Der Friedhof der verschwundenen Dinge

Der Flipper, der Kaugummiautomat, das Petting: Alles irgendwie aus unseren Leben entwischt. Zwei Radiomoderatoren haben deshalb "Das Lexikon der verschwundenen Dinge" verfasst. Ein Gespräch über Vergangenes
peter-wagner

jetzt.de: Herr Skuppin, ich muss Ihnen gleich zu Beginn recht geben. Das „Petting“ ist verschwunden. Wissen Sie, wo es hingekommen ist? Robert Skuppin: Ich weiß gar nicht: Ist es wirklich verschwunden? Die Tipps und Tricks zum Petting, die Beschäftigung mit dem Thema scheint mir verschwunden. Vielleicht gibt es das jetzt nur unter anderem Namen? Haben Sie eine Idee unter welchem? Rumfummeln? Hm. Naja, ich les’ jetzt auch nicht mehr so oft die "Bravo". Sagen Sie mir für die Leser noch ein paar Beispiele. Was ist verschwunden, wie wir es kannten? Der Kult ums Auto zum Beispiel - der Drang, ständig am Auto rumzuschrauben. Bonanza. Star Trek. Die Kompaktkassette! Die analoge Fotografie und damit auch die Dunkelkammer. Die Schreibmaschine. Warum haben Sie das in einem Buch zusammengestellt? Uns ist eines Abends aufgefallen, dass es so viele Dinge gibt, die es nicht mehr gibt. Und dass es dafür keinen Friedhof gibt, keinen Ort, an dem oder in dem man sich von diesen Dingen verabschiedet, die lange Zeit unser Leben prägten. Das Lexikon ist ein Geschichtsbuch, das das festhält.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Alle weg! Sagt zumindest Robert Skuppin. Muss ich, um das spannend zu finden, nicht einer bestimmten Generation angehören? Sie sind 45 – wenn ich unter 30 bin, kann ich mit bestimmten Dingen aus dem Buch zum Beispiel gar nix mehr anfangen. Ich glaube, zur Hälfte der Dinge kann man auch mit Mitte 20 noch eine emotionale Beziehung aufbauen. Die anderen nimmt man vielleicht eher sachlich war. Das müsste auch für die Jüngeren spannend sein, zu entdecken, dass wir in einer reichhaltigen Welt leben, in der aber auch viel verloren geht. Sind das vor allem fluffig geschriebene Texte zu den Dingen oder haben sie zum Beispiel den Verbleib der Ado-Gardine („die mit der Goldkante“) recherchiert? Wir waren nicht wirklich für die Texte unterwegs, haben aber telefoniert und viele Emails geschrieben. Mein erster Impuls war: Hm. Das ist wieder so ein Retrobuch, mit dem unsere junge Vergangenheit nochmal bunt ausgemalt wird. Warum haben Sie, warum haben so viele Menschen Freude am Rückblicken? Moment, das ist gar kein nostalgisches Buch. Wir schwelgen nicht und wir sagen auch nicht, dass früher alles besser war. Bei vielen Sachen ist es auch toll, dass sie vorbei sind. Ich werde nie vergessen, wie ich in meinem eigenen VW-Käfer saß – bin aber froh, dass ich den nicht mehr fahren muss. Diese Retrogeschichte hasse ich doch selbst. Wenn schon Käfer fahren, dann das Original und nicht den Abklatsch, den Beetle. Dieses Retro ist ja schon fast eine Form des Kitsches. Uns geht es um ein ehrliches Gefühl. Das zum Beispiel Sat 1 mit vielen Rückblicksshows ausgiebig gepflegt hat. Warum sind die Menschen so vergangenheitsselig? Also ich bin Jahrgang 1964. Von denen wurden in Deutschland gut eine Million Stück produziert. Wir haben gemeinsame Erfahrungen mit bestimmter Kleidung und Musik, sind gemeinsam durch Krisen gegangen und erinnern uns nun gerne an bestimmte Dinge. Surfen Sie mit dem Buch noch auf der Nostalgiewelle? Es gibt diese Welle und wir sind Journalisten und wussten davon. Wir wollten aber nicht mitsurfen sondern fahren quer durch. Es ist ein ehrliches Anliegen, das ziemlich gut angenommen wird. Friedrich Küppersbusch hat uns zum Beispiel schon drauf hingewiesen, dass es den Tippex kaum mehr gibt. Der Fotograf Jim Rakete schrieb einen DIN A 3-großen Brief mit einer Spezialschreibmaschine, um zu sagen, dass er die Schreibmaschine vermisse. Die Leute stellen das gleiche wie wir fest.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Robert Skuppin (links) und Volker Wieprecht moderieren gemeinsam im Berliner RadioEins. Wenn ich jetzt zum Beispiel über den Tippex nachdenke … es gibt ihn ja schon noch. Genauso wie Star Trek. Durch welchen Filter haben Sie die Dinge geschickt, die im Lexikon stehen? Es ist ein sehr subjektives Lexikon, deshalb sind unsere Namen auf dem Buch auch so groß geschrieben. Ich kann es aber an einem Beispiel versuchen zu erklären. Kennst du noch Slime? Jep. Ich habe erst lernen müssen, dass es das als „Furzi den Furzschleim“ noch gibt, in solchen Ein Euro-Läden. Es fühlt sich nur anders an und wird in China hergestellt. Das gibt es also noch, einerseits. Andererseits hat es nicht mehr die Bedeutung. Es hat nicht mehr die Wucht dieses Spielzeugs von einst! Das ist wie beim „Trimm dich“-Pfad. Natürlich gibt es noch welche – aber Trimmi, das Maskottchen, ist verschwunden. Was glauben Sie, wie alt man mindestens sein muss, um sich so wehmütig an seine Vergangenheit erinnern zu können? Wann registriert man Verluste von Dingen für sein Leben? Ich bin 45, mein Kollege auch. Wir saßen mit einem Mitarbeiter des Verlages zusammen und da ist die Idee entstanden. Offenbar muss man fast 40 sein, um das zu verstehen. Vielleicht geht es aber auch in jüngeren Jahren? Eines fällt mir jetzt ein: Haben Sie eine Ahnung, was aus dem Yes-Torty geworden ist? Ich glaube … ich habe das letzte gegessen. Du kennst auch Dinge, die verschwunden sind, die du in deinem früheren Leben kanntest, die du nun vermisst? Schreib sie unter diesen Text. ***

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

"Das Lexikon der verschwundenen Dinge" ist eben bei Rowohlt erschienen und kostet 17,90 Euro.

Text: peter-wagner - Foto: Jenny Sieboldt; Collage: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen