"Derzeit ist es opportun, Computerspiele zu bashen"

In der Debatte um die Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden fordern Politiker ein Verbot so genannter Killerspiele. Der Münchner Blogger Deef Pirmasens wehrt sich dagegen.
dirk-vongehlen

Du hast einen Offenen Brief zu der medialen Verarbeitung des Amoklaufs von Winnenden veröffentlicht. Warum? Deef: Zunächst mal war ich nach dem schrecklichen Massenmord auch schockiert und fassungslos. In der Folge wurde in der Berichterstattung immer die Frage nach dem „Warum?“ gestellt. Das ist eine sehr menschliche Frage. Warum passieren Dinge? Und wie kann man sie verhindern? Bei dieser Debatte ist es nur leider wieder so, dass Videospiele einseitig als Ursache von Amokläufen dargestellt werden. Die andere Perspektive fehlt in der Diskussion, die Seite, die die Millionen von friedlichen Spielern vertritt und die sagt, wir wollen nicht, dass Videospiele als Sündenbock herhalten müssen und womöglich verboten werden. Videospieler haben also keine Lobby in der Öffentlichkeit. Leider nicht. Und die Hersteller von Videospielen haben sich bisher auch zurückgehalten, was bedauerlich ist. Derzeit ist es opportun, Computerspiele zu bashen. Das ist leider nichts Neues: Es war schon immer so, dass neue Medien als Prügelknaben herhalten mussten. Sogar Bücher wurden verteufelt. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ wurde zum Beispiel vorgeworfen, junge Männer in den Selbstmord zu treiben.

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Illustration: Julia Schubert

Das Argument gegen so genannte Killerspiele lautet oft: Es ist ja unbestritten, dass diese Spiele aggressiv machen. Das ist es eben nicht. Eine Studie, die belegt, dass normale Menschen alleine durch gewalthaltige Computerspiele aggressiv werden, die möchte ich erstmal sehen. Ich kenne keine glaubwürdigen Forschungsergebnisse, die das belegen würden. Warum wird die Debatte trotzdem so intensiv über Videospiele geführt? Weil es schlüssig erscheint. Viele Menschen – gerade wenn sie älter sind – haben keine Berührungspunkte mit Videospielen und beziehen ihr Wissen darüber vom Hörensagen und den Medien. Groß berichtet wird über Videospiele aber nur im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen. Da muss man sich nicht wundern, wenn sich eine diffuse negative Meinung breit macht und viele zu glauben beginnen, Videospielverbote könnten künftige Amokläufe verhindern. Die Frage, die dann oft kommt, lautet: Müssen die Spiele wirklich gewalthaltig sein? Geht’s nicht auch ohne? Es geht auch ohne und viele Spiele sind absolut friedlich. Aber man darf nicht vergessen, dass Gewalt ein wichtiges Element in unserer Erzähltradition darstellt. Man denke an Agatha Christi-Romane, den sonntäglichen Tatort oder das alte Testament der Bibel. Gewalt nach Regeln ist auch ein unverzichtbares Element im Sport, wie z.B. bei Boxen, Ringen, American Football, und Fechten. Videospiele sind ein Medium, das die Erzähltraditionen, den sportlichen Wettkampf und das Teamspiel aufgreift und auf eine andere, eine interaktive Ebene befördert. Das muss nicht jedem gefallen, aber hier jegliches Auftauchen von Gewalt gänzlich zu verbieten, hieße ein Kulturgut zu zensieren. Eine derartige Maßnahme stünde gerade einem Land wie Deutschland ganz schlecht zu Gesicht. Ein wichtiges Argument ist oft auch die Verfügbarkeit dieser Spiele ... Natürlich gilt: Nicht jedes Videospiel ist für Kinder und Jugendliche geeignet. Dafür haben wir in Deutschland schon umfassende gesetzliche Regelungen im Strafgesetzbuch und im Jugendschutzgesetz. Die müssen natürlich auch von den Händlern und den Eltern befolgt werden. Weil es sonst passiert, dass ein Spiel wie "Far Cry 2", das gar keine Jugendfreigabe hat, von einem 17-Jährigen gespielt wird ... Genau und da müssen sich die Eltern die Frage gefallen lassen, warum sie einen Sohn einen Computer ins Zimmer stellen, aber nicht darauf achten, was er damit macht. Auf eine Sache muss ich allerdings hinweisen: auch das ab 18 Jahre erhältliche Far Cry 2 ist nicht gewaltverherrlichend, sondern lediglich gewalthaltig. Es gibt überhaupt keine „Verherrlichungs-Killerspiele“ in Deutschland, denn Gewaltverherrlichung und Gewaltverharmlosung sind gemäß § 131 Strafgesetzbuch gänzlich verboten und werden mit Freiheits- oder Geldstrafen bestraft. Du hast bisher sehr viel Feedback auf deinen Offenen Brief bekommen. Hast du noch weitere Pläne? Der offene Brief hat Aufmerksamkeit in Blogs und Web-Foren bekommen, aber um relevant zu sein, muss er in die klassischen Medien. Ob das passiert, hängt maßgeblich davon ab, wie aufgeschlossen Journalisten gegenüber den Meinungen und Interessen von Videospielern sind. Ich hoffe das Beste, erwarte aber nicht allzu viel. Über das Interesse von jetzt.de habe ich mich sehr gefreut. Mehr zum Thema auf jetzt.de: Ein Interview mit Matthias Dittmayer, der die Berichterstattung von ARD und ZDF über so genannte Killerspiele kritsiert. Außerdem weitere Berichte zum Amoklauf in Winnenden.

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