Der Himmel, das Miststück

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Herr Bergmann, Ihr neuer Film „Brinkmanns Zorn“ schildert das Leben und Arbeiten des deutschen Dichters und Autors Rolf Dieter Brinkmann. Was fasziniert Sie so an Brinkmann, dass Sie einen Film über ihn machen wollten? Wir haben allgemein das Bild von Dichtern, dass sie die Welt zu verklären und zu feiern hätten. Das ist so eine romantische Vorstellung. Aber vielleicht ist es genauso wichtig, einen Dichter zu haben, der dem ganzen Zorn, der ganzen Frustration, dem was wir täglich erleben, Ausdruck verleihen kann. Und das tut Brinkmann Brinkmann kommt aus dem Schimpfen, er benutzt den Zorn und das Schimpfen, um seine Worte zu generieren. In der Lebensphase Brinkmanns, die Sie im Film behandeln, ist Brinkmann weniger Dichter als Dokumentar seiner Umwelt und seiner Wahrnehmung. Manchmal hat man den Eindruck, einem wirren Mann beim Wanken und Schimpfen zuzusehen. Wie kam es dazu? Brinkmann hat als Dichter sehr früh erkannt, was Medien ändern und hat angefangen Wort und Bild zu kreuzen. Vor allem nachdem er ’68/’69 die New York School rum Frank o Hara und William Borroughs entdeckt hatte – das hat er dann auf Deutsch versucht. Und deswegen ist er einerseits ein Mediendichter – aber auch ein Medienpionier. Weil er das früh und als einer der ersten so in Deutschland thematisiert hat.

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Illustration: Julia Schubert

Diese Mediencollage versuchen Sie mit Ihrem Film nachzuvollziehen? Diese Methode, dass die Schauspieler zu den 30 Jahre alten Tönen sprechen, ist cinematographisch etwas Neues. Ich wüsste nicht, dass es bislang einen Film gab, der so aus dem Ton den Film herleitet. Wie war das in der Arbeit mit den Schauspielern? Das Entscheidende war, dass Eckhard Rhode, der Brinkmann spielt, selbst Schriftsteller und Dichter ist. Er hat also nicht wie ein Schauspieler überlegt, wie er die Rolle anlegen soll. Unser Konzept war, dass wir uns komplett auf Brinkmanns Stimme, Töne und Atemrhythmik eingelassen haben. Und weil Rhode selbst sein Leben von der Sprach her aufbaut, war das eine wunderbare Konstellation. Das waren lange Monate von Einfühlung und Training.

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Illustration: Julia Schubert

Man merkt dem Film an, dass er sehr mit Emotionen vollgepackt und sehr nah an Brinkmann dran ist. Wie ging denn die Vorarbeit zu "Brinkmanns Zorn" von statten? Das Nachdenken über einen Film fing schon Mitte der 90er an, als ich das Material gesehen hatte. 2004 haben wir dann gedreht, 80 Drehtage und die Postproduktion hat noch mal ein Jahr gebraucht. Ich habe mich schon Ende der 80er Jahre an Marleen Brinkmann gewandt, weil ich mich für Brinkmann interessierte und wusste, dass die Super-8-Filmmaterialien gefährdet sind. Marleen Brinkmann, die Witwe, hat reagiert und dann haben wir die Super-8-Filme abgetastet, damit alles erst einmal gesichert war. Daraus ist dann dieses Projekt entstanden. Brinkmann ist heute etwas in Vergessenheit geraten. Welches Werk fasziniert Sie denn am meisten? Was würden Sie persönlich empfehlen? Der Höhepunkt, finde ich, ist "Westwärts 1&2". Brinkmann hatte sich fünf Jahre eingeschlossen um Feldforschung zu betreiben und um eine eigene Stimme zu finden. Er hat sich von der ’68er-Bewegung distanziert und beschlossen, seine komplett eigene Sache zu machen. Und mit "Westwärts" hat er dann das Ergebnis vorgelegt. Oft wird gesagt, Brinkmann hätte sich "ausgeschrieben" und da wäre nichts mehr gekommen, das ist aber eben falsch. Ich habe den Film gemacht, um das Gegenteil zu beweisen. Harald Bergmann wurde 1963 geboren und studierte zunächst Literatur und Philosophie in München. In Hamburg und Los Angeles absolvierte er ein Filmstudium. Brinkmanns Zorn kommt am 11. Januar in die deutschen Kinos.

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