Die Casanovas aus Kanada

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Tegan and Sara-Konzerte transportieren Besucher direkt in die Pubertät zu Boy-Band-Zeiten. Schon morgens vor der Show in München stehen die ersten Fans - unter anderem aus den USA und Kroatien – vor den geschlossenen Konzerthallentoren und bangen um einen müden Gruß von den beiden Schwestern. Auf die erstaunte Frage nach dem „Warum“ antworten sie praktisch unisono: „Warts ab, bis du sie live siehst. Dann wirst du uns verstehen.“ Um Tegan und Sara hat sich eine Art Personenkult entwickelt, der sich sogar auf Saras Exfreundin erstreckt. Es gibt spezielle Netzwerkseiten für Fans, die beiden bloggen selbst und stellen immer wieder lustige Filmchen von sich ins Netz. Live ist das dann so: Viele niedliche Mädchen drängeln sich vor der Bühne und kreischen sich die Seele aus den Leibern, Jungs mit emotionalen Seitenscheitelfrisuren und enganliegenden Klamotten wiegen sich im flotten Takt der charismatisch-linkischen Zwillinge. Die treten mit einer dreiköpfigen Band auf und plaudern zwischen den Liedern mal von Aliens, mal von Kindheitserinnerungen vor sich hin oder hacken aufeinander herum. „The banter“ – nennen das die Fans, ein feststehender Begriff der Tegan and Sara – Kosmologie. jetzt.de sprach mit Tegan, der älteren und nach eigener Aussage eher aufgeschlossenen Schwester. Eure Texte handeln eigentlich fast immer von sehr privaten Situationen und Gefühlen, oder? Tatsächlich geht es in unseren Liedern eigentlich immer um Beziehungen oder jedenfalls um die Angst und Gefühle, die wir aus Beziehungen bekommen. Sara und ich machen immer Witze darüber, dass wir eigentlich nicht für andere Leute schreiben, sondern immer nur für uns. Wenn es um andere Menschen geht, dann nur, wie sie uns beeinflusst haben.

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Illustration: Julia Schubert

Tegan (links) und Sarah. Ein Rezensent hat über euer Album geschrieben, die Musik sei ja schön und gut, eure Texte seien aber wegen eures lesbischen Hintergrundes kein bisschen nachvollziehbar für Menschen in heterosexuellen Beziehungen. Was hältst du von solchen Aussagen? Ich denke, die meisten Menschen, sogar heterosexuelle, würden anerkennen, dass das eine sehr ignorante Aussage ist. Dieser Typ war einfach so was von 1988. Ich kenne diese Rezension, die hat ihre eigene Dynamik entwickelt. Der Autor ist wohl auch schon etwas älter. Ich sag mir dann: „Naja, ich schreibe meine Lieder auch nicht unbedingt für dich ..“. Was mir übrigens auffällt, vor allem in Europa: Da sind so viele Typen im Publikum. Und ich find es super. Ihr seid also keine Mädchenband, oder? Auf keinen Fall. Es ist großartig, wenn zwischen all den kleinen 14- bis 25-jährigen Mädchen, diese großen Typen mit ihren breiten Schultern grölen: „Where does the good go?“. Und wer könnte mich besser nachvollziehen, als diese Jungs? Ich meine, ich singe über gebrochene Herzen und Mädels. Unsere Musik ist nicht genderspezifisch. Gut, wir sind nicht Bruce Springsteen, auch wenn wir das gerne wären. Wir singen nicht über Männerliebe, sondern über das, was in einem drin passiert. Da ist es völlig egal, wer man ist und für wen man es empfindet. Um welche Liebe geht es dann? Viele interpretieren unsere Musik ja als vollkommen romantisch. Dabei handeln viele Texte von Freundschaften oder Familie. Zum Beispiel mein bester Freund. Das ist ein schwuler Mann, mit dem ich während meiner High-School-Zeit fest zusammen war, als wir beide noch hetero waren. Er kommt jeden Sonntag zum Abendessen und repariert meine Küchengeräte, er wird mit aller Wahrscheinlichkeit der Vater meiner Kinder sein und ich sehe ihn immer noch als meinen Partner an. Diese Beziehung löst alle möglichen intensiven Gefühle aus, die mich inspirieren. Beeinflusst die Zwillingsexistenz euch in irgendeiner besonderen Form beim Schreiben, oder ist es einfach ganz selbstverständlich, dass es da halt eine andere gibt? Ich glaube, wir haben sehr lange versucht, den Eindruck zu vermitteln, wir seien halt Zwillinge und zufällig in einer Band, na und. Aber tatsächlich haben wir eine sehr enge Zwillingsbeziehung, wir sind uns nun mal sehr ähnlich. Die Nähe hat aber auch viel mit der Musik zu tun, weil wir immer aufeinander aufpassen müssen und immer noch als ein Paar gesehen werden. Wir waren schon immer Tegan und Sara und das werden wir für immer bleiben. Bekommt man da nicht manchmal Lust auszubrechen? Ich glaube von uns beiden war es immer Sara, die davon weg kommen wollte, ein Zwilling zu sein. Langsam kommt sie aber klar und das hat zwischen uns auch eine gewisse Ruhe geschaffen. Allerdings stellen wir uns schon seit längerem die Frage, ob es das hier immer noch ist, was wir vom Leben wollen, was uns Sinn gibt. Ich denke, in den nächsten paar Jahren wird es einige fundamentale Veränderungen in unserem Lebensentwurf und unserer Arbeit geben. Meinst du ihr macht schon zu lange das gleiche? Wir haben zehn Jahre lang wirklich hart gekämpft. Das müssen wir jetzt nicht mehr, wir sind jetzt erfolgreich. Wir lernen langsam, dass wir uns wirklich nicht mehr abmühen brauchen. Ihr identifiziert euch ja als Feministinnen. Hältst du es für problematisch, dass es kaum noch wütende, feministische Rockbands gibt, so wie zu Riot Grrl Zeiten? Im Gegenteil, ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Es ist wirklich cool, dass es nicht mehr so einen Bedarf nach zornigen Frauenbands gibt. Was ich überhaupt nicht fasse ist, dass so wenige Menschen sich als Feministen definieren, egal ob Frauen oder Männer. Weil wer Gleichberechtigung befürwortet, ja per Definition auch Feminist ist. Setzt ihr euch bewusst dafür ein, Feminismus populär zu machen? Ich glaube, die Gesellschaft entwickelt sich ohnehin in Richtung Gleichberechtigung. Es gibt immer mehr neue Beziehungen zwischen Männern und Männern, Männern und Frauen und Frauen und Frauen und all die Patchwork-Familien. Als Band fördern wir diese Offenheit schon, indem wir einfach da sind und dazu stehen wie wir leben. Die Leute heute brauchen das nicht, dass man ihnen Reden hält. Das heißt, ihr macht keine Ansagen um den Leuten klar zu machen, worum es euch geht? Komischerweise kommen gerade aus der Homo-Szene die meisten Vorwürfe, wir stellten unsere Sexualität nicht offen genug dar. Aber auf einem Konzert will ich doch keine Debatte lostreten, ich will, dass die Leute sich in uns verlieben und all unsere Platten kaufen. Damit bewirken wir viel mehr, gerade bei Leuten, die ganz anders denken als wir, als wenn wir ihnen sagen, dass sie im Unrecht sind. Dafür ist heute nicht mehr die Zeit. Menschen sind dafür heute zu gebildet, die kommen schon von selbst darauf.

Text: meredith-haaf - Foto: teganandsarah.com

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