Dein Song „Was kann dieser Tag ändern“ war noch am Tag der schrecklichen Ereignisse auf deiner Myspace-Seite zu hören. Das ist wahnsinnig schnell. Danny Fresh:Ja. Mein Produzent und ich waren bereits gegen 17 Uhr fertig und haben jeweils etwa drei Stunden daran gesessen, bis wir der Meinung waren, den Umständen und dem Thema inhaltlich und musikalisch gerecht geworden zu sein. Was war denn der Grund dafür, sich künstlerisch so zügig mit den Vorfällen auseinanderzusetzen? Für mich war das der einzige Weg, um mich zu sortieren und meine Gedanken zu dem Thema zu äußern. Das war ein Befreiungsschlag für mich selbst. Ich konnte auch nach zwei Stunden keine Nachrichten mehr sehen, weil dort nur die Sensationsgier der Leute befriedigt wurde. Da wurden irgendwann vollkommen abstruse Vergleiche gezogen, merkwürdige Statistiken vorgelegt und dann mit dem Finger auf die üblichen Verdächtigen gezeigt: Gewaltfilme, Killerspiele, Rap-Musik. Umso wichtiger war es mir, etwas Konstruktives zu dem Thema zu sagen – und zwar so zeitnah wie möglich.

717317

Die Medien haben noch am selben Tag eine Verbindung des Amoklaufs zu Rap-Musik hergestellt. Wie hast du die Diskussion darüber wahrgenommen? Für mich was das nichts anderes als verbal ausgedrückte Hilflosigkeit, weil niemand etwas Genaues über die Hintergründe wusste. Aber wild zu mutmaßen und hanebüchene Verknüpfungen herzustellen, hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun. Durch diese Verknüpfung ist Rap-Musik einmal mehr in einem sehr negativen Kontext aufgetaucht. Glaubst du, mit deinem Song zu einer Positivierung des HipHop-Begriffs beigetragen zu haben? In den letzten Jahren wurde medial ein sehr einseitiges Bild von Rap und HipHop vermittelt, sodass es nicht ganz einfach ist, die wahrgenommenen Eindrücke vollkommen umzukehren. Umso wichtiger ist es jedoch, auch mal positive Inhalte zu vermitteln. Ich gebe viele Workshops an Schulen und Jugendhäusern, in dessen Zusammenhang es vor allem für Lehrer und Sozialarbeiter eine Bestätigung ist, mit Rap etwas Positives in den Köpfen der Jugendlichen bewirken zu können. Verschiedene Radiosender wollten deinen Song nach den Vorfällen spielen, aber du hast abgelehnt. Wäre das nicht eine gute Möglichkeit gewesen, um mit deinem Song auf massenmedialem Weg ein Bewusstsein abseits der Sensationsgier für das Thema zu schaffen? Ja, vielleicht. Aber die Gefahr, dass jemand das Stück in den falschen Hals bekommt, war mir zu groß. Das Feedback hat mir jedoch gezeigt, dass die Leute den Song auch ohne Mithilfe des Radios zu Gehör bekommen haben. Stattdessen hast du das Lied dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden zur Verfügung gestellt. Ja, denn das Stück ist nirgendwo besser aufgehoben als bei diesen Leuten. Ich habe auch mit Hinterblieben gesprochen, die den Song als sehr ausgewogen, einfühlsam und bewegend empfunden haben. Er hat ihnen bei der Trauerbewältigung geholfen. „Was kann dieser Tag ändern“ ist nun der Mottosong des Aktionsbündnisses. Wie findet er denn dort Verwendung? Vor kurzem gab es beispielsweise ein Benefizspiel einer Traditionsmannschaft des VfB Stuttgart, in dessen Rahmen ich den Track performt habe. Außerdem ist ein Benefiz-Sampler geplant, dessen Erlöse dem Aktionsbündnis zugute kommen und auf dem mein Song vertreten sein wird. Siehst du deinen Song als Gegenstück zu einem Track wie dem viel diskutierten „Amokzahltag“ von Kaas (jetzt.de-Interview dazu) oder erkennst du auch Parallelen? Gegenstück würde ich nicht sagen, weil die Stücke aus unterschiedlichen Kontexten heraus entstanden sind. Seine Nummer war bereits vor Winnenden da, meine kam danach – daher lässt sich das schlecht vergleichen. Auch unsere Zielgruppen sind wahrscheinlich andere. Während meine Tracks eher von Erwachsenen gehört werden, besteht sein Publikum vorrangig aus Jugendlichen. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, wenn man den jeweiligen Adressatenkreis mal untereinander tauschen würde, sodass sich die Erwachsenen mal mit seiner Sicht der Dinge auseinandersetzen und die Kids mit dem, was ich dazu zu sagen habe. Kaas selbst hat gesagt, dass es ihm mit seinem Song darum ging, Menschen aus einer schlimmen Lebenssituation herauszuhelfen. Eine ähnliche Intention dürfte auch deinem Stück zugrunde gelegen haben, oder? Mir ging es vorrangig darum, diese Hilflosigkeit in Worte zu packen. Einen Ansatz zu finden, um darauf hinzuweisen, dass man die Inhalte der Berichterstattung und die üblichen Gedanken mal einen Augenblick lang ausblenden sollte, um sich stattdessen einmal mit sich selbst zu beschäftigen. Dass man nicht nur nach Winnenden blickt und wieder bloß denkt, wie schlimm doch die Welt ist, sondern einfach mal schaut, inwiefern das mit einem selbst und seinem eigenen täglichen Leben zu tun hat. Hast du für dich mittlerweile eine Antwort auf die titelgebende Frage gefunden, was dieser Tag ändern kann? Es hat sich wieder einmal gezeigt, wie schnell so ein Thema von der medialen Agenda verschwindet. Aber auch in meinem Song sage ich, dass es nicht darauf ankommt, dass so ein Vorfall zwei Wochen lang omnipräsent ist, sondern dass es langfristig im Kopf behalten wird. Die positivste Veränderung ist daher wohl die, dass die Mitglieder des Aktionsbündnisses dazu beitragen wollen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Damit ihre Kinder nicht ganz umsonst gestorben sind.