"Die Chance war größer als das Risiko"

Die Berliner Musiker von Josephine treten bei X Factor auf. Im Interview erzählen sie von ihren Bedenken und ihre Enttäuschung über H.P. Baxxter.
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Illustration: Julia Schubert


Castingshows haben keinen guten Ruf: Sie liegen auf einer ähnlich anspruchsvollen Stufe der Unterhaltung wie Seifenopern, C-Promi-Zeltlager und Big-Brother-Container. Durch das Zulassen gefestigter Bands hat X Factor in der aktuellen Staffel jedoch gezeigt, dass es auch anders geht - wie mit Victor (22), Imme (30), Christian (29) und Daniel (33) (von links): der Band Josephine aus Berlin, die mit ihrem Song "Hier sein" schon für Aufsehen gesorgt hat.


jetzt.de: Bei dem Bandnamen „Josephine“ fragt man sich natürlich, woher der Name kommt.
Imme: Der Name stammt von Victors Schwester Elaine, mit der ich 3 ½ Jahre lang zusammen war, und über die ich Victor kennengelernt habe. Nachdem Victor und ich angefangen haben, zusammen Musik zu machen, wollten wir natürlich irgendwann auftreten und brauchten einen Bandnamen. Und Elaine zu Ehren haben wir dann ihren zweiten Vornamen genommen: Josephine.
Victor: Wobei ich letztens festgestellt habe, dass der eigentlich „Josefine“ geschrieben wird (lacht).  

Warum denn „Josephine“ und nicht gleich „Elaine“?
Victor: „Elaine“ gab es schon.
Christian: Außerdem klingt „Elaine“ nicht so schön.
Victor: Ey!
Imme: Zum anderen ist „Josephine“ nicht so offensichtlich, denn die meisten Leute kennen Elaines zweiten Vornamen nicht.
Christian: Wir arbeiten aber gerade daran, das zu ändern.  

Wie hat Elaine damals darauf reagiert?
Victor: Die hat das so hingenommen und findet es gut.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch bei X Factor zu bewerben?
Victor: Ich habe eine E-Mail von meinem Vater bekommen, der Wind davon bekommen hat, dass sich dieses Jahr auch Bands bewerben können. Das habe ich dann im Proberaum angesprochen. Allerdings wusste von uns keiner so genau, was X-Factor eigentlich ist.
Daniel: Ich habe erst an diese Mystery-Serie gedacht und mich gefragt, warum sich dort Bands bewerben können (lacht).
Victor: Wir haben uns dann aber im Internet schlau gemacht und wären fast nicht hingegangen, weil wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten, was uns das bringen kann. Da wir am selben Tag aber noch einen Auftritt hatten, dachten wir, das sei vielleicht eine gute Gelegenheit, um unseren Gig zu promoten – zumal unser Proberaum am Tempelhofer Flughafen liegt, also genau dort, wo die Castings stattfanden.
Imme: Allerdings mussten wir dann feststellen, dass wir gar nicht vor Publikum spielen, sondern bloß vor der Musikredaktion. Das war nämlich ein Vor-Casting.  

Die Musikredaktion fand euch aber offensichtlich gut.
Imme: Ja. O-Ton eines Vorab-Jury-Mitglieds: „Das können wir kommerziell verwerten!“  

Casting-Shows haben den Ruf, nichts für Musiker zu sein, die ernst genommen werden wollen. Hat sich das mittlerweile geändert? Hattet ihr Bedenken?
Daniel: Unser primäres Ziel war es, einen unserer eigenen Song im Fernsehen zu präsentieren. Das haben wir bereits geschafft. Wenn wir nun rausfliegen sollten, werden wir das überleben.
Christian: Es gab natürlich die Befürchtung, dass man von uns verlangt, uns zu verbiegen. Das war aber bisher nicht der Fall.  

Die Bedenken waren aber offensichtlich nicht sonderlich groß.
Daniel: Wir haben die Chance größer eingeschätzt als das Risiko.
Victor: Angst machen einem vor allem diese Verträge, von denen man immer so viel Schlechtes hört.  

Die ihr aber unterschrieben habt.
Victor: Ja, das sind branchenübliche Verträge wie bei jeder Major-Plattenfirma, wie uns ein fachkundiger Anwalt versichert hat.  

Können die auch Einfluss nehmen auf eure Musik?
Victor: Bestandteil dieser Staffel ist ja der, dass die Sieger-Single mit einem der Juroren produziert wird – insofern ist natürlich ein Einfluss da.
Christian: Wir werden aber über alles sprechen können.  

Und was passiert, wenn zum Beispiel H.P. Baxxter der Meinung ist, euer Schlagzeuger muss raus und eure Songs bräuchten stattdessen einen anständigen Techno-Beat?
Daniel: Darauf würden wir uns nicht einlassen. Ich bin aber zuversichtlich, dass das nicht passieren wird.

Das öffentliche Feedback auf euren ersten Auftritt im Fernsehen war sehr gut. Wie hat euer Umfeld reagiert?
Christian: Im Vorfeld gab es natürlich Bedenken. Aber nach der Ausstrahlung waren alle begeistert. Victor: Wir waren vor allem erstaunt, wer alles Casting-Shows kuckt.
Daniel: Der Standardspruch war: „Ich habe zufällig reingezappt.“ Oder es wurde behauptet, die Freundin hat das unbedingt sehen wollen.  

Ihr habt eine Facebook-Band-Seite. Hat sich die Ausstrahlung bemerkbar gemacht?
Victor: Absolut. Wir hatten plötzlich gleich 1.000 Likes mehr. Ich bekomme zudem bei jeder Message eine Benachrichtigung aufs Handy und musste nach der Ausstrahlung irgendwann mein Handy ausmachen, weil es nur noch Alarm geschlagen hat. Ein tolles Gefühl!  

Wie fanden es eure Eltern?
Victor: Meine Mutter hat die Sendung aufgenommen und jedes Mal, wenn ich nun zu Hause reinkomme, läuft unser Song.
Imme: Unsere Eltern sind eben Fans und halten, wenn es sein muss, auch mal bis morgens um 5.30 Uhr bei einem Konzert von uns die Stellung.  

Wart ihr mit dem Zusammenschnitt der Sendung zufrieden?
Victor: Eigentlich schon. Obwohl meine erste Szene eine war, in der ich meinte, ich müsse mal pinkeln.
Imme: Auch der Song wurde nicht ganz gezeigt, da haben 20 Sekunden gefehlt. Aber mein Gott – im Fernsehen zählt jede Sekunde und der Song kam trotzdem gut rüber.  

Wie war eure Einstellung gegenüber den einzelnen Mitgliedern der Jury bevor ihr vor ihnen aufgetreten seid?
Victor: Wir kannten natürlich alle, haben uns mit den meisten vorher aber nicht groß befasst. Das hat sich im Laufe der Sendung natürlich verändert. Ich hatte natürlich CDs von den Guano Apes zuhause und fand die auch gut, muss allerdings gestehen, dass ich Sandra Nasic im Vorfeld ein bisschen unterschätzt habe. Eine wirklich tolle Musikerin, mit der wir gerne enger zusammenarbeiten wollen.
Christian: Bei Moses wussten wir, dass der sehr korrekte Ansichten vertritt, wenn seine Sachen auch nicht unbedingt unseren persönlichen Geschmack treffen.
Daniel: Und Sarah Connor und H.P. Baxxter haben wir einfach als Musiker respektiert. Die sind schon ewig dabei und sind wahnsinnig erfolgreich. Davor muss man den Hut ziehen.  

Hat sich eure Sicht auf die Jury nach eurem Auftritt verändert?
Imme: Ich war ein bisschen von H.P. enttäuscht. Der hatte wohl Probleme mit unserem Arrangement und hat uns daher kein X gegeben. Von ihm hätte ich mir ein bisschen mehr Offenheit gewünscht.
Victor: Ich kann aber gut damit leben, von ihm kein X zu bekommen – solange er der einzige ist. Ich mag ihn auf jeden Fall als Typ. Jemand, der einen Song namens „How Much Is The Fish?“ schreibt, der muss einfach geil sein.

Wie hoch rechnet ihr euch eure Gewinnchancen aus?
Victor: Schwer zu sagen. Es kann von Vorteil sein, dass in dieser Staffel zum ersten Mal Bands dabei sind und die Leute daher vielleicht Bock darauf haben, eine Band gewinnen zu sehen.
Imme: Außerdem treffen wir, glaub ich, mit deutschsprachigem Rock-Pop gerade den Nerv der Zeit.
Christian: Wir sind jedenfalls anders, als vorherige Casting-Teilnehmer. So viel steht fest.

„X Factor“ läuft jeden Sonntag um 20.15 Uhr auf Vox.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Vox/Guido Lange

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