Das große Gefäß im Netz: Christian Kortmann über YouTube und Co.

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Wann ist dir aufgefallen, dass auf YouTube und ähnlichen Seiten gepostete Filme eine Art neue Kulturform sind, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt? Ich bin über Werbeclips darauf aufmerksam geworden. Ich sollte für die taz etwas über einen Nike-Werbespot schreiben, der im Fernsehen nicht mehr lief, über das Internet aber noch greifbar war. Da habe ich gemerkt, dass über YouTube fast alles erreichbar wird, und dass da enormes Potenzial vorhanden ist. Ich fand diese Blindverkostung einfach toll: Man weiß im Voraus nie mit Sicherheit, was einen bei einem Clip erwartet und welchem Genre er angehört. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt, YouTube-Filme einer Kritik zu unterziehen. Auf YouTube ist man ja einer unglaublichen Überflutung von Filmen ausgesetzt. Wonach wählst du die Filme aus? Die Idee ist, dass durch die Kolumne auf lange Sicht eine Art Phänomenologie des Internetclips entsteht. Ich möchte also nach Möglichkeit Clips haben, die symptomatisch für ein Genre sind. Glaubst du, dass es sich um eine reine Unterhaltungsform handelt, oder dass Portale wie YouTube auch einen – sagen wir mal: basisdemokratischen Wert haben? Ich glaube, dass es beides sein kann. Politisch ist YouTube für mich spätestens, seit im Januar die Videos von Saddam Husseins Exekution dort zu sehen waren. Der Großteil der Filme ist natürlich reine Unterhaltung. Generell ist die Entwicklung aber in alle Richtungen offen. Glaubst du, dass der Hype um YouTube und Co. irgendwann wieder abnehmen wird? Ich glaube nicht, dass das eine Welle ist, die jetzt über uns hinweg schwappt und dann verschwindet. Das setzt sich fest, weil der Trend sich nicht allein aus dem Netz speist. Daher konnte überhaupt erst diese Lebendigkeit entstehen und aufrecht erhalten werden. Die Leute haben mit Fotohandys und Digitalkameras die nötige Technik immer griffbereit dabei. YouTube ist wie ein Gefäß, wo das alles zusammenfließen kann. Außerdem handelt es sich beim Film um eine ausgereifte, jedem bekannte Kulturform. Wir haben 100 Jahre Filmgeschichte, auf die wir zugreifen können. So wird zum Beispiel in selbst gemachten Internetfilmen die Hai-Perspektive von Steven Spielberg zitiert. Man kann mit Bildern umgehen und hat die Technik, es zu tun. In der Ankündigung zu euerer Diskussion steht, dass ihr auch über Phänomene wie Second Life sprechen wollt. Wie sieht es da aus mit der Langlebigkeit? Da ist die technische Hemmschwelle viel größer, man muss erst lernen damit umzugehen. Es gibt da ja sehr viele Einmalnutzer, die sich das nur aus Neugier anschauen. Obwohl das ja in der medialen Betrachtung schon zum neuen Heilskosmos hochgeschrieben wurde. Oder zum Anfang vom Ende der realen Welt… Das ist aber eine Befürchtung, die jedes neue Medium hervorruft: Dass es die reale Welt völlig absorbiert. Im Film "Truman Show" war es das Fernsehen, im 19. Jahrhundert wurde das Lesen von Romanen verurteilt, weil man der Meinung war, es fördere den Eskapismus, die Weltflucht. Ich halte das für eine völlig überzogene Vorstellung. Das werde ich übrigens auch in unserer Diskussion thematisieren. Macht dich deine Arbeit zum Internetjunkie? Ich habe viel damit zu tun, aber ich versuche, Distanz zu bewahren. Das Netz erfordert ein gutes Informations-Immunsystem, eine gute Filterfähigkeit, glaubwürdige und unglaubwürdige, wichtige und unwichtige Quellen zu unterscheiden. Entscheidend ist, dass man nicht im Netz, sondern mit dem Netz lebt. Foto: Annette Wild

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