"Der Klorollen-Blick ist weg"

Rapperin, Autorin, Poetry-Slammerin, Moderatorin: Die Münchnerin Fiva hat viele Seiten. Ein Gespräch über HipHop, die Vorzüge eines Studiums und Udo Lindenberg
daniel-schieferdecker


jetzt.de: Du hast 1999 mit dem Rappen angefangen, drei Alben gemacht und viel live gespielt. Trotzdem hat man dich irgendwie immer ein kleines bisschen außerhalb der Szene verortet. Hast du das auch so empfunden oder dich immer als Teil der hiesigen HipHop-Szene gesehen?
Fiva: Ich selbst sehe mich als Teil dieser Szene, aber diese Einschätzung hängt natürlich davon ab, welchen Blickwinkel man einnimmt. Ich bin sicherlich nicht der Mittelpunkt des deutschen HipHop-Geschehens, habe das Ding nicht gegründet und war nie in den Top 10. Aber ich war kontinuierlich dabei. Immer.

Trotzdem nennst du dich seit deiner letzten Platte nicht mehr Fiva MC, sondern nur noch Fiva. Hat dich das „MC“ eingeengt und zu sehr auf HipHop beschränkt?
Um ehrlich zu sein, habe ich da gar nicht allzu viel drüber nachgedacht. Mir klang das einfach irgendwann zu technisch. Aber es stimmt schon: Fiva ist im Laufe der Jahre sehr viel mehr geworden als nur die Rapperin. Ich bin beim Radio, mache Poetry Slams, schreibe Bücher und moderiere bei ZDF.Kultur. Und dass ich ganz nebenbei immer noch MC bin, sollten die Leute mittlerweile wirklich wissen. Aber wenn man ehrlich ist, tue ich in allen Bereichen letztlich dasselbe: Ich spreche und schreibe.

Dein neues Album „Die Stadt gehört wieder mir“ hast du zusammen mit Rüdiger Linhof von den Sportfreunden Stiller und Paul Reno von den Emil Bulls eingespielt. Hatten die eine vollkommen andere musikalische Herangehensweise als die HipHop-Produzenten Radrum und Flip bei deinen vorherigen Alben?
Ja, total. Das sind halt Musiker. Da wird viel mehr in die Musik hineingehorcht und herumprobiert. Rap hingegen ist viel klarer, da hat man ein geiles Sample, haut einen Beat drauf, fertig. Dieses Mal war jedes Instrumental jedoch ein handgeknüpfter Beatteppich.

In einem Interview wurdest du mal als “Die Udo Lindenberg des Rap” betitelt – ein Ausspruch, der von dir selbst kam. Findest du dich tatsächlich in dieser Bezeichnung wieder?
Irgendjemand hatte zu mir gesagt, ich wäre der Udo Jürgens des Rap, und daraufhin meinte ich, wenn überhaupt, wäre ich doch wohl hoffentlich eher der Udo Lindenberg. So ist das entstanden. Aber ganz ehrlich: Wenn das jemand ernsthaft zu mir sagen würde, wäre das ein Riesenkompliment. Udo Lindenberg ist textlich einfach unverkennbar und wahnsinnig eigen. Was uns auf jeden Fall eint: Wir können beide nicht singen (lacht).

http://www.youtube.com/watch?v=LQQ7apHJbVE

Dennoch hast du es auf deiner neuen Platte getan: „Liebe ist Kunst“ ist im wahrsten Sinne des Wortes Sprechgesang.
Ich wollte das unbedingt mal versuchen, aber es war ein Kampf. Ich bin eben nicht Xavier Naidoo. Wir haben ein Jahr daran gesessen, bis es mir nicht mehr peinlich war. Ein Soul-Album plane ich daher nicht. Das möchte ich der Welt nicht antun.

Als wir das letzte Mal über HipHop gesprochen haben, war gerade Gangsta-Rap en vogue. HipHop wurde in der Öffentlichkeit mit Gangsta-Rap gleichgesetzt, andere Facetten waren kaum noch existent, und das fandest du schade. Nun stehen gerade Leute wie Casper, Prinz Pi und Marteria hoch im Kurs, und Leute wie Cro oder Ahzumjot bringen wieder einen vollkommen anderen Aspekt zurück. Wie nimmst du HipHop momentan wahr?
Ich finde es toll, wie es sich gerade entwickelt. Das kommt meinen eigenen Hörgewohnheiten sehr entgegen. Selbst wenn Leute wie Casper, Marteria oder Cro nicht meinen inhaltlichen Geschmack treffen, bin ich froh, dass hiesiger Rap endlich wieder Texte zum Zuhören hervorbringt. Und am Schönsten finde ich, dass die anderen Sparten wie Gangsta-Rap trotzdem existent sind und trotz dieser Entwicklung nicht verschwinden. Vielleicht haben wir es geschafft, uns eine Vielseitigkeit zu bewahren, ohne dass sich die Genres gegenseitig ausschließen. Man kann heute Casper und Haftbefehl gleichzeitig hören, und das finde ich toll.

Hast du das Gefühl, dass es momentan eine Rückkehr zum ursprünglichen Community-Gedanken des HipHop gibt?
Rückkehr wäre das falsche Wort, denn man nimmt die Erfahrungen aus den letzten Jahren ja mit. Man entwickelt sich also weiter. Aber ja: Wir mussten in den letzten 20 Jahren erst einmal lernen, dass die Kultur nicht da ist, um uns einzuengen, sondern um uns zu bereichern. Wir haben uns früher dem Gedanken unterworfen, bestimmte Dinge nicht machen zu dürfen, weil sie nicht dem adaptierten Regelwerk aus Amerika entsprachen. Aber das war Schwachsinn, und das haben wir mittlerweile verstanden. Der stoische Klorollenblick ist weg. Mittlerweile geht es nur noch um die Musik. Jeder kann die Vielfältigkeit der HipHop-Kultur nun in all ihren Facetten ausleben.

In deinem Stück „Glotz nicht“ streifst du auch das Thema unterschiedlicher Musikgeschmäcker innerhalb einer Beziehung. Für wie wichtig hältst du ähnlich gelagerte musikalische Interessen in einer Partnerschaft?
Für mich persönlich ist ein ähnlicher Musikgeschmack essenziell. Ich möchte nicht mitbekommen, wie mein Freund in der Küche Heavy Metal hört. Gar nicht, weil ich die Musik so schlimm finde, sondern weil ich es nicht mitfühlen kann. Es ist eben so: Musik verbindet. Daher fände ich es total schlimm, wenn ich das mit einem Partner nicht teilen könnte.

Du bist studierte Soziologin. Worum ging es in deiner Abschlussarbeit?
Um eine ökonomische Theorie der Liebe in Fernbeziehungen; um die Gründe, warum Paare eine Fernbeziehung auf sich nehmen und wie sich Mobilität auf Paarbeziehungen auswirkt. Ich war selbst Teil dieser Studie und mein Resümee lautet: Vermeidet Fernbeziehungen!

Ist das eine wissenschaftliche oder eine persönliche Erkenntnis?
Beides.

Was hat dir das Studium für deine jetzige berufliche Karriere gebracht?
Eine irrsinnige Wortschatzerweiterung und das Handwerkszeug, schwierige Sachverhalte lösen zu können. Ich finde es aber auch spannend, sich mit den Indikatoren für gesellschaftliche Probleme auseinanderzusetzen. Das hat meinen Horizont erweitert, auch wenn das jetzt ein bisschen streberhaft klingt. Und: Wenn man einen akademischen Abschluss hat, lassen einen die Leute eher in Ruhe. Denn als Rapper oder Rapperin wird man ja häufig nicht sonderlich ernst genommen. Obwohl: Im HipHop ist ein Studium ja eher uncool. Aber damit komme ich klar.

„Die Stadt gehört wieder mir“ von Fiva & dem Phantom Orchester ist bereits auf Kopfhörer Recordings erschienen.