Der Mann, der kein Klischee sein will

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Bis vor einer Woche war Florian Bernschneider in erster Linie BWL-Student, dann kam der Wahlerfolg der FDP und nun sitzt der 22-Jährige bereits seit Tagen in der Berliner Parteizentrale, studiert Akten statt Marketing-Lehrbücher, bereitet mit Westerwelle und Co. die Koalitionsverhandlungen vor und gibt ein Interview nach dem anderen. Doch obwohl er als jüngster Bundestagsabgeordneter im Fokus der Medien steht, hat man bisher kaum etwas über die Person hinter dem Jungpolitiker erfahren. jetzt.de hat den Versuch unternommen, mehr herauszufinden über Florian Bernschneider, der mit 22 Jahren bereits kurz vor seinem Hochschulabschluss steht und über den gesagt wird, er habe keine Hobbys - außer der FDP. jetzt.de: Florian, die Medien zeichnen derzeit ein eher klischeehaftes Bild von deiner Person: BWL-Student, Stehkragen und mit 22 Jahren kurz vor dem Uni-Abschluss. Bist du ein wandelndes FDP-Klischee? Florian Bernschneider: Nein, natürlich nicht. Ich bin ja vor sechs Jahren nicht bei den Jungen Liberalen eingetreten, weil ich mir dachte: Florian, du musst innerhalb der nächsten zehn Jahren unbedingt in den Bundestag einziehen! Ich bin eingetreten, weil ich von der Idee der Partei völlig überzeugt war und weil ich es gern getan habe. Das klingt so, als säßest du jetzt rein zufällig im Bundestag. Da steckt doch sicher auch eine Menge Ehrgeiz dahinter. Ich vergleiche meine Situation gerne mit einem kleinen Jungen, der für sein Leben gern Fußball spielt und davon träumt, eines Tages Nationalspieler zu sein. Wenn plötzlich der Nationaltrainer anrufen würde, würde der kleine Junge natürlich sofort zusagen. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Er würde trotzdem weiter mit Begeisterung Fußballspielen – auch wenn der Nationaltrainer nie angerufen hätte. Wie sehr nervt dich dieses Klischeedenken? Die Politik ist eben voll von Klischees und da ist es doch klar, dass auch um mich ein Klischee gebaut wird. Die Jungen Liberalen haben sich in einem YouTube-Video genau mit diesem Stereotypen-Denken auseinandergesetzt, weil wir uns dessen schon bewusst sind. Meine Aufgabe als jüngster Bundestagsabgeordneter ist es jetzt auch, das ewige Klischee zu widerlegen, dass ein junger FDP-Anhänger schon mit dem Aktenkoffer zur Schule geht... ... und rosafarbene Polohemden mit Stehkragen trägt. (lacht) Ja, das ist zum Beispiel auch so ein Klischee. Besitzt du ein rosafarbenes Polohemd? Nein, aber Polohemden habe ich schon in meinem Kleiderschrank. Wer mal einen Bundeskongress der FDP gesehen hat, der weiß aber, dass sich dort die verschiedensten Menschen treffen. Das zeichnet den liberalen Gedanken ja gerade aus. Das Klischee stimmt also nicht. Wenn es stimmen würde, dann müsste ich mir große Sorgen um die liberale Sache machen. Auf Wahlkampffotos bist du aber mit Polohemd und Stehkragen zu sehen. Das kann mir mal passiert sein, da magst du schon recht haben. Aber du findest sicher auch Bilder von mir mit liegendem Kragen und es soll sogar welche mit Kapuzenpulli geben. Ich glaube nicht, dass du zwingend am Kleidungsstil politische Richtungen ablesen kannst – das fände ich falsch.

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Illustration: Julia Schubert

Das war jetzt nicht todernst gemeint, andere politische Jugendgruppen müssen ja auch mit Klischees leben. Klar, es gibt solche Klischees auch bei der Grünen Jugend. Da heißt es dann, die würden immer mit Wollpulli und Birkenstock-Schuhen durch die Gegend laufen. Aber, mal ehrlich, die Realität sieht doch auch bei denen meist ganz anders aus. Womit hatte es denn zu tun, dass dich deine Lehrer schon früh bei den Liberalen verortet haben? Eben nichts mit Äußerlichkeiten, sondern mit der einfachen Tatsache, dass ich schon immer möglichst viel Verantwortung für mein eigenes Leben tragen wollte und noch heute der Meinung bin, dass sich der Staat in viel zu viele Dinge einmischt, die ich eigentlich selbst entscheiden kann. Wo mischt sich der Staat deiner Meinung nach zu stark in das Leben junger Menschen ein? Zum Beispiel immer dann, wenn festgestellt wird, dass die Jugend zu viel Alkohol trinkt. Dann sind die ersten Forderungen des Staates immer nur Verbote. Wenn ich aber als Staat immer gleich durch Verbote eingreife, dann kann ich auch nicht erwarten, dass die Jugend irgendwann einmal Verantwortung für ihr eigenes Leben übernimmt. So einfach ist das. Bist du auch für mehr Eigenverantwortung an der Uni? Immerhin lebst du es selbst vor, wie man ein Studium ambitioniert, zielstrebig und schnell beendet. Ich bin ja in der Sondersituation, dass ich ein duales Studium mache und mein Studienplan mir keine andere Wahl lässt, als zielstrebig zu studieren. Wenn ich aus diesem Raster fallen würde, wäre mein Studium nämlich beendet. Natürlich finde ich, dass man mit dem Ziel an die Uni gehen sollte, sein Studium auch irgendwann abzuschließen. Aber es gibt trotzdem viele gute Gründe, zwischendurch mal zu pausieren und ein Auslandssemester oder ein Praktikum einzulegen. Da sehe ich kein Problem. Auch in Studiengebühren sieht die FDP kein Problem. Die FDP spricht sich gegen die Abschaffung der Studiengebühren aus, das stimmt. Wir stellen aber in Frage, ob die aktuelle Regelung sinnvoll ist. Die FDP will, dass die Universitäten flexibel entscheiden können, wie sie die Studiengebühren einsetzen. Nur so kann sich Konkurrenz zwischen den Universitäten entwickeln. Über einen Pauschalbetrag funktioniert das nicht. Welchen Vorteil hätte die Konkurrenz zwischen den Hochschulen aber letztlich für den einzelnen Studenten? Ein Student könnte für sein Geld eine entsprechende Leistung verlangen. Man sollte Universitäten ohnehin stärker als Anbieter und Studenten als Kunden sehen. Trotzdem darf natürlich niemand durch Studiengebühren am Studium gehindert werden. Würde mehr Wettbewerb zwischen den Unis nicht dazu führen, dass ein Parallelsystem entsteht, das auf Elite basiert und nur Kindern reicher Eltern zugänglich ist? Nicht wenn es eine Deckelung der Studiengebühren gibt. Dann würde es keine Hochschulen geben, die nur noch Studenten aufnehmen, die 5000 Euro Studiengebühren zahlen. Das ist auch wieder so ein Klischee, dass die FDP es gerne sehen würde, dass das Einkommen der Eltern über den Bildungsweg entscheidet. Das Gegenteil ist der Fall: Die FDP will das System der Studienfinanzierung überdenken und prüfen, ob man Bafög unbedingt vom Einkommen der Eltern abhängig machen sollte. Bevor der Staat jedem Studenten Bafög zahlt, ist es doch sinnvoller, die Studiengebühren direkt abzuschaffen. Natürlich ist es sinnvoll, in Bildung zu investieren. Wir jungen Menschen müssen uns aber auch bewusst sein, dass der Staat ohne die Einnahmen aus Studiengebühren Kredite aufnehmen müsste - und diese Kredite müssen wir später selbst wieder zurückzahlen. Kurz gesagt: Ich bin der Meinung, dass man zwar sinnvoll in Bildung investieren kann, aber dafür Schulden zu machen, das ist der falsche Weg. Wie ein SZ-Kollege neulich schon festgestellt hat, findet sich auf deiner Homepage überhaupt nichts Privates oder Persönliches. Warum? Dann bist du jetzt schon der zweite SZ-Journalist, dem ich das erklären muss: Klar kann ich nicht behaupten, dass ich neben Studium und Politik auch noch Fußball spiele. Aber bis vor ein paar Tagen konnte ich eben noch sagen, dass Politik mein Hobby ist. Und wenn ich mich politisch engagiere, dann heißt das ja auch, dass ich mit meinen Parteikollegen andere Dinge unternehme. Ist es als Politiker nicht gefährlich, sich auch privat nur mit Gleichgesinnten zu umgeben? Das tue ich ja nicht. Wenn ich nicht den Austausch mit meinen Freunden pflegen würde, die nicht so tief in der Politik drinstecken, dann hätte ich ja keinen Bezug mehr zum Leben. Außerdem tue ich abseits der Politik ganz normale Dinge: Ich gehe mit meiner Freundin ins Möbelhaus, mit Freunden ins Kino oder bin abends unterwegs. Aber ich muss doch frei entscheiden dürfen, was ich gegenüber der Presse über mein Privatleben preisgebe. Ich bin ja nicht umsonst in der FDP und setze mich für Bürgerrechte und Schutz der Privatsphäre ein. Über Twitter lässt du die Öffentlichkeit aber sehr detailliert an deinem Leben teilhaben. Das stimmt, allerdings gebe ich kaum etwas über mein Privatleben preis. Ich finde, dass es als Politiker wichtig ist, diese neuen Medien zu nutzen. Vielen Menschen ist eben nicht immer klar, was ein Politiker so den ganzen Tag macht. Twitter oder Facebook sind gute Wege, um meine Arbeit transparenter zu machen. Da gehört es dazu, dass ich auch schreibe, wenn ich mich mit Freunden treffe. Sonst stärke ich ja nur das Klischee vom jungen FDP-Politiker, der nur am Schreibtisch sitzt. Viel von dir erzählt hast du noch immer nicht. Welche Musik hörst du denn zum Beispiel gerne? Normalerweise alles Querbeet, ich bin der typische Radiohörer. Weil du aber unbedingt etwas Privates hören möchtest, kann ich dir sagen, dass ich mit meinem Wahlkampfhelfer zusammen angefangen habe, spanischen Hip Hop zu hören. Im kalten Januar, bei der Landtagswahl 2008, als ich mein Interesse dafür entdeckt habe, war das eine wärmende Alternative zum Wahlkampf. Und jetzt stecke ich immer noch im Fieber für spanischen Hip Hop. Dann wirst du dir bald viele neue Platten kaufen können. Hast du dich schon informiert, was ein Bundestagsabgeordneter verdient? Ich habe ja gerade einen Berg an Formularen vor mir liegen. Da ist alles genau aufgelistet. Und, wieviel ist es? (blättert in den Formularen) Es sind 7.668 Euro im Monat. Aber dieses Geld muss ich noch versteuern. Dafür musst du als Abgeordneter keine Rentenbeiträge zahlen und es kommt noch eine Kostenpauschale von rund 3000 Euro dazu. Mal ehrlich: Das ist schon verdammt viel Geld für einen 22-Jährigen, oder? Klar, ich komme aus dem Studentenleben und es ist natürlich ein Riesenprung. Da freue ich mich auch drüber, keine Frage. Aber ich habe nicht des Geldes wegen für den Bundestag kandidiert. Und man muss auch bedenken, dass da einiges abgezogen werden muss: Ich miete und unterhalte damit zum Beispiel ein Wahlkreisbüro in Braunschweig, spende einen Teil an die FDP und die Jungen Liberalen und auch einfach mal eine Runde auszugeben gehört eben dazu. Ich kann das Geld also nicht einfach auf den Kopf hauen. Gibt es eigentlich etwas, das dich an der FDP nervt? In vielen kleinen Einzelfragen gibt es sicher Punkte, mit denen ich nicht ganz zufrieden bin. Wer allerdings mit den Zielen seiner Partei zu hundert Prozent einverstanden sein möchte, der muss eine eigene Partei gründen und dann aber auch darauf achten, dass kein anderer in die Partei eintritt.

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