Des neuen Deutschlands Superband: Polarkreis 18

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jetzt.de: Hallo, wo bist du gerade? Felix Räuber: Bei mir daheim, in Dresden Gute Stadt für eine Band? Ich liebe sie, ich bin ja hier geboren. Es tut sich auch ganz schön was, aber es gibt eigentlich keine musikalische Infrastruktur, keine Bandszene oder so, es sitzen viele Leute in ihren Wohnzimmern und machen da gute Sachen. Wie waren die letzten Wochen für Polarkreis 18? Ziemlich absurd. Einerseits ist es natürlich sehr beflügelnd, wenn sich auf einmal die gesamte Resonanz bei den Menschen und Medien so verändert und anderseits ist das ein ganz neues Gefühl, dem man auch erst mal skeptisch gegenüber steht. Warum? Der Druck von außen wächst mit dieser großen Aufmerksamkeit. Neu ist: Wir sind jetzt erstmals auch im Zugzwang Qualität abliefern zu müssen, müssen Zusatzaufgaben wie etwa Promoarbeit meistern und die Aufgabenteilung ein bisschen professioneller angehen. Kann ja nach zehn Jahren Bandexistenz auch nicht schaden, oder? Ja klar, und weil wir schon so lange Musik machen, haben wir das jetzt auch irgendwann mal richtiggehend erwartet. Jetzt ist es also soweit. Das Päckchen von unserer Plattenfirma ist schon gekommen, wir haben es aber noch nicht aufgemacht. Das heben wir uns für heute Abend auf, Platte auspacken und dabei betrinken.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Felix und die Rollkragen Andere haben die Platte schon ausgepackt und halten sie mindestens für verblüffend, wenn nicht gar für spektakulär. Ja, wir hätten nie erwartet, dass die ersten Reaktionen darauf so positiv ausfallen, das macht uns sehr stolz. Naja, aber jetzt mal Hosen runter, ihr seid 22 Jahre alt und legt ein derartig cooles, epochales Sigur-Ros-trifft-Air-Album als Debüt vor, wie geht das? Das kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass wir sehr, sehr lange an diesen Liedern gearbeitet haben. Und wir sind zwar ziemlich jung, feiern aber wie gesagt auch schon bald unseren zehnjährigen Bandgeburtstag. Wichtig war vor allem, dass vor zwei Jahren noch mal zwei neue Bandmitglieder dazukamen. Bis dahin hatten wir zu dritt viel rumgewerkelt, vor allem im Studio Spuren angehäuft und den ganzen Tag in den Rechner geschaut, da war irgendwann kein Leben mehr in den Kompositionen. Mit den beiden neuen wurde wieder eine Band daraus und wir waren wieder mehr im Proberaum als am Schreibtisch. Nicht unwichtig ist vielleicht auch, dass wir hier in Dresden sehr isoliert arbeiten konnten, abgeschieden und ungestört von der Musikwelt sozusagen. Wir werden hier in Ruhe gelassen. Das Interessante ist ja gerade dieses Ineinander von Elektronik und klassischer Bandmusik. Das ist miteinander verschmolzen. Wir denken bei jedem Lied sehr lange über den Klang nach und über die richtige Instrumentierung, die muss sich dem Klang anpassen. Das ist ein geheimnisvoller Prozess. Wie jammen nicht im Proberaum, wir nehmen stattdessen eine Idee und bauen sie zum Beispiel am Rechner fertig und gehen dann damit wieder zur Band zurück. Und das hast du auch schon mit zwölf gemacht? Nein, am Anfang war das ganz anders. Das war Weihnachten 1997, da hatten wir endlich alle Instrumente für eine Band zusammen - Geschenke von den Eltern. Wir haben gleich damit rumgeschrammelt, nie etwas gecovert, sondern schon immer selber geschrieben. Das war aber natürlich so Garagenpunk mit Schreigesang. Davon ist nicht mehr viel zu hören. Es gab ein musikalisch einschneidendes Erlebnis, das war das Album „13“ von Blur. Ich hatte das in der Plattensammlung vom Vater unseres Gitarristen entdeckt und mit in die Sommerferien genommen. Ich war also mit meinen Eltern im Urlaub und hörte diese unglaubliche Blur-Platte. Das gab den Ausschlag hin zu experimentellerer Musik. Tortoise und A Perfect Circle waren dann auch Bands, die uns noch weiterdenken ließen. Ich hatte auch mal eine Aphex Twin-Phase, die dann wieder von einer Vorliebe für Harmonie und Klassik abgelöst wurde.

Wer's nicht glaubt: Polarkreis 18 live im Schauspielhaus Dresden Für welche Bands interessierst du dich heute? Röyksopp würde ich gerne mal live sehen und Radiohead. Und was ist eigentlich mit Notwist los, die kommen doch aus eurer Ecke? Die waren natürlich auch wichtig. Hm, in der Notwist-Ecke ist es einigermaßen ruhig. Man darf ja auch das Wort Postrock nicht mal mehr denken. Postrock - ich fand das war schon eine sehr coole Musikrichtung, komplexe und detaillierte Musik, die sehr emotional sein konnte. Wir möchten dieselbe Stimmung erreichen, nur mit etwas anderen Mitteln. Eure Musik klingt sehr durchdacht, euer Name eisig und eure Fotos sind unterkühlt. Seid ihr so cool? Unser Look soll schon der Musik ähneln, also reduziert und durchdacht sein. Wir haben auch sehr früh angefangen, uns neben der Musik auch um das Visuelle zu kümmern und graphisch zu arbeiten. Es gibt derzeit eigentlich keine Band, die das wirklich komplett durchzieht, mir fällt da nur Rammstein ein. Was kommt jetzt für euch? Also, erstmal die Platte, dann gehen wir einen Monat lang auf Tour, das ist für jede kleinere Band auch ein wichtiges Erlebnis, wir spielen gerne live. Viele unserer Stücke sind ja Elektroniksachen, aber wir versuchen das auf der Bühne auch perfekt umzusetzen. Und sonst? 2007 soll ein Lebejahr werden, nachdem wir 2006 fast nur drinnen gearbeitet haben. Und wir haben uns vom Vorschuss der Plattenfirma viele neue Instrumente gekauft und haben einen neuen Fetisch: analoge Synthesizer. Vier Stücke von Polarkreis 18 kann man hier anhören.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das Album "Polarkreis 18" von Polarkreis 18 erscheint heute.

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