Die Deutschen sind braver als die Franzosen

In Frankreich demonstrieren Millionen gegen die geplante Aufhebung des Kündigungsschutzes für die unter 26-jährigen. In Deutschland ist ein radikaleres Gesetz geplant, aber zum Praktikanteprotest am Samstag in Berlin kommen lediglich 60 Demonstranten. Ist das die Schuld der deutschen Gewerkschaften? Ein Interview mit Christian Kühbaum, Bundesjugendsekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
jakob-schrenk

Sind die französischen Gewerkschaften besser als die deutschen? Nein, das würde ich so nicht sagen. In Frankreich demonstrieren Millionen gegen die Verlängerung der Probezeit für die unter 26-jährigen. In Deutschland soll die Probezeit sogar für alle Altergruppen ausgedehnt werden. Und trotzdem rühren sich die Gewerkschaften nicht. Stimmt nicht. Wir kritisieren das geplante Gesetz heftig. Aber wir merken, dass das Thema die Deutschen weit weniger empört als die Franzosen.

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Illustration: Julia Schubert

Protest in Frankreich: Ein junger Mann wirft eine Plastikabsperrung bei einer Demonstration am Freitag abend in Le Mans (Foto: AFP)

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Protest in Deutschland: Etwa 60 junge Menschen gehen beim Aktionstag für mehr Praktikantenrechte in Berlin auf die Straße (Foto: florian-lamp) Warum? Bei uns ist der Kündigungsschutz schon länger aufgeweicht, deswegen wird das neue Gesetz nicht als drastische Verschlechterung wahrgenommen. In Frankreich schon: Da bestand bisher noch ein recht guter Kündigungsschutz. Die größte französische Gewerkschaft, die CGT, will deswegen jetzt sogar streiken... ...das ginge bei uns nicht: Politische Streiks sind verboten. Jedenfalls setzen sich in Frankreich auch die älteren Beschäftigten für die jüngeren ein. So eine Solidarität ist doch in Deutschland unvorstellbar. Vielleicht müssen wir noch stärker vermitteln, dass Arbeitskämpfe jeden etwas angehen. Eines ist klar: Heute soll der Kündigungsschutz für die Betriebsneulinge abgeschafft werden, schon bald vielleicht auch für die ‚alten Hasen’. Konkret haben die deutschen Gewerkschaften aber bisher nichts für die Jugendlichen getan, nichts für die Praktikanten, für die Uni-Absolventen, die Honorarvertrag an Honorarvertrag reihen, ohne Aussicht auf feste Beschäftigung. Falsch. Die Auszubildenden haben wir schon immer sehr gut unterstützt. Um die Probleme der Praktikanten und prekär Beschäftigten kümmern wir uns verstärkt seit 2003. Wir merken aber auch, dass sich viele Studenten als Einzelkämpfer sehen, sich nicht organisieren wollen. Da sind die Franzosen weiter, die Aktionen für den Kündigungsschutz gehen ja von den Unis aus. Dann müssen die deutschen Gewerkschaften eben besser mobilisieren. Das wollen wir ja auch. Wir wollen präsenter an den Hochschulen werden und sind das auch schon. Wir wollen die Jugendlichen besser ansprechen, wir wollen durch symbolische Proteste, zum Beispiel am Aktionstag am 1. April, noch stärker in der Öffentlichkeit werden. Wir sind da auf eine guten Weg... ...aber? Zustände wie in Frankreich werden wir so schnell nicht haben. Es gibt dort eine viel größere Protest-Kultur. Die Deutschen sind braver. Siehst du das auch so? Mitdiskutieren und weiterlesen - auf jetzt.de gibt es noch mehr zu diesem Thema: - Eine Einschätzung zu den Praktikantenproteste vom Wochenende unter der Überschrift Das internationale Prekariat aus der Süddeutschen Zeitung. - Eindrücke von der Demonstration am Samstag vor dem Brandenburger Tor. - Eine Einschätzung und ein Interview zu den Protesten in Frankreich. - Ein Interview mit Frank Schneider vom Praktikantennetzwerk "Fairwork".

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