Durch ein Einkaufszentrum, McDonald's, Fernsehen. Das ist mir alles zu viel. Kunst ist ein sehr großer Teil meines Lebens. Pieter Brueghel ist zum Beispiel mein Lieblingsmaler. Diese Dinge kann man nicht erklären. So wie dieses Gebäude an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. An jeder Ecke waren große, goldene Statuen auf dem Dach. Das hat mich fasziniert. Haben Sie das Komponieren auf der University of Texas gelernt, wo Sie sich kennengelernt haben? Es gibt natürlich Seminare, wo man das lernen kann. Aber die habe ich nie belegt. Ich spielte damals Saxophon, weil ich ein bedeutungsloses Jazzstipendium bekommen hatte. 1998 habe ich dann die anderen Jungs aus der Band kennengelernt und das Saxophon links liegen lassen.


Wird Midlake eigentlich in Clubs gespielt? Nicht, dass ich wüsste. Aber in Bars spielen sie ab und zu "Young Bride", haben mir Freunde erzählt. Über Ihre Band sagte die Musikpresse, sie wäre "the great thing to watch in 2006". Was hat sich wirklich getan? Wir haben viel gute Kritik bekommen, exzellente Kritik teilweise. Nach unserem ersten Album, Bamnan and Slivercork, wussten wir, dass wir schnell ein weiteres machen müssen, weil das erste nicht trägt. Es war einfach nicht stark genug. Also habe ich mich wieder hingesetzt und neue Songs geschrieben. Und die Leute mögen sie, was uns sehr glücklich macht. Einige sprechen sogar vom Album des Jahres. Ja, das habe ich auch gehört. Wahnsinn. Vielleicht ist es ja aber auch nur mittelmäßig, ich kann das ja nicht beurteilen, weil ich zu sehr drin bin.

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Illustration: Julia Schubert

Ein weiteres großes Wort ist: Schicksal. Ihre Musik soll angeblich so klingen, als wären Sie mit Ihrem Schicksal im Reinen? Was soll das heißen? Normalerweise bin ich total nervös. Wenn ich mit Leuten rede zum Beispiel. Wenn ich musiziere, entspannt mich das aber ungemein. Brauchen Sie die Band, um zu entspannen? Ich bin ein Lernender und genieße es, ab und zu allein zu sein. Irgendwann sitzen wir aber wieder zusammen und diskutieren die Lieder, die ich im Stillen geschrieben habe. Ohne die Jungs würden die Lieder nicht so klingen, wie sie klingen. Wir lieben uns alle. Leben Sie auch zusammen? Früher, ja. Jetzt sind drei von uns verheiratet und deswegen ausgezogen. Ich bin seit fünf Jahren unter der Haube. Gehen Sie in die Kirche? Ich war zwar schon länger nicht mehr dort. Aber ich wurde definitiv religiös erzogen. Ich kann gar nicht anders, als an Gott zu glauben. Warum ist die Welt so komplex wie sie ist? Woher kommt dieses großartige Design? Das ist Gottes Werk. Kann das nicht auch einfach eine Art unsichtbare Hand sein? Hm, ich glaube an die Bibel. Da steht viel Zeug drin, auch wirres natürlich. Aber die Ereignisse, die darin beschrieben werden, haben wirklich stattgefunden. Ich finde, Gott ist sehr viel persönlicher als diese unsichtbare Hand. Sagen Sie! Natürlich weiß ich, dass viele Leute denken, ich sei bescheuert und zurückgeblieben. Aber, hey: Ich weiß schon, wie die Welt tickt. Trotzdem, oder gerade deswegen, begehe ich dauernd Sünden. Ich trinke manchmal zu viel, zum Beispiel.

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