Deutschland, gefühlte Heimat

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Türkische Frauen lernen in Hamburg Deutsch. Bild: dpa Elke, wann bin ich ein Migrant? Wenn man mindestens ein Jahr im Ausland gelebt hat, ist man ein Migrant. Ich habe fünf Jahre in Südafrika gelebt, dort war ich selbst Migrantin. Die Erinnerung an diese Zeit war für mich auch ein Grund, in dieses Buch richtig einzusteigen. "Deutschland, gefühlte Heimat" lautet der Titel deines Buches - fühlen sich so junge Migranten in Deutschland? Das war die Frage, die ich an die jungen Menschen gerichtet habe. Zunächst haben alle immer mit "Ja" geantwortet, bis auf zwei Ausnahmen. Alle waren fest entschlossen, Deutschland zu ihrer Heimat zu machen, weil sie gesehen haben, dass ihre Zukunft hier in diesem Land liegt. Wenn ich weiter nachgefragt habe, kam allerdings heraus, dass dies eine Kopfentscheidung war. Die gefühlte Heimat war eigentlich immer das alte Heimatland. Pinar aus der Türkei hat mich einmal ziemlich aggressiv gefragt, warum sie sich überhaupt festlegen solle auf eine Heimat und ob ich mir noch nie überlegt hätte, dass man auch zwei Heimaten haben könne. Heute denke ich, dass sie recht hat. Ich finde, man kann durchaus auch zwei Pässe haben. Wenn man die Erfahrungen wie diese jungen Menschen gemacht hat, dann hat man eigentlich immer zwei Heimaten. Was hat dich bewegt, die Lebensgeschichten junger Migrantinnen und Migranten zu erforschen und aufzuschreiben? In Hochglanzmagazinen habe ich immer wieder Reportagen von tollen Karrieristen gesehen, die an ihrem Schreibtisch in Designerklamotten fotografiert wurden. Sie haben Deutschland als Karrieresprungbrett benutzt. Dagegen waren dann Geschichten, wie die der Rütli-Schule in Berlin zu lesen, wo Lehrer um Hilfe gerufen haben, weil sie mit den jungen Migranten nicht zurecht kamen. Auf der Straße oder in der U-Bahn wurde mir immer wieder bewusst, wie viele junge Menschen mit Migrationshintergrund um mich herum sind. Ich habe mir überlegt, wie die mit ihrer Situation umgehen und war sehr neugierig, diese Menschen kennen zu lernen. Wie viele junge Migranten leben in Deutschland? Mittlerweile hat jedes dritte Kind im Kindergarten und jeder vierte Jugendliche einen Migrationshintergrund. Es ist allerhöchste Zeit, dass mehr nachgefragt wird, denn diese Menschen passen nicht alle in das Klischee der Karrieristen oder Rüpel. Die Hintergründe und Lebenswege der zwölf Menschen in dem Buch sind sehr unterschiedlich. Gibt es ein Lebensgefühl, das alle verbindet? Jeder von ihnen hat natürlich ganz andere Erfahrungen gemacht. Alle waren aber fest entschlossen, Deutschland zu ihrer Heimat zu machen. Oft gab es aufgrund der familiären Situation kein Zurück mehr in die alte Heimat. Ein anderes Gefühl, das alle verbindet, ist die Einsamkeit, die sie zeitweise hier in Deutschland empfunden haben. Die mussten sie durchstehen und überwinden. Man darf aber nicht unterschätzen, dass ein Teil dieser Verletzung zurückgeblieben ist. Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, so einsam zu sein, wie diese jungen Menschen es zum Teil waren, wird das gar nicht verarbeiten können und dieser Teil wird immer bleiben und die Persönlichkeit mitbestimmen. Viele von ihnen haben ein Leben in Sicherheit und mit vielen neuen Möglichkeiten erwartet, wollten sich selbst und ihre Träume verwirklichen. Wie sah die Realität aus? Die Träume, die diese jungen Menschen hatten, wurden erst einmal bitter enttäuscht. Sie mussten sehr kämpfen, um ihre jetzige, oftmals recht gute, Situation zu erreichen. Beim ersten Gespräch haben sie die Fassade nie fallen lassen, aber wenn man immer wieder nachgefragt hat, sind Geschichten zutage gekommen, wie die von Sineb zum Beispiel. Sie ist aus Marokko nach Deutschland gekommen und war nach außen hin die perfekte Schülerin. Sineb war freundlich zu den Eltern der Mitschüler und hat nie viel davon nach außen gezeigt, wie es in ihr wirklich aussieht. Dadurch ist sie einmal halb in eine Depression abgerutscht. Oder Elena aus der Ukraine ist in der Magersucht gelandet. Die Jugendlichen haben die schwierigsten Prozesse durchlebt und oft ihre deutschen Mitschüler beneidet. Diese konnten unbeschwert ihre Kindheit oder Jugend genießen und mussten nicht soviel Verantwortung übernehmen oder so viele Probleme durchgehen wie die Migranten. Warum einige der jungen Migranten keine deutschen Freunde haben wollen, liest du auf der nächsten Seite.


Die Jugendlichen entwickeln im Laufe ihrer Jahre in Deutschland eine unheimliche Kampf- und Willenskraft. Wie Noor, der verbissen alle Hürden bis zu seinem Medizinstudium nimmt. Woher rührt diese Kraft? Sie haben gar keine andere Wahl. Sie müssen sich durchbeißen, da sie nicht zurückgehen können.

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Illustration: Julia Schubert

Die Autorin Elke Reichart, 57. Bild: dtv Einige der Jugendlichen haben angegeben, keine deutschen Freunde zu haben und auch keine zu wollen. Warum ist das so? Die Jugendlichen werden hier oft nicht so angenommen, wie sie sind. Dann haben sie das Gefühl, den Deutschen gegenüber eine Fassade aufrichten zu müssen, um akzeptiert zu werden. Wenn sie mit anderen Migranten zusammen sind, ist das einfacher. Die kennen ihre Einsamkeit und die Probleme, mit denen man als Migrant jeden Tag konfrontiert ist. Sineb zum Beispiel verlegt ihre Zeitschrift „Gazelle“ vor allem deshalb, weil sie nicht möchte, dass die jungen Migrantinnen mit so wenig Wissen aufwachsen müssen, wie sie damals. Sie macht Netzwerke bekannt, um ihnen das Leben in der fremden Heimat ein wenig zu erleichtern. Sineb aus Marokko musste bereits als Kind in Deutschland viel Verantwortung übernehmen, für ihre Eltern übersetzen und das Leben in der neuen Heimat organisieren. Welche Rolle spielt die Sprache für die jungen Migranten? Mable aus Ghana beispielsweise war rund um die Uhr beschäftigt mit der Sorge um ihre Eltern. Als sie im Grundschulalter in Kur geschickt wurde und alle Eltern nach drei Wochen ihre Kinder besuchen durften, hatten Mables Eltern den Bus, der sie abholen sollte, verpasst. Ohne Mable waren sie immer noch aufgeschmissen in diesem neuen Land, deren Sprache sie kaum konnten. Die Sprache ist deshalb das A und O. Das ist der Vorteil der jungen Migranten, die in der Schule bereits die deutsche Sprache lernen. Da sie aber meist sehr viel besseres Deutsch sprechen, als der Rest der Familie, müssen sie für die bereits früh viel Verantwortung übernehmen. Diese Verantwortung treibt die Kinder häufig an den Rand ihrer Kräfte und überfordert sie. Die Jugendlichen, die ein gutes Deutsch sprechen, leben in zwei Welten. Zum einen haben sie die Welt mit ihren Mitschülern, in der sie die perfekt Angepassten spielen. Zum anderen ist da die Welt Zuhause, wo oft noch die Muttersprache gesprochen wird, wo Religion gepflegt wird. Zwischen diesen zwei Welten sind sie oft hin und her gerissen. Das birgt Gefahr, wenn sie in der deutschen Welt abgelehnt werden, weil etwas nicht 100%ig passt, sie zum Beispiel aus Geldgründen Freizeitunternehmungen nicht mitmachen können oder weil sie ein Kopftuch tragen. Dann flüchten sie im schlechtesten Fall in die Nicht-Deutsche Welt, wo ein Wir-Gefühl aufgebaut wird, dass auch in Radikalismus umschlagen kann. Wir müssen alles dafür tun, dass bei den Migranten gar nicht erst das Gefühl der Fremde entstehen kann. Sind die Jugendlichen, mit denen du gesprochen hast, reifer als gleichaltrige Deutsche? Ja, sie waren sehr viel reifer, was aber nicht unbedingt ein Vorteil für sie ist. Sie konnten Teile ihrer Kindheit nicht ausleben, was ihnen heute fehlt. In den Gesprächen war ich aber oft beeindruckt, wie reflektiert sie über ihre Situation gesprochen haben. Du hast mit einer jungen Bolivianerin gesprochen, Isabella, die unerlaubt in Deutschland leben. Wie viele Illegale leben hier? In München sind es wohl so um die 30 000. Deutschlandweit gehen die Spekulationen stark auseinander. Die Zahlen reichen von 500 000 bis 1,5 Millionen Menschen. Wo leben all diese Menschen? Sie leben mitten unter uns, vielleicht direkt nebenan. Wir haben nur keinen Kontakt zu ihnen. Oftmals vermieten Deutsche ein oder zwei Zimmer in ihrer Wohnung an Illegale. Die sind dann zum Beispiel als billige Haushaltskraft bei ihnen angestellt. Diese Menschen wollen nicht auffallen, sie möchten, dass wir die Augen verschließen und gehen ganz eigene Wege. Aber natürlich sollte der Illegale-Status nicht ewig bleiben. Denkst du, wir müssen unseren Umgang mit Migranten verändern? Ja, wir müssen, so banal das auch klingen mag, mehr aufeinander zugehen und Vertrauen aufbauen. Am besten geschieht dies im Rahmen von Projekten, aber natürlich muss auch jeder selber an sich arbeiten. Wenn ich mit meiner muslimischen Freundin rede ist klar, dass weder ich noch sie zur jeweils anderen Religion konvertieren werden, aber wir finden trotzdem eine Basis, mit der wir leben können. Es gehört dazu, immer wieder von neuem auf den anderen zuzugehen und nachzufragen. Was bedeutet Heimat für dich? Für mich bedeutet es, von Menschen umgeben und geborgen zu sein. Für meinen Mann hingegen ist Europa Heimat. Jeder hat hier ganz andere Ansichten. ***

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Illustration: Julia Schubert

"Deutschland, gefühlte Heimat - Hier zu Hause und trotzdem fremd?!" von Elke Reichart ist im dtv-Verlag erschienen und kostet 8,95 Euro.

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