Der junge Mann und das Meer

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Johannes, wie war die Zeit vor der Reise, welche Reaktionen kamen aus Deinem Umfeld? Meine Eltern waren natürlich gar nicht begeistert. Meine Mutter hat es mir wenigstens geglaubt. Mein Vater hat mich bis vier Wochen vor der Abfahrt gar nicht für voll genommen. Als er merkte, dass ich es ernst meine, wollte er mir sogar noch ein größeres Boot besorgen, weil er Angst bekommen hat. Im Freundeskreis war das Feedback ziemlich ausgeglichen – manche waren begeistert, manche haben mich für verrückt erklärt. Das ist ja auch verständlich, allein wegen dem Boot, das wir für 6000 Euro im Internet ersteigert hatten. Eigentlich wollten wir nur an der Ostseeküste entlang segeln. Wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen? Ich habe mit 14 angefangen, Bücher über Weltumseglungen zu lesen. Seitdem war das mein großer Traum. Aber den wollte ich eigentlich erst nach dem Studium verwirklichen. Nach dem Abi bin ich dann aber ausgemustert worden, dadurch hatte ich ein Jahr bis zum Studium gewonnen. Aber nur rum sitzen, darauf hatte ich keine Lust. Erst habe ich das Projekt auch selbst nur halbherzig verfolgt, habe langsam versucht an Sponsoren zu kommen. Auf einmal hat sich eine Tür nach der anderen geöffnet.

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Illustration: Julia Schubert

Johannes auf seinem Boot, der "Maverick" Schließlich bist Du nach Lissabon gefahren, um von dort zu starten. Das war im Oktober 2005. Das Boot war schon ziemlich alt, über 30 Jahre und bereits vor der eigentlichen Reise hatte ich das erste Problem: Das Deck war unter dem Mast abgesackt. Das ist ein ziemlich dramatischer Schaden, und ich dachte, die Reise ist schon vorbei, bevor sie angefangen hat. Die Reparatur hätte lange gedauert und ich war sowieso schon sehr spät dran, das Wetter ist immer schlechter geworden. Kurz habe ich überlegt, meine Eltern anzurufen, damit sie mich wieder abholen. Dann bin ich trotzdem losgefahren. Ich dachte, dass ich so schnell nicht mehr so weit kommen würde - dass das Boot schon im Atlantik liegt, und ich nur noch einkaufen und losfahren muss. Ich habe dann einfach eine Stahlstange unter den Mast gestellt und die hat zum Glück bis auf die andere Seite gehalten. Wann hast Du das erste Mal realisiert, dass es nun wirklich losgeht? Als ich losgesegelt bin, kam ziemlich schnell ein Gefühl der Ungewissheit auf. Man merkt, man ist total auf sich allein gestellt, dieses Gefühl kannte ich davor nicht. Auch diese Distanzen zu erleben, jeden Tag geht die Sonne zu einer anderen Zeit unter, das ist natürlich etwas anderes als mit dem Flugzeug zu reisen. Ich habe mir jeden Meter selbst erkämpft, das Wetter war wirklich miserabel. Das einzige gute Wetter habe ich zwischen Madeira und den Kanaren erlebt, und da hatte ich dann drei Tage lang überhaupt keinen Wind. Wie waren die ersten Tage auf See? Die ersten fünf Tage hatte ich permanent Sturm. Auf dem offenen Meer ist das schon enorm. Davor war ich ja nur in der Ostsee segeln. Es ist schon ziemlich beängstigend dabei zu zusehen, wie eine sechs Meter hohe Welle auf dich und dein Boot zurollt, das selbst nur acht Meter lang ist. Ich saß im Cockpit und habe große Augen gemacht. Ich war für fünf Tage im Cockpit angeleint, habe dort geschlafen, war vollkommen durchnässt, habe gefroren und gehungert – mein Kocher ist nach ein paar Tagen kaputt gegangen. Über Satellitentelefon habe ich mit meinen Eltern telefoniert, die mich bekniet haben, das Boot schon auf Madeira zu verkaufen.

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Illustration: Julia Schubert

So beschaulich war das Wetter nur selten Dieser Bitte bist Du nicht nachgekommen: Einen Monat warst Du non-stop zwischen den Kanaren und der Karibik unterwegs. Wie hält man diese lange Zeit alleine aus? Ich hatte Tage, an denen sich das Boot selbst gesteuert hat. Da wartet man und sitzt die Zeit ab. Die Einsamkeit war gar nicht so schlimm. Es gibt ja auch Leute, die ohne anzulegen um die Welt segeln, ein Jahr lang. Nach einem Monat war ich so in meiner eigenen kleinen Welt drin, das hätte noch ewig so weiter gehen können. Stressig waren nur die Nachtwachen. Ich musste ständig aufpassen, dass ich nicht von einem anderen Schiff überlaufen werde, deswegen bin ich alle halbe Stunde aufgestanden und habe nachgesehen. Das muss man erst mal trainieren. So eine Nacht ist natürlich auch nicht sehr erholsam. Wie war Dein Leben an Bord? Es stellte sich ziemlich schnell eine Routine ein. Ich hatte eigentlich immer etwas zu reparieren, meine Segel sind regelmäßig gerissen. Wenn man da drin steckt kommt einem der Gedanke, mitten auf dem Atlantik zu sein, gar nicht mehr so außergewöhnlich vor. Bloß in den Stürmen, da habe ich mich schon mal gefragt: „Was in aller Welt machst du eigentlich hier draußen?“ Es war nicht außergewöhnlich? Na ja, als ich realisiert habe, dass ich seit zwei Wochen in eine Richtung gesegelt bin und noch mal zwei Wochen vor mir habe, das war schon krass. Das klingt seltsam, aber erst dann habe ich gemerkt, wie groß die Welt doch ist. Ganz im Gegensatz zu Flügen, bei denen man an einem Ort einsteigt und auf der anderen Seite der Welt wieder aus. Ich bin ja im Prinzip mit Schrittgeschwindigkeit gefahren, sechs bis sieben Kilometer die Stunde, fast so, als wäre ich die ganze Strecke gelaufen.

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Illustration: Julia Schubert

Fotos:allein-auf-see.de Nach einiger Zeit in der Karibik bist Du dann in den USA angekommen. Wie hast du diese Zeit erlebt? Komischerweise war das Gefühl der Einsamkeit viel schlimmer, wenn ich in einem Hafen gelegen habe, als auf See. Ich bin ja auch einen Tag vor Weihnachten 2005 losgesegelt, um nicht zu erleben, wie alle um mich herum mit ihren Familien feiern, während ich allein in meinem Boot sitze. Nach den Monaten in der Karibik bin ich dann noch die halbe Ostküste hoch gesegelt. Weiter hätte ich es auch nicht mehr geschafft, das Boot hatte mittlerweile schon ein kleines Leck. Ich habe es dann wieder über das Internet verkauft. Das war ein wehmütiger Abschied, das Schiff war wie ein Partner. Wir haben diese Reise zusammen erlebt. Vor kurzem hast Du Deine Erfahrungen als Buch veröffentlicht. Was fühlst Du, wenn Du die eigenen Aufzeichnungen noch mal liest? Es war schon seltsam, die ganze Reise in der Hand zu haben. Nachdem ich wieder in Deutschland war, rückte das ganze Erlebnis ziemlich schnell in die Ferne. Ich konnte das noch gar nicht realisieren. Es war fast so, als hätte ich es nicht selbst erlebt, sondern in einem Buch gelesen. Auch an der Uni war es komisch, so ganz allein zwischen ein paar hundert Leuten zu sitzen und zu denken: „Was mache ich eigentlich hier - ich könnte doch auch in einem Boot sitzen.“ Aber die nächste Reise ist schon geplant.

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