Das Heidi-Prinzip: Warum bayrische Landmädels schlechtere Bildungschancen haben

Nach vier Jahren Grundschule wird entschieden, wie es weitergeht – auf Haupt-, Realschule oder Gymnasium. Ob in der Stadt oder auf dem Land, spielt dabei keine Rolle - könnte man denken. Die Soziologiestudentinnen Stefanie Weber und Iris Weber haben jedoch im Rahmen ihrer Magisterarbeit herausgefunden, dass man in der bayrischen Provinz mit anderen Maßstäben an die Bildungsentscheidung herangeht als in der Stadt. Dabei sind die Leistungen der Kinder in Stadt und Land gleich stark. Im jetzt.de-Interview erzählt Stefanie, 24, von den überraschenden Ergebnissen ihrer Arbeit.
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Illustration: Julia Schubert

Stefanie, eure Studie stellt die bayrische Landbevölkerung in ein besonderes Licht. Mit welcher Erwartung seid ihr an die Arbeit gegangen? Wir hatten während des Studiums schon eine Vorstudie mit rund 200 Befragten durchgeführt, bei der sich abzeichnete, dass Bildungsentscheidungen in Städten und ländlichen Gebieten unterschiedlich motiviert sind. Iris und ich sind in der Stadt aufgewachsen und wollten herausfinden, ob es diesen klassischen 60er-Jahre-Mädchen-Typus der ländlichen, katholischen Bildungsverliererin in Bayern heutzutage noch gibt. Wir haben unsere Abschlussarbeit dann als empirische Studie zu Bildungsentscheidungen in Stadt und Land anhand von 1096 Schüler- und Elternfragebögen an 21 Schulen durchgeführt. Wie habt ihr "ländlich" und "städtisch" definiert? Für die Stadt-Erhebung haben wir Befragungen an Grundschulen in Augsburg durchgeführt, die Land-Werte haben wir an Schulen in Orten mit unter 6000 Einwohnern erhoben. Anhand der Fragebögen hatten wir schließlich Bezugsgrößen aus Stadt und Land, von Schülern und Eltern sowie Jungen und Mädchen, die wir gegenüberstellen konnten. Mit welchem Ergebnis? Wir haben herausgefunden, dass die Konfession in Bildungs- und Zukunftsfragen junger Mädchen auf dem Land kaum noch eine Rolle spielt, was ja nicht so überraschend ist. Was wir allerdings nicht erwartet hatten, war die Tatsache, dass die Bildung der Mutter extrem stark ins Gewicht fällt. Die Land-Mütter haben im Vergleich nur eine etwas geringere Schulbildung als die Stadtmütter. Die schlechtere Qualifikation der Land-Mütter wird scheinbar als Maßstab für die Töchter zugrunde gelegt. Sind denn Grundschülerinnen auf dem Land schlechter in der Schule als die Stadt-Mädchen? Nein, es besteht kaum ein Unterschied hinsichtlich der Qualifikation. In der Stadt sind etwa 61 Prozent der Mädchen fürs Gymnasium qualifiziert, auf dem Land etwa 56 Prozent. Trotzdem wechseln nach der Grundschule nur 22 Prozent der Land-Mädchen zum Gymnasium, während es in der Stadt 44 Prozent sind. Es ist also eindeutig, dass Mädchen auf dem Land in Bildungsbelangen benachteiligt werden. Wie kommt es zu diesem Missverhältnis? Eine wichtige Rolle spielen die Vorstellungen der Eltern. Die Land-Eltern haben ein deutlich traditionelleres Rollenverständnis. Schule wird zwar als wichtig eingestuft, aber besonders für Mädchen nicht als zukunftsentscheidend. Wenn ein Land-Mädchen Leistungsschwächen zeigt, sieht man auf dem Land nicht unbedingt sofortigen Förderbedarf, während bei den Stadt-Eltern die Alarmglocken läuten, wenn die Tochter schulische Probleme hat. Könnte das am schlechten Image von städtischen Haupt- und Realschulen liegen? Ja. Wir haben festgestellt, dass Haupt- und Realschulen auf dem Land einen besseren Ruf genießen. Die Realschule wird dort quasi noch als "Volksschule" wahrgenommen, die für ein Mädchen offenbar ausreicht, wenn es ohnehin "nur" Hausfrau und Mutter werden soll. Bei den Stadt-Eltern, besonders bei den Müttern, ist die Hauptschule geradezu verpönt. Eine Hauptschulempfehlung wird als große Blamage eingestuft. Gehen aus den Eltern-Fragebögen auch Änderungswünsche hinsichtlich des Schulsystems hervor? Allerdings. Über die Hälfte der Land-Eltern, etwa 53 Prozent, wünscht sich das alte sechsstufige Gymnasialsystem zurück, bei dem erst nach der sechsten Klasse eine weiterführende Schulentscheidung getroffen werden muss. Der Leistungsdruck am Gymnasium wird von den Land-Eltern als zu hoch empfunden, 53 Prozent halten den Druck für unzumutbar und 28 Prozent der Land-Eltern wollen mit einer Entscheidung gegen das Gymnasium ihre Kinder schützen. In der Stadt hingegen sind 66 Prozent der Eltern der Meinung, dass ohne Abitur keine vernünftige Existenz möglich sei. Gibt es angesichts eurer Erkenntnisse Bestrebungen, diesen Missstand in Zukunft zu ändern? Es gibt zumindest Interesse seitens der Grünen. Die haben unsere Studie angefragt und Ende August auch im Landtag vorgestellt. Eine Journalistin, die unseren Kontakt gesucht hatte, hat mir erzählt, sie habe Iris' und meinen Namen direkt vom Kultusministerium erhalten, unsere Arbeit liegt dort also offenbar vor. Aber weder vom Kultusministerium noch aus der CSU-Landtagsfraktion kam bisher eine Anfrage.

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