"Der Mythos Major Label ist entzaubert"

Ghost of Tom Joad ist für ihr neues Album einen Vertrag mit Universal Music eingegangen. Was sich dadurch ändert, erzählen sie im Interview.
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Eure neue Platte „Black Musik“ wirkt im Gegensatz zur Letzten viel fröhlicher, ja gerade zu ausgelassen. Was ist denn der Grund dieser neuen Fröhlichkeit?
Hendrik: Das ist eine gute Frage. Es hat sich viel innerhalb der Band geändert. Wir kannten uns ja schon ganz lange und haben auch schon früher in diversen Punkbands auf dem Dorf zusammengespielt. Irgendwie haben wir uns in der Zeit von „Matterhorn“ trotzdem nur gezofft. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Musik. Irgendwie sind wir bei der letzten Platte wieder total zusammengewachsen. Heute machen wir wieder als drei Kumpels zusammen ganz unverkrampft Musik.  

Mit Universal Music habt ihr einen neuen Vertriebspartner im Boot. Ist das auch ein Grund für die neue Freude?
Ich will jetzt nichts über den alten Vertrieb sagen, aber für uns hat sich hauptsächlich eins geändert: Wir arbeiten nun mit sehr professionellen Leuten zusammen. Universal Music hängt sich wirklich ins Zeug. Damit ist für uns ein altes Feindbild gestorben. Wir kommen alle aus der Punkszene und früher waren die Majorlabels schlimmer als Satan. Das muss man jetzt als Musiker wirklich revidieren. Plötzlich engagieren sich Leute für uns, die ihr Handwerk verstehen und die Möglichkeiten mit einem solchen Namen sind natürlich viel größer. Ich würde mir in die Tasche lügen, wenn ich sagen würde, dass wir ungern bei einem großen Label sind. Musikalisch hat sich wahrscheinlich eher nichts geändert, auch weil wir mit dem vertraglichen Unterlagen eher weniger zu tun haben. Das macht alles unser Labelmensch Dennis. 

Klingt aber stark nach dem Klischee des ahnungslosen Künstlers?
Naja, man bekommt natürlich vieles wirklich nur am Rande mit. Dennis hat für sein Label Richard Mohlmann Records einen neuen Vertriebspartner gesucht und mit Universal einen echten Glücksgriff getan. Jedenfalls haben wir als Band einen guten Eindruck von den Leuten im Label.    

Wie habt ihr auf die Nachricht von den Majordeal reagiert? Immerhin steht plötzlich da dieser große Name, auch wenn man vielleicht finanziell nicht mehr bekommt als vorher.
Vor drei oder vier Jahren wären wir wahrscheinlich völlig aus dem Häuschen gewesen, wie jede Band am Anfang ihrer Karriere. Aber jetzt wo man glaubt, das ganze Musikgeschäft schon etwas durchblickt zu haben, ist der Mythos Major etwas entzaubert. Die Vorstellung, dass man sofort in die Charts einsteigt und die Karriere durch die Decke geht, haben wir einfach nicht mehr. Allerdings sind die Leute bei einem großen Unternehmen wie Universal Music viel professioneller als im Hobby- oder Indiebereich. Aber die Ehrfurcht vor dem großen Namen ist nicht so extrem.  

Majordeals rufen aber auch immer die radikalen Indiefans auf den Plan, die schnell mit Vokabeln wie „Buyout“ oder „Kommerz“ hantieren. Habt ihr damit auch Probleme?
Ich glaube, die Musiklandschaft hat sich so stark verändert, dass diese Debatte schon fast hinfällig ist. Früher war es viel wichtiger, bei welchem Label eine Band ist. Gerade in der Punkszene von damals war es unglaublich wichtig, wo die Band unter Vertrag war. Heute interessiert sich dafür keine Sau mehr. Zurecht! Die Unterschiede zwischen den Vertragsarten werden immer geringer. Bei einem Major unter Vertrag zustehen bedeutet schon lange nicht mehr, dass man Millionen von Platten verkauft oder eine große Band wird. Umgekehrt kann man auch bei Indielabels durchaus beachtliche Erfolge feiern und verkauft auch mehr als nur 500 CDs. Es hat da ganz klar eine Negierung stattgefunden und dieser Trend wird sich auch weiter fortsetzen.  

Wenn man über die Entwicklungen in der Musikindustrie spricht, kommt man schnell zu den neuen Möglichkeiten im Internet. Gerade die Web2.0-Anwendungen bieten Künstlern angeblich mehr Möglichkeiten sich selbst zu vermarkten. Wie siehst du, die Chance sich als Band unabhängiger von den Labels zu machen?
Ich glaube nicht, dass diese Kanäle wirklich professionellen Labelstrukturen ersetzen können. Ich erinnere mich, dass viele gesagt haben MySpace würde alle Konzertveranstalter ersetzen. Plötzlich gab es die Möglichkeit, Bands direkt zu kontaktieren und für seinen Club zu buchen. Davon ist aber nichts eingetreten, heute ist MySpace fast pleite und Booking-Agenturen gibt es immer noch viele. Spannend ist allerdings, dass sich das Gespräch am Merch-Tisch nach dem Konzert ins Internet verlagert hat. Es ist einfach gut als Band Feedback von seinen Fans zu bekommen, auch wenn man vielleicht mehrere Monate nur im Studio oder Proberaum sitzt und gar keine Livegigs spielt. Aber natürlich bleibt der direkte Kontakt auf Tour genauso wichtig. Aber wenn ich Fan einer Band bin, finde ich es einfach super denen etwas auf die Pinnwand schreiben zu können und vielleicht so einen Kontakt herzustellen. Wir versuchen jedenfalls so viel wie möglich mit unseren Fans zu interagieren, sei es nun über Twitter, Facebook oder MySpace. Aber ich muss ganz klar sagen, ähnlich wie MySpace sind auch andere Web 2.0-Anwendungen häufig sehr gehypt. Am Ende des Tages zählt doch nur, ob man gute Musik macht oder nicht. Facebook und MySpace sind einfach nur nette Hereingaben, nicht mehr oder nicht weniger.  

Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, sich zu platzieren. Gerade die Musikkritik ist ja nicht mehr nur den Musikjournalisten der großen Medien überlassen, sondern geht auch immer mehr in die Richtung von Bloggern. In der Blogsphäre gehypte Bands haben es teilweise schon zu beachtlichen Erfolgen gebracht. Wie beurteilt ihr diesen Trend?
Ich muss zugeben, ich google unseren Namen schon sehr häufig. Auf was man da stößt, ist schon häufig sehr skurril. Ich finde es toll, dass jeder seinen Senf zu den Songs oder zur Musik dazugeben kann. Vielleicht ist manchmal sogar ein guter Tipp zum Beherzigen dabei. Früher haben mich Blogs allerdings noch viel mehr interessiert und ich habe alles gelesen. Wir haben zum Beispiel mal im Vorprogramm von Maximo Park gespielt und wurde uns ganz vielen Britpop Musikblogs total zerrissen. Damals hat mich das total wütend gemacht, heute sehe ich das gelassen. Ich weiß einfach, was für armselige Kreaturen teilweise hinter den Blogschreibern stecken. Keine Frage, es gibt auch eine Handvoll sehr cooler Leute, die das machen. Ich glaube, das ist wie bei Journalisten, bei denen sieht man ja sofort auch was sie so drauf haben. So richtig erst nehmen kann ich viele Blogs nicht und ich denke auch, dass seriöser Musikjournalismus immer noch mehr Wert ist.       



Text: birk-grueling - Foto: Saskia Otto

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