Das Hello-Kitty-Syndrom

Bei der Pictoplasma-Konferenz von 19. bis 21. März in Berlin liegen sich Character Designer aus der ganzen Welt in den Armen. Warum gezeichnete Figuren so nahe gehen, das erklären die beiden Kuratoren im Interview
marlene-halser

Sie sind mittlerweile überall, lächeln von Hauswänden, winken aus E-Mails und werben für Autos (C’mon). Emotionale Figuren und Piktogramme sind die Weiterentwicklung von designten Logos, sagen Peter Thaler, 40, und Lars Denicke, 34, die beiden Kuratoren der Plattform Pictoplasma . Seit mittlerweile zehn Jahren sammeln Thaler und Denicke Charakter Designs aus der ganzen Welt und ordnen sie in ihren Büchern nach Themen. Auf ihren Konferenzen und in ihren Ausstellungen, wollen sie herausfinden, was passiert, wenn man die flachen Bildchen zum Leben erweckt.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ein Werk des Künstlers Faiyaz Jafri jetzt.de: Peter Thaler und Lars Denicke, was ist die Pictolasma-Konferenz? Lars Denicke:Formal gesehen ist Pictoplasma eine Designkonferenz für Character Design - also für gezeichnete oder am Computer entworfene Figuren. Das Label Designkonferenz stimmt aber nur formal. Pictoplasma zieht ein komplett anderes Publikum an und funktioniert auch ganz anders. Bei Pictoplasma geht es nicht darum, sich mit viel Geld einen angeblichen Wissens- oder Trendvorsprung zu verschaffen. Die Konferenz wird auch nicht von der Industrie veranstaltet oder gesponsort. Pictoplasma ist mehr so etwas wie ein Woodstockfestival für Künstler und Designer. Was passiert denn an dem Wochenende? Denicke: Natürlich gibt es auch Vorträge von Künstlern, Wissenschaftlern und Experten, aber in erster Linie erleben wir auf der Konferenz etwas zusammen - und zwar als kreative Fans. Es wird zwei Workshops geben. In einem gestalten wir Fanzines, das heißt jeder kann sich sein eigenes Heft aus vielen verschiedenen Zeichnungen zusammenkopieren und reproduzieren. In dem zweiten Workshop schneidern wir aus fehlbedruckten Disney-T-Shirts eine riesige Skulptur. Peter Thaler: Siebzig Prozent der Teilnehmer kommen aus dem Ausland: aus Südamerika, aus Japan, ganz viele aus Europa. Alle diese Menschen haben etwas gemeinsam, nämlich die Liebe zu kleinen gezeichneten oder designten Figuren. Auf der Konferenz lernen sie sich kennen, verbringen bis zu fünf Tage ohne Schlaf miteinander, sind völlig dehydriert und am letzten Tag fallen sich in die Arme und weinen. In diesem Moment wird die Liebe zu den flachen, lebelosen Figuren, die nur die Phantasie des Betrachters zum Leben erweckt, plötzlich körperlich.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

"patera de 86 negritos en cadiz" von Boris Hoppek Wie kommt es eigentlich, dass es plötzlich so viele verschiedene Figuren mit großen, runden Augen gibt? Denicke: Durch Computer wurden graphische Benutzeroberflächen und Gestaltungsmöglichkeiten für alle Leute zugänglich. Man kann jetzt mit einfachen Mitteln Figuren gestalten. Zugleich waren die Gestaltungsmöglichkeiten zu Beginn des kommerziellen Internets sehr begrenzt, weil die Übertragung sehr langsam war. Man brauchte damals einfache Figuren, weil es schon eine halbe Stunde dauerte, um ein paar Pixel hochzuladen. Diese limitierten Datenübertragungsmöglichkeiten gaben den Figuren damals ihre stilisierte Ästhetik. Thaler: Gleichzeitig bot das Internet die Möglichkeit, dass diese wenigen Pixel eben auch in Korea heruntergeladen werden konnten. Und damit entstanden ein weltweiter Austausch der verschiedenen Designs und eine Utopie von einer globalen Verständigung durch Bilder statt durch Worte. Das einfachste Symbol war der Smiley. Statt zu überlegen, ob man etwas auf deutsch oder auf koreanisch schreibt, begann man diese kleinen Tamagotchi-artigen Wesen zu entwerfen. Mit wenigen Mitteln, nämlich ein paar Punkten oder Pixeln, entstanden ein Gesicht oder irgendeine emotionale kleine Figur. Und wieso gefallen die Figuren plötzlich nicht mehr nur Kindern? Thaler: Das ergibt sich ebenfalls aus der graphischen Reduktion. Durch ihre Einfachheit funktionieren die Figuren wie eine leere Leinwand, auf die man alles projizieren kann. Wir nennen dass, das Hello-Kitty-Syndrom. Hello Kitty hat keinen Mund und deshalb auch eigentlich keinen Gesichtsausdruck. Man weiß gar nicht, ob sie traurig oder fröhlich ist. Dadurch ist sie eigentlich emotionslos. Dennoch wird sie von allen als niedlich empfunden, weil ihr Gesicht dem Kindchenschema halbwegs entspricht. Aber Hello Kitty ist nur das bekannteste Beispiel. Mittlerweile haben die reduzierten Figuren alle Medien erfasst. Auch die Streetart hat sich gewandelt. Satt komplexen Tags, sieht man jetzt überall freundliche Wesen, die Augenkontakt mit dem Betrachter suchen. Es geht heute nicht mehr so sehr um das Markieren eines Territoriums, sondern darum, über die eigene Kunst mit den Menschen in Kontakt zu treten. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Thaler: Da gibt es verschiedene Theorien. Eine Erklärung ist das so genannte Kidult, ein Begriff aus der Werbung. Diese Theorie besagt, dass es eine Generation von jungen Erwachsenen gibt, die sich weigern, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen und die ihre Kindheit verlängern wollen. Das kann man als etwas Schlechtes begreifen, in dem man sagt: Das sind alles degenerierte, kleine Lutscher, die sich lieber mal politisieren sollten. Man kann das ganze aber auch etwas wohlwollender betrachten und sagen: Im Leben werden bestimmte Anforderungen an uns gestellt und eine Hypersexualisierung der Gesellschaft setzt schon sehr früh ein. Diese Menschen suchen nach Rückzugsräumen, in denen alles ergebnisoffener, phantasievoller und spielerischer ist. Das klingt jetzt alles ein bisschen nach André Heller, aber so ist es. Und in diese Rückzugsräume passen die kleinen Figuren perfekt hinein. Man bewahrt sich also das Kinderspielzeug auf? Thaler: Zum einen das. Man bewahrt sich aber auch diesen leeren Raum, in dem das Licht aus ist und man sich etwas vorstellen kann. Die Figuren stehen heute für nichts mehr. Sie haben sich aus jedem Kontext gelöst und verweisen auf nichts anderes als den Augenkontakt. In einem ganz einfachen Schritt kann sie der Betrachter mit Empathie und Geborgenheit füllen. Und das auf der ganzen Welt.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Faiyaz Jafri Peter, Du hast irgendwann begonnen, die Figuren im Internet zu sammeln und zu katalogisieren. Warum? Thaler: 1999 habe ich meinen Job beim Animationsfilm gekündigt, weil mir die typischen Disney-Figuren nicht mehr gefallen haben. Dann hab ich die Internet-Figuren entdeckt. Die Härte der Figuren, die aus der Reduktion entsteht, hat mir gefallen. Man hat eine bestimmte Flachheit im Bild. Die Figuren sind sehr ebenmäßig, es entstehen starke, scharfe Kurven und es ist alles nicht mehr so detailliert und malerisch. Das fand ich gut. Dazu kam meine Sammelleidenschaft. Das Material lag auf der Straße und man musste es nur zusammen führen. Also begann ich Figuren aus verschiedenen Kontinenten zu sammeln und nach Motiven zu ordnen. Man konnte sich in unserem Archiv zum Beispiel ausschließlich glückliche Hasen, oder traurige Pandabären, oder nur pixlige DJs oder Streetart-Koalabären ansehen. Irgendwann hatte ich dann die Idee, man könnte die sich wiederholenden Motive kondensieren und vielleicht so eine Art Essenz daraus ziehen. Ein Projekt hieß zum Beispiel „The Essence of Rabit“. Später haben wir es das „Bunny Mandala“ genannt. Wir baten einfach alle Designer uns ihre Hasen-Bilder zu schicken. Daraufhin haben wir tausende von Hasen erhalten. Die Hasen haben wir dann nach einen Pfadmuster angeordnet und so ein Hasen-Mandala kreiert, vor dem meditieren kann. Wenn man lange genug drauf schaut, werden alle Hasen vor dem geistigen Auge zu einem Hasen. Wie kommt es eigentlich, dass sich die Motive wiederholen, gibt es da Trends? Thaler: Man kann feststellen, dass sich die Figuren mit der Zeit verändern. Am Anfang entwarfen die Designer zu achtzig Prozent extatisch-glückliche Menschen, DJs und freundliche Roboter mit großen Augen. Als wir dann für unser zweites Buch recherchierten, waren die Figuren plötzlich alle ein bisschen krank. Statt der großen, offenen Augen mit den 25 Glanzpunkten, hatten sie Kreuze, also tote Augen, ohne Blickkontakt. Im Laufe der Jahre lagen die Figuren dann immer öfter auch auf der Seite, waren also umgefallen, bekamen Pickel und Geschwüre und ihre Eingeweide hingen heraus. Bei der letzten Recherche haben wir dann plötzlich von völlig verschiedenen Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde fast schon religiös anmutende Bilder erhalten, auf denen die Wesen ihre Seele aushauchen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Fountain Of Youth von Gary Baseman Warum gibt es dieses Online-Archiv heute nicht mehr? Denicke: Weil es ein Web 1.0 Archiv war. Thaler: Das war wirklich überhaupt nicht Web 2.0. Die Künstler konnten nicht beeinflussen, was ich mit ihren Figuren mache. Mittlerweile bringen wir Bücher heraus, die genauso funktionieren, wie die ursprüngliche Idee unserer Webseite. Darin haben wir auch ausgewählte Figuren nach Themen geordnet und neben einander gestellt. Bei Eurer letzten Ausstellung in Berlin 2006 habt Ihr Kostüme nach den Vorlagen der Figuren geschneidert und die eindimensionalen Bilder damit zum Leben erweckt. Was habt Ihr diesmal vor? Thaler: Für uns war es immer wichtig, dass Pictoplasma nicht nur ein Internet-Projekt ist. Wir wollten die Computer-Nerds von Anfang an aus ihrem virtuellen Raum herausholen und zusammenbringen und sehen, was dann passiert. Deshalb haben wir auch die Figuren bei der letzen Ausstellung in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben erweckt. Erst haben wir über gefakete Ultraschallbilder eine Geburt simuliert und dann die Kostüme geschneidert. Dieses Jahr wollen wir den umgekehrten Weg gehen. In der Ausstellung sollen sich die Besucher in die Welt der Figuren begeben, in ein begehbares und begreifbares Pictopia. Pictopia-Ausstellung 19. März bis 3. Mai, Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

  • teilen
  • schließen