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turtle-entertainment.de In der 43. Spielminute fällt die Entscheidung. „Aus. Aus. Das Spiel ist aus“, schreit Alexander Albrecht in sein Mikrophon. Auf der Tribüne springen die Zuschauer auf. Auch auf der Großleinwand jubeln die Spieler. Dann zieht jemand den Stecker und das Spielfeld verschwindet. Auf der Leipziger Games Convention gehen die Europameisterschaften im ESport, dem Videospiel auf Wettkamfpniveau, zu Ende. Alex Albrecht ist der bekannteste Kommentator der ElectronicSportLeague (ESL), so etwas wie der Marcel Reif des CPU. Jetzt.de hat mit dem 23-jährigen Kölner über Special-Moves, virtuelle Handshakes und die Zukunftsaussichten des ESports gesprochen. Alexander, die Europameisterschaften sind vorbei. Was waren die besten Momente? Ach, das waren so viele. Die habe ich nicht alle gespeichert. Das Spiel-Niveau war einfach extrem hoch. Schließlich ging es um die europäische Krone. Das ist wie in Wimbledon: Zwei Top-Spieler schlagen die Bälle hin und her, und es verliert, wer den ersten Fehler macht. Die besten Spieler aus Frankreich, Russland und England waren am Start. Und sogar Deutschland war dabei. Oh Wunder. Im E-Sport sind wir noch wer. In Korea und Südostasien ist ESport aber bereits richtig groß: mit Profis, Fanclubs und täglicher Fernsehübertragung. Das ist in Deutschland ja ein wenig anders. Wie üblich sind wir ein bisschen hinterher. Aber in zwei Jahren kommt „Fifa Soccer“ und „Counter Strike“ bestimmt auch hier im Fernsehen. Das ist wichtig für uns. Denn Fernsehen ist die meinungsbildende Kraft. Dann wird unser Sport lebendiger und glaubwürdiger. Denn die Leute sagen sich eben: „Wenn es im Fernsehen kommt, kann es ja nicht so schlimm sein.“ Aber schon jetzt sind unsere Top-Spieler kleine Stars und müssen abends im Kino mal ein T-Shirt signieren. Jeden Tag finden in eurer Liga 30 000 Spiele statt. Wo kann man die ESL sehen? Zur Zeit eigentlich nur im Internet. Als Best-of-Download oder Live-Stream. Wir bringen auf ESL-TV jeden Tag die Topspiele. Manchmal schalten mehr als 20 000 Zuschauer rein. Bei Großveranstaltungen wie den Europameisterschaften übertragt Games-TV, ein Sender, den man über Kabel Deutschland empfangen kann. Aber wir haben in den letzten Jahren ein Studio in Köln aufgebaut, aus dem wir sofort fernsehtauglichen Inhalt an die Satelliten raushauen könnten. Wir warten nur auf den Moment X. Die ESL hat vier Disziplinen: Shooter, Echtzeit-Strategie, Rennen und Fußball. Ist jedes Videospiel für den Esport geeignet? Oder braucht es nur eine spektakuläre Graphik? Das Spiel muss ausbalanciert sein und zwei gleich starke Parteien gegeneinander aufstellen. Normalerweise haben in Actionspielen die Guten ja immer die besseren Waffen, weil die Bösen verlieren müssen. Solche Spiele kannst du vergessen. Das mit der Graphik hängt von den Zuschauern ab. Es ist ein bisschen wie mit Fußball- und Schachfans. Die einen brauchen die Dynamik und den Speed und wollen sehen, wie sich der Ball dem Tor nähert. Andere gucken auf ein Schachbrett und fangen an zu zittern, weil sie wissen, dass das Spiel eine dramatische Wende nimmt, wenn der Turm auf E3 zieht. Wer ein Spiel kennt, braucht keine Graphik-Candies um die spielerische Leistung zu schätzen. Du bist ein E-Sportjournalist. Ist deine Arbeit mit der Sportschau vergeleichbar? Vom Aufwand her auf jeden Fall. Wir berichten live, wir haben Techniker, Aufnahmeleiter und echte Kameramänner, die in den Game-Rooms die Spieler filmen, um deren Mausbewegungen und Emotionen einzufangen. Wir müssen natürlich keine tonnenschweren Kameras im Stadion aufstellen wie es die ARD tut. Durch die Virtualität hast du automatisch Tausend Perspektiven. Deshalb kann bei uns auch der Zuschauer Regisseur spielen und seine Perspektiven frei wählen. Wie moderierst du? Scorepoints, Frags - viele Fachbegriffe sind den Zuschauern unbekannt. Ich vermittle sehr viel über die Stimme, werde laut, euphorisch und animiere die Leute zum Klatschen. Wenn man ein Zufallspublikum hat, dann bedarf es natürlich einer gewissen Einführung in den Fachjargon. Aber zu einfach sollen es die Leute auch nicht haben. Wir wollen ja nicht Mainstream werden, sondern der Mainstream soll in unsere Welt kommen und unser System verstehen. Das dauert halt seine Zeit. Aber bei der Fußball-EM spricht Marcel Reif ja auch vom Abseits und geht davon aus, dass es jeder versteht. Gibt es Moves, die so schön sind, wie ein gelungenes Dribbling? Selbstverständlich. Wenn du einen Bezug zum Spiel hast. Nur weil wir wissen, wie schwer es ist, den Ball zu beherrschen, ist Ronaldinho so ein Held. Manchmal könnte ich weinen vor Glück. Weil die Moves so schön sind, weil mir das nie eingefallen wären, weil da jemand kreativ war und dem Spiel dadurch Leben eingehaucht hat. Zum Beispiel die letzten Deutschen Meisterschaften im „Counter Strike“. Da hat ein Spieler in den letzten Sekunden drei Gegner geholt und damit das Spiel noch gewonnen. Wir sind alle ausgeflippt. Die Schüsse, das Movemet, er hat alles richtig gemacht. Es ist schon jetzt Legende, was da geschah. So wie Maradonnas Tor mit der Hand. Wir werden noch Jahre davon sprechen.