"Die Deutschen sind lockerer!"

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[b]Holly, über Inneneinrichtung zu Bloggen ist dein Beruf. Kann man denn den ganzen Tag an einem einzigen Weblog arbeiten und damit auch noch Geld verdienen?[/b] Ohja! Mein Blog ist wirklich ein Vollzeitjob: Ich telefoniere häufig und schreibe Unmengen von Mails, kümmere mich um Anzeigen. Außerdem recherchiere ich viel. Ich will schließlich nicht nur schöne Produkte finden, sondern auch Bescheid wissen über die Leute, die sie herstellen. Und dann muss ich natürlich auch noch die Einträge schreiben. [b]Dein Decor8blog ist vor kurzem unter die Top 10 der Einrichtungsblogs weltweit gewählt worden. Wie wurde es so erfolgreich?[/b] Ich habe sehr früh begonnen, im Januar 2006. Damals war das, glaube ich, eines der ersten Designblogs in New England. Über Mund-zu-Mund-Propaganda wurde es dann immer bekannter. Gleichzeitig gab es einen richtigen Schub: Ein Jahr später war die Design-Community von einer Handvoll Leute auf Tausende Leser angewachsen. [b]Inzwischen ist die Designblogszene – zumindest in den USA – ebenso etabliert wie die der Modeblogs. Werdet ihr Blogger also auch bald die Hochglanzmagazine wie "Architectual Digest" oder "Elle Decoration" ersetzen?[/b] Tatsächlich haben einige amerikanische Blogs inzwischen genauso viel Einfluss auf die Branche wie die großen Magazine. Die Ansätze sind aber völlig verschieden: Die Magazine zeigen uns eine durchgestylte, perfekte Wohnwelt – und die Blogs holen uns dann zurück auf den Teppich. Sie zeigen nämlich, wie Menschen wirklich wohnen, und haben damit eine ganz andere Perspektive. Ich mag es aber, beides zu lesen, genau wie bei den Modeblogs und -zeitschriften. [b]Wissenschaftler beobachten angesichts der Krise einen Trend zum "Cocooning". Sie sagen, die Menschen ziehen sich zurück in ihr Zuhause und bemühen sich wieder mehr darum, es dort schön zu haben. Könnte das auch ein Grund für die wachsende Einrichtungsblog-Szene sein?[/b] Bestimmt! In Depressionen und Krisen waren die Menschen schon immer besonders kreativ, das kann man auch an vielen Dichtern und Künstlern beobachten. Vor allem die Amerikaner, die leidenschaftlich gern shoppen gehen, mussten jetzt erkennen, dass man kreativ werden muss, wenn die Kreditkarte ausgereizt ist. Früher hätte man den Couchtisch vielleicht weggeschmissen, heute durchforstet man die Blogs nach Ideen, wie man etwas Neues daraus machen kann. [i][b]So wohnt Holly:[/b][/i]

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[b]Im vergangenen Sommer bist du von Boston nach Hannover gezogen. Hast du schon erste Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Einrichtungsgewohnheiten entdeckt?[/b] Mir gefällt, dass die Deutschen ein bisschen lockerer sind, was Inneneinrichtung angeht. Amerikaner lassen sich stark von Marken und Trends beeinflussen. Sie wollen mit ihren Wohnungen beeindrucken. Den Deutschen geht es dagegen mehr um "Gemütlichkeit" – ein Wort, dass wir nicht einmal kennen! Deutschen Wohnungen und Häusern kann man oft ansehen, was für ein Mensch darin wohnt. Das könnten sich die Amerikaner ruhig mal abgucken... [b]Und was können wir umgekehrt von den Amerikanern lernen?[/b] In Amerika sind handgemachte Dinge sehr beliebt. In jeder Stadt gibt es mindestens einen Handarbeitsmarkt im Jahr. In Boston findet sogar jede Woche einer statt. Websites wie etsy.com sind unheimlich erfolgreich. Die Menschen verdienen ihr Geld damit. Amerikaner denken bei Deutschland oft an Weihnachtsmärkte. Die sind wirklich schön, aber man findet dort kaum junge Leute, die ihre Produkte verkaufen! Woran liegt das? Manchmal habe ich den Eindruck, die Deutschen hätten Angst, ihre Traditionen zu verlieren, wenn sie etwas junges, modernes einbringen. Dabei kann man doch beides haben! [b]Dein Mann und du suchen im Moment nach einer neuen Wohnung in Hannover, die du dann natürlich einrichten wirst. Woher ziehst du deine Inspiration – und hast du nicht viel zu viele Ideen?[/b] Ich habe ganz viele "Inspiration Boards" und Notizbücher und natürlich einen dicken Ordner auf meinem Computer, in dem ich Fotos von Küchen, Bädern, Wohnzimmern abspeichere, die mir gefallen. Sowieso bin ich so jemand, der seine Möbel am liebsten jede Woche verschieben und neu anordnen würde. Als ich noch Single war, habe ich das auch wirklich oft gemacht, aber mein Mann ist da viel zu praktisch – er ist eben der Deutsche in der Familie... Tatsächlich wird aber eine Wohnung kaum ausreichen, um alle meine Ideen umzusetzen. Deswegen träume ich davon, irgendwann einmal ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Update: In der ursprünglichen Version gab es einen Übersetzungsfehler, in Bezug auf den deutschen Anbieter dawanda.de, den wir behoben haben.

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