"Das muss es auch geben." Warum Christoph Bauer bei RTL2 peinliche Fragen stellt

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Herr Bauer, am Montag lief die erste „Die Wahrheit…“-Show. Welches Feedback kriegt man eigentlich als Moderator? Die Quoten waren sehr gut, die Leute hat das wirklich interessiert und der Sender war zufrieden. Aus meinem Umfeld, also von Freunden und Kollegen, habe ich natürlich auch Feedback bekommen, das sich nicht unbedingt mit dieser Begeisterung deckt, aber das kann ich ganz gut auseinander halten. Und dass wir mit so einem Format bei den Feuilletons nicht richtig gut ankommen, war ja zu erwarten. Sie waren Moderator bei der Jugendkultsendung „Live aus dem Schlachthof“, seit Jahren moderieren Sie beim BR eine Kino-Sendung. Wie kommt man von dort zu einem Engagement bei RTL2? Ich bin in einer Moderatorenagentur, die haben mich zu einem Moderatorencasting angemeldet, das ist so üblich bei neuen Shows. Da bin ich hin und habe vorgesprochen und zwei Tage danach kam schon der Anruf von RTL 2 – etwas überraschend.

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Illustration: Julia Schubert

Christoph Bauer normal,... Was ging Ihnen durch den Kopf, bevor Sie zusagten? Ich habe eine Zeit lang überlegt, ob ich das machen möchte und mich dann mit den Produzenten und Senderleuten getroffen, um zu erfahren, wie das werden soll. Ich hatte auch einfach Lust, mal in den Sektor Unterhaltung reinzuschnuppern - so ein Angebot kommt nicht jeden Tag und ein bisschen Karriereplanung ist da auch mit im Spiel. Ich hatte davor schon einige Sachen auf dem Schreibtisch gehabt, die ich ablehnte, weil ich mir sicher waren, dass sie nicht funktionieren. Ich mache immer noch „KinoKino“, habe nebenbei eine Produktionsfirma, in der wir auch Arthaus-Filme machen. Dazu jetzt eben eine Unterhaltungsshow bei RTL2 – warum nicht? Was hat Sie denn ausgerechnet an „ Die Wahrheit…“ überzeugt? Das ist ja ein eingekauftes Format aus den USA, ich fand daran spannend, dass es so schnell funktioniert und die Kandidaten nur „Ja“ oder „Nein“ sagen müssen, um Spannung zu erzeugen und dass sie sich zu heiklen Themen bekennen müssen. Natürlich bewegt man sich mit manchen Sachen auch auf einem schmalen Grat. Einige Fragen sind arg grenzwertig. „Haben Sie schon mal ein großes Geschäft in die Badewanne gemacht?“ oder „Würden Sie ihr Kind abtreiben, wenn es behindert wäre?“ Es gab bei der Vorbereitung auch Fragen, die ich abgelehnt habe und es gibt auch welche, die mir nicht leicht über die Lippen kommen. Aber das ist nur eine Show, die Leute können jederzeit aussteigen, wenn sie ihre Wahrheiten doch nicht einer großen Öffentlichkeit preisgeben wollen. Außerdem wurden sie ja vorher schon über die Fragen informiert. Ich denke, die haben längst mit ihren Familien abgesprochen, was da gesagt wird. Es ist eher so, dass ich die Kandidaten manchmal abbremsen und fragen muss: Wollen sie hier wirklich weitermachen? Nach welchem Moderatorenprofil hat RTL2 denn gesucht? Es sollte wohl schon etwas seriöser sein und dem Zuschauer vor allem das Gefühl vermittelt werden, dass da einer gekonnt Fragen stellt und auch mal nachhakt, warum es zu dieser oder jener Begebenheit kam. Viele Fragen sind ja sehr unterhaltsam und lustig, da kann ich als Moderator dann natürlich was rauskitzeln.

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Illustration: Julia Schubert

...und mit RTL2. Vom öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehen zum brachialen Privatsenderformat – klingt nach drastischen Unterschieden. Welche fallen ihnen denn bei ihrer Arbeit auf? Der Bayerische Rundfunk ist ein großer behäbiger Tanker, im Vergleich dazu ist RTL2 ein wendiges Speedboat. Es geht da sehr schnell und spaßorientiert zu und man bewegt sich vorwiegend an der Oberfläche. Das stört Sie nicht? Nein, das muss es eben auch geben. Der "Spiegel" spricht von einer „neuen Dimension des Intimitätsterrors“, wie stehen Sie dazu? Erstmal habe ich mir die Show ja nicht ausgedacht. Ich finde aber auch nicht, dass es ein Intimitätsterror ist. Es sind schon intime Fragen, die da zur Sprache kommen, aber Terror ist es nicht, die Menschen wissen, wie gesagt, was auf sie zukommt. Als Zuschauer ist man es heute doch gewohnt, dass sehr private Dinge im Fernsehen ausgebreitet werden - die ganzen Talkshows machen seit Jahren nichts anderes. Und die Produzenten von „Die Wahrheit…“ sind die gleichen, die zum Beispiel auch die „Supernanny“ machen - die sind sich ihrer moralischen Verantwortung schon sehr bewusst. Würden sie ihre zwei Töchter die Sendung denn ansehen lassen? Nein, keinesfalls! Die sind viel zu klein dazu, wir fangen gerade mit dem „Sandmännchen“ an. Und später, na, ich würde mir natürlich wünschen, dass sie dann nur Kika und Arte gucken. Nächste Folge von "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" am 4. Februar, 22.15, RTL 2

Text: max-scharnigg - Fotos: RTL 2 / Bernd Eberle

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