„Das sind wir“

Der 28-jährige Benjamin Griffey, alias Casper, ist für viele Rap-Anhänger ein Hoffnungsträger. Auf seinem Album "XOXO" hat er nun Postrock mit Rap verwoben
daniel-schieferdecker


Der Titel des Openers auf deiner neuen Platte dürfte in etwa dem entsprechen, wie du dich bei den Aufnahmen gefühlt hast. Er lautet: „Der Druck steigt“. Wie stark hast du diesen Druck verspürt?
Der war schon enorm. Einen gewissen Druck gab es natürlich bei jeder Platte, aber nach dem letzten Release ist ein medialer Szene-Hype entstanden, durch den ich zum nächsten großen Ding stilisiert wurde. Auf einmal haben mir alle auf die Finger geguckt, jedes Wort von mir wurde auf die Goldwaage gelegt, sämtliche Schritte von mir wurden kommentiert. Das hat dazu geführt, dass ich Ende letzten Jahres plötzlich eine riesengroße Schreibblockade hatte. Ich war komplett durch und musste erst einmal aus diesem ganzen Berlin-Trubel raus und bin dann ein Woche lang zu Mutti nach Bösingfeld in der Nähe von Bielefeld gefahren.  

Du hast die Platte ja auch mehrfach verworfen.
Ja, das stimmt. Aber jede normale Rap-Karriere beinhaltet am Anfang folgende drei Stationen: Erst kommt die Anti-Platte. Dann kommt die ambitionierte Hunger-Platte. Und dann die Platte, auf der man hört, dass der Hunger wieder weg ist und einem der Ruhm zu Kopf steigt – und Letztere hatte ich fertig. Allerdings interessiert das kein Schwein. Ich wollte selbst kein Album mit so einem Luxusgejammere haben, auf der man sich darüber beschwert, dass man Fans hat und nun auf der Straße angesprochen wird – davon habe ich als 14-jähriger schließlich immer geträumt. 

Im HipHop geht es häufig darum, „real“ zu sein und wahre Geschichten aus dem Leben zu erzählen. Wenn sich dieses Leben jedoch verändert, verändern sich auch die Geschichten. Insofern wäre es doch eigentlich bloß konsequent gewesen, die neue Lebensrealität zum Inhalt der Texte zu machen, oder nicht?
Aber man kann doch nicht eine Stimmung schaffen, nach der alles größer und geiler werden soll, und wenn es dann endlich so weit ist, plötzlich alle Leute fallen lassen, die diesen Weg über Jahre zusammen mit dir mitgegangen sind. Im Interview kann man darüber sprechen, wie groß der Druck war, diese Erwartungen zu erfüllen. Aber auf der Platte wäre das ein Schlag ins Gesicht der Fans gewesen - und ins Gesicht des 14-jährigen Benjamin Griffey auch.

Welche inhaltliche Intention hattest du denn beim Arbeiten an „XOXO“?
Ich wollte mit dieser Platte einen Gegenpol schaffen. Deutschrap ist in den letzten Jahren sehr inhaltslos geworden – trotz einer guten Basis. Aber es gibt einfach nichts, was das Lebensgefühl der Jugendlichen im Jahr 2011 beschreibt: Den Status Quo beim Zurechtfinden mit der eigenen Orientierungslosigkeit, den Gegensatz zwischen Groß- und Kleinstadtmentalität, steigende Jugendarbeitslosigkeit – genau dort wollte ich ansetzen. 

Warum war dir das so wichtig?
Weil ich das Gefühl habe, das den Leuten heute zu viele Dinge egal sind. Im Opener des Albums sage ich: „(Wir) reden viel, sagen nichts/Lebensstil: Fragwürdig/[...] stehen für vieles, fallen für nichts“. Die Leute gehen saufen, nehmen Drogen, machen Party, aber sie beziehen keinerlei Stellung mehr zu irgendwas. In meiner Jugend haben wir auch gekifft wie die Bagger, aber wenn bei einer Jam ein paar Glatzen vorbeikamen, dann haben wir denen aufs Maul gegeben. Einfach deshalb, weil sie Nazis waren.  

Und du meinst, das wäre heute nicht mehr der Fall?
Genau. Das sieht man doch in sämtlichen Bereichen, den Studiengebühren zum Beispiel. In Hannover haben sich ein paar Leute auf die Straße gesetzt, doch als die Polizei vorbeikam und sie zum Gehen aufgefordert hat, sind sie gegangen. Einfach so. Paris hätte gebrannt. London hätte gebrannt. Aber in Deutschland: Nichts.  

Und auf das fehlende Bewusstsein für solche Dinge willst du mit der Platte aufmerksam machen?
Ich will nicht auf großer Revoluzzer machen und möchte auch nicht der Anführer oder Retter von irgendetwas sein. Aber ich möchte ein bisschen sticheln und auf bestimmte Begebenheiten hinweisen. Die Leute sollen auf meiner Platte etwas über den Zeitgeist erfahren. Deshalb war es mir auch so wichtig, nicht auf dem Cover zu sehen zu sein. Die Leute sollen schließlich nicht die Platte in die Hand nehmen und sagen: „Das ist Casper.“ Ich möchte, dass die Leute die Platte in die Hand nehmen und sagen: "Das sind wir.“  

http://www.youtube.com/watch?v=JIGM2dZX0CY  

In der Presseinfo steht, „XOXO“ sei „das Manifest einer Generation, die irgendwo zwischen Reizüberflutung, Scheinfreiheit und Selbstverwirklichungsdruck nach Halt sucht“.
Ich bin damals zwischen Tradition und Rebellion aufgewachsen. Wir sind rausgegangen und haben Scheiße gebaut, aber unsere Mütter trotzdem nicht Huren genannt. Wir haben als Jugendliche in unserer Kleinstadt auch aus lauter Langeweile Telefonzellen kaputt getreten und wussten nicht warum. Aber wir haben die Strafe dafür kassiert, die Konsequenzen daraus gezogen und es verstanden. Es gab diese Mischung aus Rap, Punk und Rebellion, gleichzeitig aber auch das Verstehen von Regeln. Das fehlt mir heute.  

Wie wichtig ist im Zuge dessen die musikalische Verbindung von Rap und Rock auf deiner Platte?
Das wird sich erst noch zeigen. Aber selbst, wenn die Fans die Platte nicht mögen und sie von den Medien zerrissen wird, dann kann ich in zehn Jahren immer noch sagen: „Wisst ihr noch damals, dieses dumme Projekt mit Postrock und Rap? Dieses Fiasko? Dieses riesige Versagen? Das waren wir!“ Und wenn es durch die Decke gehen sollte, dann ebenfalls deshalb, weil wir die Eier dazu hatten. Ich möchte einfach dieser Präzedenzfall sein. Die Initialzündung. Entweder 0 von 10 oder 10 von 10. 

Die Platte ist bei Amazon schon seit Wochen auf Platz 1 der „Top-Vorbesteller“. Aber was, wenn alle Rezensenten die Platte bloß okay finden?
Das wäre die Hölle für mich. Mittelmaß ist der Tod. Das darf nie der Ansatz sein.  

Du giltst als einer der spannendsten Rapper zur Zeit und wohnst in Berlin, kommst aber aus einer der langweiligsten Städte des Landes. Wie viel Bielefeld steckt in diesem Album?
Diese Platte ist zu 100% Bielefeld. In Berlin tickt der Puls viel zu schnell, als das die Dinge genügend Wertschätzung erfahren würden, und das ist schade. Ich merke selbst, wie ich in diesem ständigen Trubel nach und nach wahnsinnig werde. Dieses ganze aufgesetzte Hipstertum geht mir mittlerweile extrem auf die Nerven. Es geht nur noch um Drogen, Saufen und Partys. Dabei haben diese selbsternannten Party-People in Wirklichkeit überhaupt nichts zu feiern.  

Du hast mal gesagt, dass es schön sei, dass viele Menschen verstehen, wo man hinwill und im gleichen Moment merken, dass HipHop doch nicht so uncool ist wie viele immer denken. Was ist es denn eigentlich, was viele an HipHop mittlerweile uncool finden? Siehst du dich da auch in der Pflicht, HipHop in Schutz zu nehmen und für seine Reputation zu kämpfen?
Ich habe vor jedem Journalisten, der seine HipHop-Abneigung auch nur in einem Nebensatz hat fallen lassen, jedes Mal gesagt, dass ich ihm zwei Stunden lang darüber referieren kann, warum jemand wie Kollegah krass ist und kultureller Konsens sein sollte. Genauso könnte ich auch begründen, warum ein Rapper wie Haftbefehl von jedem geliebt wird. Und ich kann auch erklären, warum jemand wie Bushido wichtig ist. Aber ich verstehe natürlich auch die Kritik der Leute, denn Rap ist an vielen Ecken stillos geworden. Und wenn sich Deutsche plötzlich mit Migranten identifizieren und sich ein Tobias artikuliert wie Murat, dann wirkt das natürlich komisch auf ältere Menschen – und auf mich auch. 

Hast du das Gefühl, dass es HipHop in Deutschland nach wie vor an einer eigenen Identität fehlt?
Ja, leider. Wir haben nichts Eigenes und klauen uns alles aus Amerika, England und Frankreich zusammen. Dadurch wirkt es lächerlich. Die wichtigen Szenevertreter haben es leider verpasst mitzuwachsen und die Leute mitzunehmen. Jay-Z hat mit 18 „Reasonable Doubt“ aufgenommen und danach Platten gemacht, in denen sich sowohl Ältere als auch Jüngere wiedergefunden haben. Der hat eine universelle Coolness entwickelt, die von allen verstanden wird. Das, was deutsche Rapper mit 35 machen, ist aber nicht universell cool. Das versteht kein Gleichaltriger ohne engen HipHop-Bezug, also tauschen sich immer bloß die 16-jährigen aus. Wir sind auf dem Level von 2000 stehengeblieben. Wenn Samy mit „Schwarz Weiß“ nun eine erwachsene Rap-Platte macht und Savas sich auf „Aura“ endlich weiterentwickelt, dann könnte Rap auch hierzulande Stadien füllen. Wir brüsten uns doch stets damit, ein textliebendes Land zu sein. Es scheitert einzig und allein daran, dass die Gallionsfiguren der Szene es bisher nicht geschafft haben, den Ansprüchen daran gerecht zu werden.



"XOXO" von Casper erscheint am Freitag bei Four Music.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Stickle (Andreas Janetschko)

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