"Den Bankern wird nichts passieren"

In Bussen zur Blockade: Ab Freitag demonstrieren zehntausende Blockupy-Aktivisten in Frankfurt gegen die Krisenpolitik der EU, gegen Sozialabbau und Abschiebungen. Was sie sich davon erhoffen? Ein Aktivist erklärt es im Interview.
frank-seibert
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Das erste Zelt von Blockupy stand schon am Dienstag. Für das kommende Wochenende haben sich zehntausende Demonstranten angekündigt.

Michael, was ist das Ziel von Blockupy?
Blockupy will die Verursacher der Finanzkrise in den Fokus des Protest rücken – also die Banken. Wir ziehen vor die Europäische Zentralbank in Frankfurt und machen unserem Ärger Luft. Wir haben die Schnauze voll, dass die Auswirkungen der Krise auf dem Rücken der ganzen Bevölkerung ausgetragen wird, obwohl die meisten völlig unbeteiligt sind.  

Wie sieht dein Wochenende aus?
Wir fahren heute (Donnerstag) in mehreren Bussen nach Frankfurt und lassen uns dort in einem Camp nieder, das von den Demonstranten vor Ort aufgebaut wurde. Abends gibt es ein Plenum in dem der Ablauf und die bisherigen Pläne des Bündnisses durchgesprochen werden. Freitag früh wird es die erste Welle der Blockaden geben, da werde ich mich vor die EZB setzen. Tagsüber soll es eine zweite Welle der Proteste geben – da wird auf die Krisenträger hingewiesen: Beispielsweise die Deutsche Bank mit ihrer Spekulation auf Nahrungsmittel. Es wird auch Proteste am Flughafen Frankfurt geben, über den Abschiebungen von Flüchtlingen laufen. Außerdem will ich mich an den Diskussionsveranstaltungen beteiligen. Dort wollen wir auch darüber sprechen, was die Alternativen für unser derzeitiges Bankensystem sein könnten. Zum einen wollen wir also demonstrieren, zum anderen mit maßvollen Blockaden und zivilem Ungehorsam auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen.  

Was verstehst du unter zivilem Ungehorsam?
Unser Protest ist symbolisch: Wir blockieren die Banken für eine gewisse Zeit. Wir setzen dabei friedlich und passiv unsere Körper ein und versperren den Mitarbeitern der Geldinstitute den Weg. Wir wollen uns in den Weg dieses ganzen Ablaufs stellen. Von uns geht dabei aber keine Eskalation oder Gewalt aus.  

Schadet ihr mit den Aktionen Unbeteiligten?
Niemand wird von uns angegriffen oder durch uns zu Schaden kommen. Auch den Bankern wird nichts passieren. Beim Flughafen geht es nur darum Aufmerksamkeit zu erzeugen, auf das Problem der Abschiebungen, und nicht darum den Flugverkehr zu stören. Unser Protest richtet sich nicht gegen die Banker persönlich, sondern gegen das System. Die Blockaden sollen deutlich machen, wie der Alltag in Frankfurt aussieht. Ein Alltag, in dem Banken jeden Tag Unsummen zu Lasten anderer investieren oder verlieren. Diesen Alltag wollen wir hinterfragen.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Michael Koschitzki, 27: "Reichtum demokratisch nach den Bedürfnissen Aller organisieren."

Einige Banken haben angekündigt, dass sie am Freitag gar nicht erst öffnen werden...
Das ist doch eine super Reaktion auf unsere Proteste. Das zeigt ja schon, wie erfolgreich wir im Vorfeld sind.  

Warum sollten sich junge Menschen für das Thema interessieren?
In vielen Nachbarländern sehen wir schon jetzt, was uns auch in Deutschland bald erwarten wird. Zum Beispiel die Jugendarbeitslosigkeit – sie ist ein Kennzeichen der Krise. Auch wenn wir bisher verschont geblieben sind: Das geht uns ganz direkt an. Wir sind einfach sehr abhängig von den umliegenden Ländern. Und wenn es denen schlecht geht, wird sich das auch bei uns bemerkbar machen. Wir wollen uns gemeinsam wehren und gemeinsam auf die Straße gehen.  

Was wäre denn deiner Meinung nach die beste Alternative?
Meiner Meinung nach sollte das System, das eher auf den Profit und weniger auf die Bedürfnisse der Menschen eingeht, ersetzt werden durch ein System, in dem der Reichtum demokratisch nach den Bedürfnissen Aller organisiert wird. In Form des demokratischen Sozialismus. Das ist aber meine Meinung. Am Wochenende werden wir darüber viel diskutieren. Andere sind vielleicht nicht grundsätzlich gegen Kapitalismus, sondern nur gegen die Art, wie er praktiziert wird.  

Was meinst du, wie sich der Protest im Gegensatz zum vergangenen Jahr verändern wird?
Ich hoffe, dass es ähnlich viele Teilnehmer geben wird – und ein ähnlich großes internationales Echo. Letztes Jahr hat eher die Polizei die Stadt blockiert, als wir. Sie haben Demonstrationen verboten und die Stadt abgesperrt. Für mich sieht es so aus, als hätte die Polizei ihre Taktik geändert. Das ist ein Erfolg der Proteste gegen das Vorgehen im letzten Jahr. Da wurde das Demonstrationsrecht ziemlich verletzt. Dieses Jahr nimmt die Polizei davon Abstand, alle Demos zu verbieten. Ob die Polizei aber wirklich die Versammlungen im angekündigten Maße tolerieren wird oder nicht doch noch gegen uns vorgeht, da bin ich mir nicht so sicher.  

Glaubst du, dass diese Proteste wirklich was verändern können?
Auf jeden Fall. In anderen Ländern wie Portugal haben es die Demonstranten geschafft, dass die Regierung Sparpakete in der ersten Lesung zurück nehmen musste. In Deutschland hat die Anti-Atom-Bewegung dazu beigetragen, dass zahlreiche Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Jeder Protest ist wichtig und notwendig. Ich werde mich auch nicht nur in Frankfurt beteiligen, sondern auch im Rahmen anderer Aktionen. Ich glaube, wer kämpft, der kann auch was bewegen.

Text: frank-seibert - Fotos: dpa, privat

  • teilen
  • schließen