"Der Kuss eröffnet den Weg in die Sexualität"

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jetzt.de: Sie haben bereits unzählige Interviews zum Thema Küssen geführt. Was möchten die Leute denn vor allem von Ihnen wissen? Ingelore Ebberfeld: Die beliebteste Journalistenfrage ist: Was macht einen tollen Kuss aus? Ich bin jedoch Wissenschaftlerin. So ein Käse interessiert mich nicht. Mir geht es um die Wurzel des Küssens, um die Frage nach dessen Universalität und um die Entwicklung von Kuss-Traditionen. In Ihrem Seminar zur Kulturgeschichte des Kusses an der Universität in Bremen waren Ihre Studenten jedoch ebenfalls vor allem an der Qualität des Küssens interessiert. Das stimmt. Aber es stellte sich sehr schnell heraus, dass sich die Qualität eines Kusses nicht messen lässt. Beschreiben Sie mal einen guten Kuss, dann werden Sie merken, dass es sehr schwierig ist, darüber zu sprechen und entsprechende Kategorien zu bilden. Der Kuss stellt eine sehr intime Situation dar, darüber redet man nicht gerne – und schon gar nicht mit einem Fremden. Dennoch konnten sich Ihre Studenten während einer Seminar-Diskussion weitgehend darauf einigen, dass zu einem guten Kuss viel Gefühl gehört, dass er nicht zu feucht und zu fest ausfallen darf, und dass laute Geräusche dabei stören. Ja, das stimmt. Auch Bartstoppeln haben viele Studentinnen als unangenehm empfunden. Außerdem habe ich noch nie von jemandem gehört, der sich über Mundgeruch beim Kusspartner freut. Allgemeingültige Kriterien lassen sich aber dennoch nicht aufstellen. Die Frage nach der Qualität eines Kusses muss jeder für sich selbst beantworten. Margit Tetz vom Dr. Sommer-Team hat mal geäußert: „Wenn das Herz dabei ist, dann ist die Technik völlig nebensächlich.“ Würden Sie dem zustimmen? Ich möchte in Ihrem Interview wirklich nicht als jemand auftauchen, der Menschen vorschreibt, wann, wie und unter welchen Voraussetzungen sie sich küssen sollen. Deshalb könnte ich im vorliegenden Fall bloß spekulieren, und dann können Sie genauso gut Ihre Nachbarin fragen. Wir haben bei einer nicht repräsentativen Befragung von 514 Personen im Rahmen des Seminars jedoch viele Klischees bezüglich des Küssens aufgegriffen. Einige Vorurteile haben sich dabei durchaus bestätigt. Frauen küssen insgesamt wohl tatsächlich lieber als Männer und ein guter Küsser scheint häufig ein guter Liebhaber zu sein. Und wir haben festgestellt: Nicht jeder küsst gerne. Der Kuss markiert in der heutigen Gesellschaft häufig den Beginn einer partnerschaftlichen Beziehung. Ist das Führen einer Beziehung ohne Küssen denn überhaupt möglich? Natürlich ist das möglich. Aber in der Regel ist es doch so, dass wir jemanden zuerst mit unseren Worten erobern wollen, und dann folgt irgendwann das Körperliche, sprich: Der Kuss. Der Kuss eröffnet uns den Weg in die Sexualität. Wenn man nicht gerne küsst, hat man ein Problem, weil wir uns mittlerweile auf einer Kulturstufe des Küssens befinden, in der einem diktiert wird, was normal ist und was nicht. Es gibt jedoch auch Kulturen, da ist das vollkommen anders. Es gibt Kulturen, die das Küssen gar nicht kennen.

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Illustration: Julia Schubert

Dr. habil Ingelore Ebberfeld Unsere Kultur hat sich aber auch erst dahin entwickelt. Wie hat sich das Küssen in den letzten hundert Jahren verändert? In den 30er Jahren wurde kaum öffentlich geküsst. Das passierte höchstens am Bahnhof oder in irgendwelchen schummerigen Ecken. In den 50er Jahren gab es bereits die ersten verschämten Küsse im Film. Heute wird in Filmen bereits innerhalb der ersten 10 Minuten geküsst – und zwar nicht mehr bloß auf den Mund. Da wird gleich abgetaucht, und die Küsse finden unterhalb der Gürtellinie statt. Es wird suggeriert: Wenn du tollen Sex haben willst, dann musst du küssen. Und zwar überall hin. Ein Kuss ist eigentlich eine sehr simple Angelegenheit. Wieso legen die Menschen in einen Kuss so viel Bedeutung hinein? Weil Küssen zu einer Form der Kommunikation geworden ist. Selbst ein so neutral erscheinender Kuss wie der Bruderkuss ist immer auch ein Pakt, der geschlossen wird. Außerdem kann man sehr viel von seinem Gegenüber durch einem Kuss erfahren: Ist er mir zugeneigt? Ist es distanziert? Ist er nervös? Ich habe mal eine 17-jährige gefragt, was für sie intimer sei: Ein Kuss oder Geschlechtsverkehr. Ihre Antwort war: „Ein Kuss. Denn beim Küssen kann man nicht lügen.“ Sie haben den Kuss auch mal als „Brutpflege-Barometer“ beschrieben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das wirklich so gesagt habe. Aber man kann einen Kuss zumindest als Barometer begreifen, das Auskunft über den Stand der Beziehung gibt. Vor allem Frauen sind da sehr sensibel. Wenn in der Beziehung plötzlich weniger geküsst wird, wird das schnell mit schwindender Liebe gleichgesetzt. Männer hingegen merken das oft gar nicht. Wenn man sich gerade kennengelernt hat, küsst man sich in der Regel sehr viel häufiger als nach ein paar Monaten oder gar Jahren. Insofern lässt sich am Kussverhalten durchaus feststellen, dass sich innerhalb der Beziehung etwas verändert hat. Sie haben auch mal gesagt, beim Küssen sei Silvester im Gehirn. Wie ist das genau zu verstehen? Jeder kann sich doch an Situationen erinnern, in denen das Herz bei einem Kuss mehr als nur galoppiert ist. Wenn man große Sehnsucht nach jemandem hatte oder höllisch verliebt ist, dann kann so ein Kuss unheimlich viel in einem auslösen. Und wann setzt dann der Neujahrskater ein? Sagen wir so: Wenn man schon lange zusammen ist, fallen die Silvesterabende in der Regel nicht mehr ganz so ausschweifend aus. Am 06. Juli war wieder einmal der internationale Tag des Kusses. Hat dieser Tag für Sie eine besondere Bedeutung? Ja. An diesem Tag läuft bei mir stets das Telefon heiß, weil alle Welt von mir etwas übers Küssen wissen will. Ich erkläre aber jedem, dass ich diesen Tag des Kusses für vollkommen verrückt halte. Denn wenn man gerne küsst, sollte man es doch bitteschön einfach tun und sich nicht an so einem blöden Tag orientieren.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: privat

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