„Das ist kein Seminar“

2012 ist das Jahr, in dem Dirk von Lowtzows Nebenprojekt Phantom Ghost wichtiger werden könnte als seine Hauptband Tocotronic
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Wann immer Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic, zum Interview gebeten wird, geht es irgendwann um Politik. Dabei würde er viel lieber über seine Musik reden, zum Beispiel über Aufnahmetechnik und Mikrofone auf dem neuen Album seines Zweitprojektes Phantom Ghost, das er mit Thies Mynther (Superpunk, Stella) betreibt. „Pardon my English“ heißt die bereits fünfte (und beste) Platte des Duos. 
 

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Illustration: Julia Schubert



  jetzt.de: Um neue Tocotronic-Platten wird in den Feuilletons viel Wirbel gemacht. Phantom Ghost-Platten erscheinen eher unbemerkt, woran liegt das?
  Phantom Ghost ist viel speziellere Musik und spricht nur wenige Leute an. Thies und ich sind gar nicht erpicht darauf, dass das groß wird. Für uns ist das ein exzentrisches Hobby, das wir für die Leute machen, die einen ähnlich schrulligen Musikgeschmack haben wie wir. 
  
  Ihr spielt beide auch in anderen Bands, Thies ist als Produzent zuletzt für Dillon tätig gewesen. Wie ist „Pardon my English“ da zwischendurch entstanden?
  Es gingen lange Gespräche übers Telefon voraus. Es gibt Felder und Themen, die uns beide interessieren und Phantom Ghost ist die geeignete Band um das umzusetzen. Seit zwei Platten interessieren wir uns sehr für Musical und Showtunes. Damit meine ich jetzt nicht Cats oder Starlight Express, sondern die Broadway Musicals der 20er- bis 50er-Jahre und deren Vorläufer, die Operetten. 
  
  Was fasziniert euch daran?
  Operetten sind in Deutschland in Vergessenheit geraten. Es wird oft verkannt, was für eine subversive Form das war. Da wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts viele interessante Themen behandelt, wie Genderfragen und Kritik an der herrschenden Moral. Außerdem haben viele Operetten einen sehr guten Humor. Das erinnert fast schon an Monty Python, verbunden mit einer schwulen Ästhetik. Das sind interessante Forschungsfelder für uns als Band.
 
  Es gibt einige direkte Referenzen zu bestimmten Musicals. Der Albumtitel, „Pardon My English“, zum Beispiel, ist ein Musical von George und Ira Gershwin. Wieso bezieht ihr euch gerade auf das?
Ursprünglich wollten wir hauptsächlich vergessene Musical-Stücke covern. Daraus ist nichts geworden, es gibt nur noch ein Cover auf der Platte. „Pardon my English“ ist eines der weniger bekannten Gershwin-Musicals. Wir fanden den Titel für uns wahnsinnig witzig und passend. Erstens wird mir immer nachgesagt, ich hätte im Englischen so einen starken deutschen Akzent. Dabei setze ich das bewusst ein, weil ich nichts peinlicher finde, als Deutsche, die sich um einen kalifornischen oder britischen Akzent bemühen. Und zweitens gibt es im Englischen die Redewendung „Pardon my French“, wenn jemandem etwas versehentlich rausgerutscht ist. 
  
  
    
  Tocotronic-Platten werden in den Medien stark politisiert. Bei Phantom Ghost ist das überhaupt nicht so, oder?
  Das ist mir jetzt zu sehr vom Mutterschiff Tocotronic aus gedacht. So ist es absolut nicht, auch bei Phantom Ghost gibt es Politisches. Der Song „Universal Prostitution“ behandelt den permanenten Druck der Leute, sich selbst zu verwerten und zu vermarkten. Das ist ein ganz bitteres Stück. „Doktor Schaden Freud“ greift auf witzige Art das Thema Burnout auf. Das ist ja im neoliberalen Kapitalismus eine der häufigsten Persönlichkeitsstörungen. Das kann man politisch sehen, kann es aber auch lassen. 
  
  Du wehrst dich ein wenig dagegen, dass deine Texte politisiert werden.
  Die Politisierung von Kunst und Musik ist in letzter Zeit wahnsinnig in geworden. Mir persönlich ist das egal. Mir ist es lieber, die Politik ist politisch. Ob etwas politisch ist oder nicht, hängt doch nicht nur vom Wortlaut ab. Das setzt auch immer ein Gelingen voraus. Es gibt Sachen die geben sich politisch, sind aber in Wahrheit nur pseudoprovokant. 
  
  Wie wird Kunst denn dann politisch?
  Ich finde, das bemisst sich nach anderen Maßstäben: Wie sind Dinge geordnet, wie werden sie gemacht, haben sie ein emanzipatorisches Potenzial, wie stehen Wörter in einem Text zueinander? Das sind die Dinge, die mich interessieren und nicht ob da steht „Occupy xy“. Die politische Meinung mag ich teilen, aber als politische Kunst finde ich das uninteressant.
  
  Von dir wird oft ein Rundumschlag zu gesellschaftlichen Themen erwartet. Woher kommt das Bedürfnis, sich von dir die Welt erklären zu lassen?
 Da kann ich überhaupt nichts dafür und wir, also sowohl Tocotronic, als auch Phantom Ghost, finden das schrecklich. Das ist ein unlösbares Problem. Es ist klar, dass es für Journalisten langweilig ist, zu fragen, wie die Platte entstanden ist und welches Mikrofon wir eingesetzt haben. Wir als Musiker würden aber am liebsten darüber reden. Aber die Fragen gehen oft in eine gesamtgesellschaftliche Richtung. Manchmal ist es okay, nach dem Hintergrund der Stücke zu fragen. Manches kann ja wirklich politisch gesehen werden. Aber es ist oft sehr müßig, Sachen noch mal zu erklären, weil ich denke, wenn etwas gelungen ist, dann sollte das klar werden.

    Und dennoch wirst du in Interviews gefragt, ob es ein Grundeinkommen geben sollte, was du von Gentrifizierung hältst und wie du Antisemitismus in Deutschland wahrnimmst.
  Zum Grundeinkommen soll man Katja Kipping fragen. Das ganze Songwriting ist für uns doch nur Fun, das macht Spaß. Ich denke, diese übertriebene Intellektualisierung und Politisierung unserer Texte ist auch ein von Journalisten gemachtes Problem. Das ist kein Seminar. Die meisten Leute, die zu unseren Konzerten kommen, tun das, weil sie eine gute Zeit haben. Die trinken Bier, knutschen vielleicht, singen mit. Da ist es erstmal egal, wie sie die Texte verstehen. 
  
  Aber mit Zeilen wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, haben sich viele Menschen identifiziert.
  Das mag sein. Aber ich habe Autoritäten immer verabscheut. Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich zu denken oder wo ich zu parken habe. Und genauso werde ich nicht irgendwem erklären, wie er meine Texte verstehen soll.
 
„Pardon my English“ erscheint am 18.06 bei Dial Records

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