Der Gemüsekünstler

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Um die Obst- und Gemüseabteilung machen viele momentan einen großen Bogen im Supermarkt. Nicht so Uli Westphal, freischaffender Künstler aus Berlin. Naturprodukte sind das Kapital für seine Kunst. Der 31-Jährige sucht gezielt nach dem Obst und Gemüse, das auf der Ladentheke am liebsten schnell aussortiert wird: Deformierte Paprika, verwachsende Möhren, Zitronen oder Auberginen. All das braucht er für seine Sammlung, die er "Mutatoes" genannt hat, eine Mischung aus Mutation und Potatoes.

jetzt.de: Du suchst gezielt nach dem „Schwarzen Schaf“ in den Obst- und Gemüsekisten. Was fasziniert dich daran?  Uli Westphal: Das sind fertige Skulpturen. Deformiertes Obst oder Gemüse hat viel spannendere Formen und Konturen als stinknormales. Aber was mich wirklich fasziniert, ist die Frage, warum diese Formen in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt werden. Einerseits von den Vermarktungsstandards im weltweiten Handel, viel mehr aber noch in den Köpfen der Menschen. Naturprodukte müssen heute uniform und berechenbar sein.

Warum haben Menschen dieses Bedürfnis nach Norm?

Symmetrisches Obst hat ja sicherlich auch Vorteile, nicht zuletzt beim Schnippeln. Aber viele grenzen deformiertes Obst oder Gemüse aus Prinzip aus. Sie wollen das Gewöhnliche, obwohl es im Geschmack keine Unterschiede gibt.

Und was ist daran Kunst?

Bei meiner Kunst geht es grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Wenn ich Mutatoes abbilde, kommen Fragen auf: Warum wird dieses Gemüse aussortiert? Nimmt der Mensch nur noch das in die Hand, was er als

Wie suchst du nach deinen Mutatoes?

Hauptsächlich auf Wochen- und Bauernmärkten, weil dort die Auswahlkriterien nicht so streng beachtet werden wie in Supermärkten. Aber ich habe jetzt seit zwei Jahren eine eigene Dachplantage, wo ich mein "Mutationfarming" betreiben kann.

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Illustration: Julia Schubert

"Mutationfarming" über den Dächern Berlins - wie kann ich mir das vorstellen?

Ich habe auf dem Dach eine kleine Plantage gebaut, wo ich vor allem seltene Sorten von Tomaten oder anderem Gemüse anpflanze. Und wer Gemüse einfach mal wachsen lässt, erkennt, dass sie von Natur aus nicht dem üblichen Standard entsprechen.

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Illustration: Julia Schubert

Was genau ist zum Beispiel bei der mutierten Zitrone schief gelaufen?

Dafür ist die so genannte Milbe "Citrus Bud Mite" verantwortlich, die sich in der Blüte festsetzt und das Wachstum der Frucht beeinflusst, aber keine Auswirkungen auf deren Qualität nimmt. Ähnlich wie bei siamesischen Zwillingen kann auch Gemüse oder Obst zusammenwachsen, wenn die Blüten zu nahe aneinander liegen. Und grundätzlich gibt es auch immer eine genetische Variabilität – zum Glück.

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Illustration: Julia Schubert

Suchst du gezielt nach Bildvergleichen, wie beispielsweise diese Kirsche, die an J-Lo's Hintern erinnert?

Genau das versuche ich nicht. Der Mensch sucht automatisch nach Mustern und Bildern, wenn er etwas sieht, dass er nicht genau einordnen kann. Ich versuche jedoch zu vermeiden, dass aus den Mutatoes Charaktere werden.

 

Was passiert, nachdem du dein Gemüse fotografiert hast?

Wenn es seine Aufgabe gut erfüllt hat, wird es von mir lecker gekocht und gegessen. Das ist das Praktische an meiner Arbeit.

 

Hat sich deine Einstellung zum Gemüse durch EHEC verändert?

Der EHEC-Skandal ist überproportional bewertet. Dass jetzt keiner mehr Gemüse essen will, ist garantiert noch schädlicher. Das größte Problem sehe ich darin, dass der Gemüsemarkt offensichtlich so zentralisiert ist. Jetzt trifft ein solcher Skandal gleich eine gigantische Masse. Statt sich auf den lokalen Markt zu konzentrieren, wo man die Ursachen zurückverfolgen kann.

 

Wer mehr sehen möchte, kann Uli Westphals Ausstellung "Supernatural" vom 11. Juni bis 9. Juli in Berlin besuchen.

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