Der große Plan. Interview mit Aloe Blacc

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

jetzt.de: Du veröffentlichst bereits seit 1995 Musik. Nun, 15 Jahre später, hast du mit “I Need A Dollar” deinen ersten Hit gelandet. Hast du ein bisschen Angst davor, dass es bis zur zweiten Hit-Single noch mal so lange dauern könnte? Aloe Blacc: Nein. Die ersten 15 Jahre habe ich einfach gebraucht um zu verstehen, wie man die Leute wirklich erreicht. Ich habe das Ganze studiert und dabei permanent an meiner musikalischen Vision gearbeitet. Das ist wie beim Yoga oder Kung-Fu: Wenn man lange und hart genug arbeitet, wird man irgendwann Meister in seinem Metier. Und das bin ich jetzt. Was ging denn in dir vor, als du festgestellt hast: „I Need A Dollar“ geht durch die Decke? Das war natürlich toll, wobei man sagen muss, dass der Track in Europa deutlich mehr eingeschlagen hat als in Amerika. In den USA ist es sehr schwer ins Radio zu kommen, wenn man nicht das „Funny Business Game“ mitspielen will, sprich: Für Airplay bezahlt. In Europa wissen die Leute ehrliche Musik hingegen noch zu schätzen. Das muss dich aber doch frustrieren, dass es in den Staaten weniger auf die Musik anzukommen scheint, sondern vielmehr darauf, wie viel Geld man investiert, damit den Leuten die Musik als gut verkauft wird. Natürlich ist das eine unbefriedigende Situation, aber Business ist Business. Ich nehme das nicht persönlich. Musik ist eben nicht nur Kunst, sondern auch Geschäft. Als ich meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben habe, wusste ich bereits, dass ich damit einen Pakt mit dem Teufel eingehe. Du hast eben erklärt, dass du mittlerweile verstanden hast, wie man die Leute mit seiner Musik erreicht. Für dein aktuelles Album hast du jedoch auf den Sound und Vibe der 70er-Jahre zurückgegriffen. War es nötig, einen musikalischen Blick nach hinten zu werfen, um den entscheidenden Karriereschritt nach vorne zu machen? Es ist einfach so, dass die Musik damals viel authentischer war als heute. Die Songs haben die Leute noch berührt, und zwar bis zum Rest ihres Lebens. Mit dem Anwachsen der Musikindustrie in den 80er-Jahren hat sich das verändert; und damit auch unsere Wahrnehmung und Wertschätzung von Musik. Ich habe mir für meine neue Platte nun die Integrität, den Style und die Aufrichtigkeit dieser Zeit ausgeliehen und sie ins Heute übertragen. Das war ein Experiment, aber es hat gezeigt: Wenn du echte Musik machst, mit echtem Gesang, echten Instrumenten und echten Inhalten, dann wissen die Leute das zu schätzen und hören dir zu. Die moderne Musik funktioniert heute doch oft wie ein Zirkus: Für kurze Zeit sind die Leute gefesselt von dem, was in der Manege passiert. Aber wenn der Zirkus weiterzieht, denkt man nicht mehr daran. Das klingt nach typischer Künstleransicht. Warum sehen die großen Plattenfirmen das denn anders? Die Major-Plattenfirmen machen vor allem Musik für 13-jährige, und die denken nicht viel über die Musik nach, weil sie gerade eine physiologische Veränderung durchmachen und mit anderen Dingen zu kämpfen haben. Die Musikindustrie ist sich dessen bewusst und liefert ihnen den Soundtrack zu ihrem Fast-Food-Lifestyle. Und schon gibt es überall nur noch Lady Gagas und Justin Biebers. Du hingegen scheinst dich musikalisch nicht festlegen zu wollen und machst in verschiedenen Konstellationen gleichzeitig Soul, HipHop und Indierock. Woher kommt dieses Interesse an den unterschiedlichen Genres? Vom HipHop. Ich habe als MC angefangen, und im HipHop wird eben aus allen möglichen Genres gesamplet: Vom Rock, vom Soul, vom Jazz, von Klassik. Davon habe ich gelernt. Und mit meiner Musik versuche ich nun, nach und nach an die Klasse meiner Lehrer heranzukommen und irgendwann so gut zu werden wie sie. „I Need A Dollar (Studio-Version)“ :

In einem Interview hast du mal erklärt, deine Musik stünde für soziale Veränderung. Wie ist das zu verstehen? Ich bin der Ansicht, dass jeder einzelne von uns Veränderungen bewirken kann. Deshalb spreche ich in meinen Texten wichtige Themen der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik an und versuche, meine Fans zur Diskussion über diese Themen anzuregen. So geht es in „Misfortune“ zum Beispiel um die Gefahr, dem Geld zu verfallen, und „Life So Hard“ handelt von der wachsenden Kluft zwischen arm und reich. Ich möchte Songs machen, die die Leute dazu bringen, über diese Dinge zu sprechen. Und vor allem: Darüber nachzudenken. Und wenn diese Songs dann bekannt werden, gebe ich Interviews wie dieses, in denen es nicht ausschließlich um die Musik geht. Stattdessen erzähle ich dann davon, dass sich irgendwelche Firmen damit brüsten, ein paar Quadratkilometer Regenwald zu kaufen, weil sie angeblich dafür Sorge tragen wollen, dass er nicht abgeholzt wird. Windige Geschäftsleute klopfen sich öffentlich selbst auf die Schulter und lenken durch solche Aktionen davon ab, dass sie jeden Tag tonnenweise toxische Emissionen fabrizieren. Über solche Dinge muss man sprechen, und deshalb bin ich der Meinung, dass meine Musik für soziale Veränderung steht. Denn wenn die Politik diese Themen nicht anspricht, dann muss ich es eben tun. Ist das auch der Grund dafür, warum du dich in vielen verschiedenen Genres auslebst – um möglichst viele Zielgruppen zu erreichen? Ja, auch. Ob sie mir durch den Erfolg von “I Need A Dollar” jedoch lange genug zuhören, muss sich erst noch herausstellen. Aber selbst, wenn es nur einer tut, ist das der erste Follower, der zum Leader werden kann. Und wenn noch einige andere Künstler meinem Beispiel folgen, sind wir schon eine ganze Bewegung. Gerade wenn man ein bestimmtes Popularitätslevel erreicht hat, wäre es eine Verschwendung von Potenzial und Möglichkeiten, um damit Gutes zu bewirken. Wir müssen uns alle mehr engagieren. Deshalb heißt dein neues Album vermutlich auch „Good Things“ – eine vorausschauende Sicht auf das, was es bewirken soll. Ja, genau. Ich möchte damit auf die Chance für positive Veränderungen aufmerksam machen. Auf dem Album gibt es zwar viele Songs, in denen es um Probleme geht. Aber alle schlechten Dinge bringen immer auch etwas Gutes mit sich. Darauf wollte ich hinweisen: Egal was passiert, man sollte immer positiv denken, nach Lösungen suchen und die guten Aspekte darin sehen. Der Name deiner Live-Band ist “The Grand Scheme” – der große Plan. Was verbirgt sich dahinter? Ganz einfach: Ich habe den großen Plan, die Welt zu verändern. Ich möchte andere Künstler darauf aufmerksam machen, dass sie eine Verantwortung tragen. Ich möchte Firmen darauf hinweisen, dass sie stärker auf die Nachhaltigkeit ihrer Produkte achten sollen. Ich möchte Konsumenten für die Belange anderer Menschen, die Natur und die Erde sensibilisieren, wenn sie bestimmte Konsumgüter kaufen. Wir denken viel zu wenig darüber nach, dabei könnte das so viel bewirken. Die meisten Leute interessiert es nicht, ob ihre neuen Sneaker von einem Ausbeuterbetrieb in China stammen. Aber das sollte es tun, weil wir dadurch die Leben anderer Menschen positiv beeinflussen können. Es ist doch ein Unding, dass wir es unseren Bedürfnissen gestatten, die Leben anderer Menschen zu beeinträchtigen – nur, damit es uns gut geht. Daher der große Plan, die Medien und die Gesellschaft vom Konzept gegenseitigen Mitgefühls im Kapitalismus zu überzeugen. Ich hoffe sehr, dass mir das irgendwann gelingt.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Good Things von Aloe Blacc erscheint am 15. Oktober auf Vertigo/Universal.

  • teilen
  • schließen