“I don’t wanna go to School/ I just wanna break the Rules” – wer das “Dschungelcamp” gesehen hat, kennt zumindest den Refrain des aktuellen Charli-XCX-Hits „Break the Rules“. Die knallige Popnummer aus Charlis neuem Album „Sucker“ war in der Sendung in diesem Jahr Titelsong. Charlotte Emma Aitchison will Erfolg, um jeden Preis. Dafür schreibt die 22 Jahre alte Engländerin schlicht gestrickte, plakative Popsongs. Gleichzeitig sieht sie ihre Vorbilder aber im Punk. Wie passt das zusammen? Sehr gut, findet sie.

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jetzt.de: Charli, bist du eigentlich stolz drauf, den Titelsong für eine Trash-Sendung wie das Dschungelcamp geliefert zu haben?
Charli XCX: Wenn ich Erfolg haben will, dann muss ich für diesen Erfolg alles tun, was ich vertreten kann. Ich selbst käme niemals auf den Gedanken, in dieser Dschungelshow mitzumachen. Das wäre mir viel zu eklig. Und eigentlich ist die Aussage meiner Nummer sowieso das krasse Gegenteil von dieser Sendung.

Wie meinst du das?
Im Dschungel geht es darum, sprichwörtlich alles zu schlucken und sich an die Spielregeln zu halten. In meinem Song geht es darum, auf die Regeln zu scheißen. Ich war immer schon stur und lasse mir nicht gern von anderen etwas sagen.

https://www.youtube.com/watch?v=p90ARvbAM4Q

Muss man stur sein, um ein Popstar zu werden?
Es hilft, wenn du deine persönlichen Vorstellungen vom Leben hast. Ich wusste zum Beispiel ab dem Tag, an dem ich ein Video von Britney Spears sah, dass ich Musik machen will. Mit 14 habe ich mein erstes Album rausgebracht. Wenn du als Teenager plötzlich auf eigenen Beinen in einer Welt unterwegs bist, die von 30- oder 40-jährigen Männern beherrscht wird, musst du sehr selbstbewusst sein. Sonst gehst du unter und gerätst vielleicht sogar in gefährliche Situationen. Mir blieb nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich erwachsen zu werden.

Was für Situationen waren das?
Blöde Anmachen. Plumpen Sexismus. Irgendwo gibt es immer einen Sack im Anzug, der dich verarschen will, weil er denkt: ‚Was weiß die Kleine denn schon?‘ Ich sage solchen Typen nur ‚Ihr könnt mich alle mal.‘ Ich bin eine junge Frau, aber ich bin weder dumm noch naiv.

Haben deine Eltern sich keine Sorgen um dich gemacht?
Die kamen meistens mit, als ich auf Partys und Raves auftrat. Mum war anfangs sehr reserviert, während mein Vater diese Abende immer schon cool fand. So lange meine Noten in Ordnung waren, haben sie mich gewähren lassen. Ich bin schließlich Einzelkind, ich bin es gewohnt, meinen Willen durchzusetzen (lacht).

Warum hast du deinen Song „I love it“ an Icona Pop verkauft, anstatt ihn selbst zu singen?
Ich bereue das bis heute nicht, es war die richtige Entscheidung. Ich wollte keinen fetten EDM-Song singen, ich war froh, als Icona Pop ihn nahmen. Ich habe ja auch was davon gehabt. „I love it“ war eine Art Eintrittskarte für mich. Und ich hatte sowieso nur 30 Minuten Arbeit mit dem Song, dann war er fertig.

30 Minuten?! Geht das Schreiben bei dir immer so schnell?
Die guten Songs gehen am schnellsten. Je mehr Zeit ich mit einem Lied verbringe, desto mehr geht die Spontaneität verloren und desto weniger eingängig wird es.

Dein neues Album „Sucker“ ist viel lauter und rotziger als das knapp zwei Jahre alte „True Romance“. Hast du dich bewusst neu orientiert?
Zu Zeiten von „True Romance“ war ich sehr verliebt und wollte das zum Ausdruck bringen. Zurzeit spielt die Romantik bei mir keine Rolle. Ich bin gerade lieber alleine. Ich gerate traditionell dauernd mit Jungs in irgendwelchen Ärger, deswegen möchte ich mich fürs Erste zurückhalten. Für die Suche nach einem neuen Freund bin ich gerade eh viel zu beschäftigt.

Die neuen Songs sind nicht nur weniger romantisch, sondern auch knalliger.
Ich wollte mehr Punk in meine Musik bringen. Ich liebe Green Day oder Weezer, und es war eine Supersache für mich, dass Rivers Cuomo, der Sänger von Weezer, mit mir den Song „Hanging Around“ geschrieben hat.

Was gefällt dir an Punk?
Bands wie die Ramones und die Hives bewundere ich dafür, wie packend und direkt sie ihre Emotionen rauslassen. Diese Songs zünden einfach immer. Und was Rivers angeht: Ich war fasziniert, wie sehr er sich für Popmusik-Strukturen interessiert.

„Sucker“ ist aber weder Punk noch Indie-Rock, sondern eher Pop irgendwo zwischen Britney Spears, Katy Perry und Lily Allen. Wird das Album deinem eigenen Anspruch gerecht?
Ja. Ich weiß, dass diese Songs und meine Texte manchmal etwas albern und doof sind und die inhaltliche Tiefe von Kinderreimen haben. Genauso wollte ich es. „Sucker“ soll so kommerziell wie möglich sein und mich fest etablieren. Das ist mein Plan. Und überhaupt: Die berühmtesten und erfolgreichsten Popsongs sind die, die sich am dümmsten anhören.

Das Album „Sucker“ ist am 13.2. erschienen, ab 26.2. ist Charli XCX auf Tour.




Text: steffen-rueth - Foto: AP