Das Internet ist ein Backofen: Wie du deinen Eltern das Netz erklärst.

Eltern und das Internet, das kann sehr amüsant sein – oder die Hölle: Nämlich dann, wenn man es sich wirklich ernsthaft vorgenommen hat, seinen Eltern das Internet mit allem Drum und Dran zu erklären und nutzbar zu machen. Jutta Croll und ihr Team von der Stiftung Digitale Chancen erklären, mit welchen Methoden dieses Ziel am besten zu erreichen ist.
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Jüngeren erschließen sich die meisten technischen Neuheiten auf Anhieb, oder zumindest nach kurzer Zeit. Ältere hingegen tun sich oft schwer, die Grundprinzipien zu verinnerlichen, die den meisten technischen Geräten und Anwendungen zu Grunde liegen – dass es ein Menu gibt, über das ich navigieren kann, einen Enter-Button, über den ich mich weiter bewege und so weiter. Ist das so, und wenn ja, warum? Der Erwerb von Technikkompetenz steht immer in Zusammenhang mit der jeweiligen Sozialisation. Einfach gesagt: Was man lernt, hängt davon ab, wie man gelernt hat zu lernen. Was man heute können muss, um mit Computer und Internet kompetent umzugehen, ist extrem verschieden von dem, was man noch vor dreißig Jahren im Umgang mit Technik können musste. Damit sind Erfahrungen, die die heutige Eltern- und erst recht die Großelterngeneration mit der Aneignung von technischen Geräten gemacht haben, nicht mehr zu verwenden. Das hat auch, aber nicht nur etwas damit zu tun, dass heutige Technik viel komplexer ist. Das heißt, es gibt nicht mehr ein Gerät mit einer Funktion, sondern ein Gerät, das ganz viele verschiedene Aufgaben erfüllen kann. Der zweite Grund ist, dass bei der Nutzung von Computer und Internet vieles in der Hand des Nutzers selbst liegt, und zwar sowohl im Bezug auf die Inhalte, die man im Internet findet, als auch im Bezug auf die eigenständige Ausnutzung der vielfältigen Möglichkeiten und die Gestaltung eines eigenen digitalen Raumes. Für diese Form des Umgangs mit dem Computer und dem Medium Internet gibt es in der Erfahrungswelt der Älteren keine Vorbilder.

Heute wird der Umgang mit Computern und Internet von Klein auf erlernt. Bei unseren Eltern war das noch anders. (Foto: ddp) Wenn ich meine Eltern an die Nutzung des Internets heranführe, soll ich sie möglichst viel selber erkunden lassen, oder selbst die Maus in die Hand nehmen und ihnen alles demonstrieren? Auf jeden Fall selbst ausprobieren lassen. Es gibt ja keine festgelegte Vorgehensweise, wie man lernt, ein Computerprogramm oder eine Internet-Anwendung zu bedienen. Zeigen Sie ihren Eltern gleich zu Anfang, wie man Bookmarks setzt, dann kann man später gemeinsam die Seiten noch mal anschauen, bei denen es Probleme gab. Bitten Sie Ihre Eltern außerdem, Fragen aufzuschreiben, damit man sie beim nächsten gemeinsamen Surfen besprechen kann. Soll ich ihnen erst eine Seite zeigen und sie dazu bringen, die möglichst gut zu beherrschen, und dann weiter voranschreiten? Oder lieber gleich Beispiele für unterschiedliche Arten von Internetanwendungen geben? Lernen klappt am besten, wenn es sich an den Interessen des Lernenden orientiert. Überlegen Sie, was ihren Eltern Spaß macht. Wer ein Ticket für ein Fußballspiel oder ein Konzert bestellt hat, wird danach den Umgang mit Online-Banking leichter lernen. Das Internet ist für viele Eltern ein homogenes Ding, wie zum Beispiel ein Backofen. Man kann es zum Beispiel ein- und ausschalten und sich ein neues besorgen, wenn es „kaputt“ ist. Wie erkläre ich ihnen am besten, wie das Internet wirklich aufgebaut ist? Muss man das denn wissen, um es zu benutzen? Sie können auch Auto fahren oder fernsehen und Radio hören, ohne zu wissen, wie die technischen Systeme dahinter aufgebaut sind. Davon abgesehen trifft es das Beispiel des Backofens eigentlich ganz gut. Wie gesagt: Der Umgang und das Verstehen von Technik beruhten bei den heute Erwachsenen darauf, wie sie in jungen Jahren gelernt haben, technische Geräte wie zum Beispiel einen Backofen zu bedienen. Eltern versuchen oft, Internet-Anwendungen mit ihnen bekannten Mustern zu erklären. Sie wollen zum Beispiel Fotos, die auf dem Computer sind, „auf Platte spielen“. Soll ich Vergleiche zu Bekanntem anführen, um das Neue zu erklären, oder ist es besser, das große Ganze, also auch mit eventuell verwirrenden Hintergründen zu erklären. Das hängt ganz davon ab, was Sie erreichen wollen. Um mit dem Internet gut umgehen zu können und die Anwendungen zu nutzen, die einen persönlich interessieren, muss man nicht 'das große Ganze' verstanden haben. Für die meisten ist es allerdings hilfreich, zumindest ein Grundverständnis von der Digitalisierung zu besitzen. Fotos sind ein gutes Beispiel, um das zu erklären. Der Unterschied zwischen einer digitalen und einer klassischen Kamera, einem Speichermedium oder einem Film: Das ist etwas völlig Verschiedenes, was zu ganz unterschiedlichen Möglichkeiten der Bearbeitung und Vervielfältigung führt, aber am Ende kann man von bei dem einen Papierabzug anfertigen, also etwas, was auch ältere Menschen kennen und verstehen.

Jutta Croll Mir scheint es, als hätten ältere Menschen oft einfach Angst, sie könnten etwas kaputt machen, wenn sie einen falschen Knopf drücken, und haben deshalb Probleme, sich Internetkompetenz autodidaktisch anzueignen. Ist das so? Ja, das ist so. Das hängt mit der Lebenserfahrung zusammen, die die Menschen in allen Bereichen mit zunehmendem Alter vorsichtiger werden lässt. Jüngere Menschen gehen unbekümmert und mit der Bereitschaft zum Risiko in viele Situationen, sie bewältigen diese meistens, aber auch nicht immer erfolgreich. Ältere riskieren weniger und gleichen das durch ihre Erfahrungen aus. Im Ergebnis kommen beide zum Ziel. Wie kann ich ihnen diese Angst nehmen? Machen Sie vor den ersten Schritten eine Sicherungskopie aller Daten und ein Back-Up vom System. Sagen Sie dann ihren Eltern einfach, es kann nichts kaputt gehen. Wie bewahre ich die zweifellos notwendige Geduld, um meine Eltern in Sachen Internet zu unterrichten? Das ist nicht so einfach. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, sich ausreichend Zeit zu nehmen und nicht einen Schnellkurs 'zwischen Tür und Angel' einzuschieben. Wichtig ist aber auch, sich eine zeitliche Begrenzung zu setzen. Zum Beispiel eine Stunde gemeinsam am Rechner und danach hat man noch Zeit, etwas anderes gemeinsam zu besprechen. Vielleicht erinnern Sie sich dran, ob und wenn ja mit wie viel Geduld ihre Eltern mit Ihnen die Grundrechenarten oder die ersten Lese- und Schreibversuche geübt haben? Für die Eltern ist es schwierig zu akzeptieren, dass das Lernverhältnis plötzlich umgekehrt werden soll. Das macht die Erwachsenen unsicher und die Jugendlichen ungeduldig. Vielleicht mal konkret: Wie erkläre ich meinem Vater, der noch nie ein Bild verschickt geschweige denn bearbeitet hat, dass er mir nicht 100 Urlaubsfotos in einer E-Mail schicken soll? Wenn er Ihnen die 100 Fotos als Abzüge per Post schicken wollte, müsste er auch mehr Porto auf den Brief kleben und vielleicht sogar ein Päckchen packen, das dann nicht durch den Schlitz des Briefkastens passen würde. Das ist mit E-Mails nicht anders, die den Engpass der Leitung – falls sie nicht einen DSL-Zugang haben – überwinden und in Ihr virtuelles Postfach passen müssen Es gibt massenhaft Computerkurse, zum Beispiel an Volkshochschulen. Wie muss ein solcher Kurs beschaffen sein, damit er Älteren etwas bringt? Kurse sollten generell auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichtet sein, das gilt für jüngere genauso wie für ältere Menschen; und die meisten lernen in der Peer Group besser als in altersgemischten Gruppen. Bei Älteren sind schriftliche Begleitmaterialien zum Kursunterricht beliebt, mit denen man das Gelernte zu Hause noch mal nacharbeiten oder auffrischen kann. Viele Ältere haben aber auch kein großes Interesse daran, Computer und Internetkenntnisse in einem Kurs zu erwerben. Da gibt es offensichtlich einen Unterschied zu zum Beispiel Sprachkursen bei der Volkshochschule, die ja sehr beliebt sind. Unser Eindruck ist, dass der Erwerb von Medienkompetenz in besonderem Maße individuell verläuft. Da fühlen sich manche Menschen dann in einem Kurs, der für alle gleich verläuft, nicht so gut aufgehoben. Gibt es eigentlich auch hoffnungslose Fälle? Das kommt darauf an, von welcher Seite aus man es sieht. Es muss ja auch nicht jede oder jeder lernen, mit PC und Internet umzugehen. Wir sind der Meinung, dass jede und jeder egal welcher Altersgruppe oder welchen Bildungsgrades, die Chance haben sollte, auszuprobieren, ob er was damit anfangen kann. Wie wichtig sind Englischkenntnisse? Natürlich ganz entscheidend. Wer Englisch kann, erschließt sich viele Dinge im Umgang mit dem Computer leichter. Das zeigen zum Beispiel auch die deutlich höheren Nutzerzahlen in den skandinavischen Ländern, wo Englisch praktisch die zweite Muttersprache ist. Ohne Englischkenntnisse gibt es eine gewisse Barriere, es fehlt ein Grundverständnis für manche Begriffe, die den Jüngeren ganz selbstverständlich erscheinen. So kann man sich zum Beispiel den Browser und wozu man ein solches Programm benötigt, viel leichter merken, wenn man aufgrund von Englischkenntnisse 'Browsen’ und das Netz durchstöbern' assoziiert. Ein Grundkurs in Englisch würde aber vermutlich nur wenig weiterhelfen. Eher ist seitens der Kinder noch einmal etwas Geduld gefragt, die aber sicher leichter fällt, wenn man sich klar macht, warum die Eltern wieder mal nicht zwischen Server und Surfer unterscheiden können.

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