„Der 9. November 1989 war die Tragödie meines Lebens“

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Eija, wann hast du die Berliner Mauer das erste Mal gesehen? Eija-Riita: Als sie gebaut wurde, 1961, auf einem Fotos, ich glaube in der Zeitung. War es Liebe auf den ersten Blick? Ich fand ihn schön, aber damals war ich erst sieben Jahre alt, zu jung, für romantische Gefühle. Aber als ich älter wurde, wuchs die sexuelle Anziehungskraft. Mit 23 bin ich dann nach Berlin gefahren, um ihn endlich „live“ zu sehen. Wie war die erste Begegnung? Wunderbar. Ich habe ihn ja davor schon geliebt, aber ihn wirklich zu treffen… Ich war sehr schüchtern, am Anfang habe ich mich kaum getraut, ihn zu berühren. Aber das Gefühl war unglaublich. Die Berliner Mauer ist mit keiner anderen Mauer vergleichbar. Was liebst du so an ihr? An ihm! Für mich ist die Berliner Mauer männlich. Was ich an ihm liebe? Alles. Er ist die Liebe meines Lebens.

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Illustration: Julia Schubert

Aber warum gerade diese Mauer? Das ist schwer zu erklären. Das wäre, als würde ich dich fragen: Warum liebst du deinen Freund? Es ist ein Zusammenspiel aus allem. Die Berliner Mauer ist die erotischste und sexieste Mauer, die es je gab. Ich hatte mich zuvor noch nie so stark zu etwas hingezogen. Findest du denn auch andere Gegenstände attraktiv? Ja, das kommt vor. Zäune, Eisenbahnschienen, Brücken. Meist sind es Objekte mit parallelen, horizontalen Linien, die etwas teilen. Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du dich von Objekten angezogen fühlst? Schon als Kind. Damals, in den 70ern war das Phänomen noch völlig unbekannt. Ich glaube ich bin die erste, die den Begriff „objectum sexuality“ gebraucht habe. In Deutschland spricht man eher von Objektophilie, aber für mich ist es das gleiche. Viele Menschen würden das als krankhaft bezeichnen. Ich weiß, aber es ist nun mal die Art, wie ich fühle. Für mich ist es kein Fetisch, sondern etwas ganz normales. Empfindest du auch Liebe für Menschen? Nur gegenüber Freunden. Versteh mich nicht falsch, ich komme gut mit Menschen zurecht. Aber ich habe keine erotischen Gefühle für sie. Hattest du jemals Sex? Nein, nicht mit einem Menschen, nur mit Gegenständen. Wie funktioniert das? (lacht verlegen). Wie funktioniert das denn bei dir und deinem Freund? Das ist eine sehr private Frage. Ich weiß, andere Menschen können sich das nicht vorstellen. Aber es geht. Wir machen Liebe, der einzige Unterschied ist vielleicht, dass man Dingen nicht sagen kann, was sie tun sollen. Fehlt dir nie körperliche Nähe, eine Berührung? Nein. Nie. Können Gegenstände denn überhaupt reagieren? Natürlich. Für mich sind Objekte lebendige Wesen. Schon als kleines Kind habe ich mit ihnen kommuniziert, es ist mir so vertraut, dass es mir schwer fällt, es zu erklären. Es ist weniger so, dass ich sagen würde, die Dinge reden mit mir, als dass wir Gefühle miteinander austauschen. Und welches Gefühl hat dir die Berliner Mauer vermittelt? Er liebte mich. Wie hat er dir das gezeigt? Er hat es mir gesagt. Vielleicht nicht so konkret mit Worten, aber auf seine spezielle Art, hat er es mir gesagt. Wir haben ein sehr enges Band, das wohl nur wir beide verstehen. Ist die Liebe zu einer Mauer, die eine ganze Stadt teilt, nicht zwangsläufig sehr öffentlich? Doch, es ist schwer, Intimität zu schaffen. Aber man gewöhnt sich daran. 1979 habt ihr ganz offiziell mit einem Standesbeamten geheiratet. Wieso das? Ich finde, wenn man mit etwas oder jemandem Sex hat, sollte man auch heiraten. Die Berliner Mauer ist für mich ein gleichberechtigter Partner. Dinge haben für mich keinen geringeren Wert als Menschen. Meine Gefühle waren so stark, dass ich dem Ausdruck verleihen wollte, es offiziell machen. Hast du deshalb auch deinen Namen geändert? Ja, ich heiße ganz offiziell Eija-Riitta Berliner-Mauer. So steht es auf meinem Klingeschild, auf meiner Post, überall.


Warum bist du nach der Hochzeit zurück nach Schweden gegangen? Eine zeitlang bin ich ja auch in Berlin geblieben, aber mein Leben ist nun mal hier, in Liden, in Nordschweden. Die Entfernung ist ja nicht so weit, ich habe ihn besucht. Wie oft? Insgesamt fünf Mal. Aber ich habe einzelne Brocken von ihm mitgenommen. Außerdem besitze ich viele Fotos und ein Modell, im Maßstab 1:20, das ich bei mir im Keller im Berliner-Mauer-Museum aufbewahre. Dadurch fühlte ich mich ihm nahe. Und wenn wir lange getrennt waren, habe ich ihm Briefe geschickt, die eine Berliner Freundin ihm dann gebracht hat. Die meisten Menschen betrachten die Berliner Mauer heute als Zeichen von Unterdrückung. Ist es ok, etwas zu lieben, wodurch so viele Menschen so viel Leid erfahren haben? Das ist nicht die Schuld der Mauer. Mein Ehemann hat nicht darum gebeten, gebaut zu werden. Ich kann den Vorwurf nicht nachvollziehen. Der politische Hintergrund war und ist mir egal, für Kommunismus und ähnliches interessiere ich mich nicht. Die Berliner Mauer ist mein Ehemann, so einfach ist das. Wie hast du von dem Fall der Berliner Mauer erfahren? Mein Vater rief, im Fernsehen liefe etwas über meinen Mann. Erst habe ich mich gefreut, ihn wieder zu sehen. Ich erinnere mich noch, wie mein Herz schlug, als ich ins Zimmer gerannt kam. Dann sah ich die schrecklichen Bilder, all die Menschen, die wie Irre auf ihn einschlugen.

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Illustration: Julia Schubert

Wie hast du reagiert? Erstmal gar nicht. Ich war wie unter Schock. Ich konnte nicht fassen, dass die Mauer wirklich nicht überleben sollte. Ich war am Boden zerstört, hatte ja alles verloren. Ich habe versucht, es zu verdrängen, habe die Fotos von ihm abgehängt, wollte ihn aus meinem Leben streichen. Es war einfach zu schmerzhaft. Wahrscheinlich habe ich es bis heute nicht ganz verarbeitet. Dieser 9. November war die größte Tragödie meines Lebens. Konntest du nicht verstehen, dass die Menschen ihrem Freiheitsdrang endlich Luft machen mussten? Nein, so was tut man nicht. Diese Zerstörungswut… das kann ich nicht nachvollziehen. Bist du damals nach Berlin gefahren? Nein, das hätte ich nicht ertragen. Ich kann so etwas nicht aushalten. Ich habe versucht, ihn so Erinnerung zu behalten, wie er damals war. Ich wollte und will nicht wieder zurück. Das letzte Mal, dass ich nach Berlin gefahren bin, war 1988. Was fühlst du heute, wenn du die Bilder zum 20. Jahrestag siehst?

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