"Das ist zynisch und menschenverachtend!"

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Vor genau fünfzig Jahren hat sich der Vatikan für den Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften geöffnet. Nun sorgt Papst Benedikt XVI. mit der Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson und der Ernennung eines ultrakonservativen Bischofs für Diskussionen. Wirft das Vorgehen des Papstes die katholische Kirche um viele Jahre zurück? Und: Wie steht es um das Verhältnis der Jugend zum Papst? jetzt.de hat mit Alexandra Schmitz, Bundesleiterin der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG), über die aktuellen Geschehnisse gesprochen.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Vor ein paar Tagen hat Papst Benedikt den ultrakonservativen Priester Gerhard Wagner zum neuen Linzer Weihbischof ernannt. Wagner hält "Harry Potter" für ein Teufelswerk, weil es angeblich Satanismus enthält. Was halten Sie davon? Alexandra Schmitz: Da fällt mir nur das Wort "Realitätsverlust" ein. "Harry Potter" ist ein großartiger Roman. Kein Jugendlicher würde auf die Idee kommen, die Bücher als Teufelswerk zu sehen. Ich finde diese Haltung schon sehr realitätsfern. Weihbischof Wagner hat außerdem den Hurrikan „Katrina“ eine göttliche Strafe genannt. Ihm zufolge sei es kein Zufall gewesen, dass der Sturm fünf Kliniken zerstörte, in denen abgetrieben worden ist. Wie finden Sie diese Äußerung? Um es noch freundlich auszudrücken: unmöglich. Durch den Hurrikan sind so viele Menschen gestorben. Das als Strafe Gottes zu sehen, weil es dort Abtreibungskliniken gegeben haben soll, ist zynisch und menschenverachtend. Und großer Blödsinn. Es sind auch Kirchen zerstört worden. Was würde das dann bedeuten? In der vergangenen Woche hat der Papst auch den Holocaust-Leugner Richard Williamson offiziell rehabilitiert. Werfen all diese Vorfälle die katholische Kirche jetzt um Jahre zurück und verprellen dadurch die modernen, jungen Christen? Ich glaube nicht, dass sich die jungen Menschen allein von solchen Entscheidungen und Äußerungen beeinflussen lassen. Die Mitarbeit in Kirchen oder Jugendverband ist vor allem Ausdruck einer eindeutigen und langfristigen Werteorientierung. Trotzdem ist die Jugend entsetzt über das Auftreten des Papstes. Ich kenne keinen Jugendlichen, der so etwas gut heißen könnte. Da stelle ich mir schon die Frage, was dem Papst wichtiger ist: Rechtsextreme Gläubige wieder zu integrieren oder zu schauen, was der Jugend wichtig ist. Wenn der Papst so weitermacht, dann wird es schwierig, die Jugend zu halten. Damit geht der Kirche die Zukunft verloren. Johannes Paul II. hat sich stark für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt. Es scheint fast so, als wolle Papst Benedikt die Linie seines Vorgängers bewusst korrigieren. Mein Eindruck ist eher, dass er sich nur wenig Gedanken über den Kurs seines Vorgängers macht, sondern ganz selbstbewusst sein eigenes Ding durchzieht. Papst Benedikt vertritt eine ganz klar konservative Haltung. Und diese Haltung scheint er nun ausbauen zu wollen. Dabei sah es beim Weltjugendtag 2005 noch ganz anders aus. Die Jugend war begeistert von der offenherzigen Art ihres Papstes. Tut sich Benedikt XVI. schwer, seine Rolle als Papst zu finden? Nach außen mag das vielleicht so scheinen. Aber ich glaube, dass die Rolle für ihn selbst schon längst klar ist. Er hat sich vielleicht taktisch überlegt, wie er den Anfang seiner Amtszeit möglichst konsensfähig gestalten kann. Das ist alles kein Zufall, sondern eher ein bewusst geplanter Weg. So ganz zufällig ist er ja auch nicht Papst geworden. Hat sich das Verhältnis junger Menschen zum Papst mittlerweile verändert? Viele Jugendliche befürchten jetzt, dass sie sich in Papst Benedikt getäuscht haben. Der Weltjugendtag 2005 hat gezeigt, dass die Jugend bereit war, auf den Papst zuzugehen. Diese Annäherung droht nun wieder zu zerbrechen. Sie fühlen sich nicht ernst genommen. Wenn er diese erzkonservative Linie weiterfährt, dann wird ein Großteil der Jugendlichen ein großes Problem damit haben… … und den Papst vielleicht bald gar nicht mehr ernst nehmen? Natürlich ist der Papst das Oberhaupt der katholischen Kirche und als solches auch bei den jungen Menschen anerkannt. Aber es ist schon ein Problem, wenn die Jugendlichen sich nicht mit ihrem Papst identifizieren können. Viele seiner Standpunkte gehen völlig an den Lebensvorstellungen junger Menschen vorbei. Die Jugendverbände setzen sich zum Beispiel für Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau ein. Da sind wir nicht immer einer Meinung mit dem Papst. Gleiches gilt für den Dialog mit anderen Kirchen und Religionen. Für diesen Dialog stand vor allem die Person Johannes Paul II. Was hat Papst Benedikt bisher Gutes getan, um Brücken zum Judentum und anderen Glaubensgemeinschaften zu schlagen? Was hat er Gutes getan? Ich könnte jetzt sagen: Er ist stets bemüht (lacht). Im Ernst: Es fällt mir im Schatten der aktuellen Ereignisse sehr schwer, mich auf seine guten Anregungen zu besinnen. Die gab es eher zu Beginn seiner Amtszeit. Da hat Papst Benedikt bewusst das Gespräch gesucht, mit den Gläubigen, mit anderen Religionen und auch mit der Jugend. Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren. Ob dieser Richtungswechsel jetzt eine bewusste Entscheidung Benedikts ist oder er dabei Einflüssen von erzkonservativer Seite folgt, darüber kann man nur spekulieren. Was erhofft sich die Jugend in der Zukunft von Papst Benedikt? Ich würde mir einen wirklich offenen Dialog mit der Jugend wünschen. Und natürlich einen etwas liberaleren Kurs. Viele junge Menschen wünschen sich, dass es ihm endlich einmal darum geht, alle Gläubigen in eine Gemeinschaft zu bekommen. Zurzeit droht eher die Spaltung der Kirche. Wirklich optimistisch klingen Sie nicht, Frau Schmitz. (zögert lange) Dringend notwendig ist, dass Benedikt ein deutliches Signal setzt, den eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Aber große Hoffnung habe ich nicht. Die Sozialpädagogin Alexandra Schmitz, 33, ist seit dem Jahr 2006 Bundesleiterin der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). Foto: dpa

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