„Das Spiel mit der Liebe wird nicht einfacher“

Brett Anderson hat mit Suede Anfang der 90er Jahre den Britpop miterfunden. Im jetzt.de-Interview spricht er über sein neues Album und die dunkle Seite der Liebe.
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Illustration: Julia Schubert



Brett, du hast mal gesagt, dass die Themen Liebe und Sex so was wie „die Währung des Pop” seien. Hat sich dein Verhältnis zu diesen Themen mit den Jahren verändert? Bist du als Songwriter sensibler geworden?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich schreibe eigentlich nicht anders über Liebe und Sex als ich es vor 20 Jahren getan habe. Vielleicht bin ich persönlich etwas sensibler geworden, was bestimmte Dinge angeht, nicht aber als Songwriter. 

Dein neues Album „Black Rainbows” klingt aber irgendwie verletzlicher als deine bisherigen Band- und Soloplatten. Findest du nicht?
Zumindest bildet dieses Album eine sehr spezielle Gefühlswelt ab. Die Songs sind schon ziemlich persönlich, handeln von verschiedenen Dingen, die ich selbst in Beziehungen erlebt habe.  

Gleich im ersten Stück auf „Black Rainbows” vergleichst du das Leben mit einem „unsung lovesong”. Was muss man deiner Meinung nach denn erlebt haben, um den perfekten Lovesong schreiben zu können?
Ich weiß nicht ob jemand, der besonders viele Beziehungen geführt hat, unbedingt besser über Liebe schreiben kann als jemand, der weniger erfahren ist. Das Spiel mit der Liebe wird mit den Jahren ja nicht einfacher. Nur weil man irgendwann erfahrener ist, heißt das noch lange nicht, dass man es besser beherrscht. Womöglich reicht es schon, wenn man einmal gefühlt hat, was Liebe ist, um auch ein gutes Liebeslied schreiben zu können. Der ultimative Lovesong könnte möglicherweise auch nur auf einer besonderen Vorstellung von Liebe basieren.   

Viele Songwriter sagen ja, wer noch nicht durch harte Herzschmerzzeiten gegangen ist, wisse nicht um den wahren Wert von Liebe und könne deshalb auch nicht angemessen davon erzählen …
Das würde ich so generell nicht sagen. Wobei: das erste Mal, als ich mich wirklich betrogen und unglücklich gefühlt habe, hatte ich irgendwie auch einen besseren Zugang zu Worten für dieses Gefühl.  

Kannst du dich noch genau an diesen ersten Herzschmerz erinnern?
Ja, kann ich.  

Magst du ihn mal beschreiben?
Nein. (lacht)  

Als Songwriter scheint es dir dagegen immer leichter zu fallen, bei Persönlichem ins Detail zu gehen …
Mit 22 war ich viel düsterer als heute. Jetzt ist diese Teenage-Angst natürlich vorbei und meine Sicht aufs Leben im Vergleich zu damals geradezu vereinfacht. Auch weil ich meine Grenzen mittlerweile kenne. Aber nicht jeder Satz in meinen Songs ist direkt aus dem Leben genommen, manchmal fiktionalisiert man ja sein Leben für die Musik. Wenn man seine Vorstellungskraft nicht mit ins Songwriting einbringen würde, wäre das langweilig. Außerdem: niemand will genau das hören, was passiert ist.   

„Black Rainbows” zelebriert besonders die dunkle Seite der Liebe. Es scheint, als wolltest du dem Hörer sagen wollen, dass man eine Leidenszeit auch mal genießen sollte.
Ich spüre lieber einen Schmerz, als gar nichts. Wenn man einen Scherz spürt, weiß man zumindest, dass man am Leben ist. Ich finde nichts beängstigender, als einen Moment, in dem man absolut und überhaupt nichts fühlt. Das ist dann so nach dem Motto: Ich toleriere das Leben einfach, wie es ist. Da ist mir dann doch das eine oder das andere Extrem lieber.  

http://www.youtube.com/watch?v=VcvPQ3zY_QI

Auf dem Album gehst du sogar noch weiter. Im Song „This Must Be Where It Ends” zum Beispiel lieferst du dich ganz der Geliebten aus, wegen der es dir doch so schlecht geht, rufst um Hilfe und siehst dich schon fast am Ende. Würdest du einem liebeskranken Menschen diese innere Aufgabe eher empfehlen als den Schmerz zu bekämpfen?
Wie kann man denn den Schmerz bekämpfen?  

In dem man versucht, zumindest temporär glücklich zu sein. Zum Beispiel bei einem Treffen mit Freunden …
Man muss schon mit den Schmerzen leben – sie sind ja da, so oder so, man kann sie auf Dauer nicht vermeiden. Die einzige Möglichkeit, ihnen für eine Zeitlang fern zu bleiben, ist sich zu betrinken oder Drogen zu nehmen. Aber das hilft ja auch nicht. So oft man die Schmerzen unterdrückt, so oft kommen sie auch wieder. Man kann sich nur von ihnen befreien, indem man sie aushält.  

Einmal singst du auf dem Album: „I am burning, I’m still learning.“ Welche Message steckt hier drin? 
Das ist eine wichtige Zeile für mich. Ich will damit sagen, dass man im Leben nie an den Punkt kommt, an dem man sagen kann: Jetzt weiß ich alles! Wer so was sagt, weiß gar nichts. Man sollte niemals zu selbstzufrieden sein, das gilt in meinem Fall fürs Leben wie für die Musik. Dies ist jetzt mein zehntes Album, und ich lerne immer noch. Ich genieße das Lernen auch sehr. Der Tag, an dem ich das Gefühl habe, nichts mehr zu lernen, wird der Tag sein, an dem ich es aufgebe.  

Dann noch kurz zum Albumtitel. Willst du mit „Black Rainbows” ausdrücken, dass diejenigen, die in der Liebe nur Gutes vermuten, schlichtweg naiv sind?
Ich mag diese Interpretation – aber das ist natürlich nicht die einzig mögliche. Das Schöne an Kunst ganz allgemein ist doch: nichts ist absolut. Ich habe natürlich meine ganz persönlichen Gründe, warum ich das Album „Black Rainbows“ genannt habe. Aber ich finde es eben auch großartig, dass zu diesem Titel jedem etwas Eigenes einfällt. Bei Bildern zum Beispiel ist das genau so. Es kann passieren, dass man sich im Museum bei einem 150 Jahre alten Porträt einer Frau total an die Nachbarin von gegenüber erinnert fühlt. Und nur, weil das eine unmögliche Interpretation des Bildes ist, ist sie doch nicht weniger wert als jede andere. 

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Illustration: Julia Schubert


 „Black Rainbows“ von Brett Anderson erscheint am 14. Oktober auf Embassy Of Music/Warner.

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