Die ist süß, aber streng

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert




jetzt.de: Dein neuer Film heißt „The Future“. Inwiefern geht es darin um die Zukunft?
Miranda July: Ursprünglich sollte der Film „Satisfaction“ heißen, aber das klang mir irgendwann zu leicht und oberflächlich. Ich wollte jedoch ein vertrautes Wort als Titel haben und habe dann im Internet nachgeschaut, welche Worte am häufigsten benutzt werden. Darunter war auch „Future“ – und das hat mir gefallen. Es gibt eben nichts, was komplizierter, was gleichzeitig so voll Hoffnung und voller Ängste ist wie die Zukunft. Wir denken häufiger an sie als an alles andere und kommen doch nie bei ihr an. Sie ist immer jung und neu, aber wir werden immer älter, wenn sie passiert.  

Du bist nicht nur Regisseurin, sondern auch Performance-Künstlerin und Autorin. Inwiefern unterscheiden sich die Arbeitsprozesse bei der Produktion eines Films von denen einer Performance oder dem Schreiben eines Buches?
Die Arbeitsprozesse sind natürlich andere, aber die selbst gestellte Aufgabe ist dieselbe: Etwas Wahres ausdrücken; sich daran erinnern, dass man frei ist; einen Raum kreieren, der relevant ist und der noch nicht existiert.  

Angelehnt an den Filmtitel: Wie siehst du die Zukunft der verschiedenen Kunstbereiche, in denen du tätig bist?
Das ist schwer zu sagen. Ich habe beispielsweise gerade erst damit angefangen, Bücher zu schreiben, und das ist eher deprimierend, weil die Leute immer weniger lesen. Aber eigentlich verschwende ich nicht allzu viele Gedanken an die Zukunft von Film, Performance-Kunst und Schriftstellerei. Das überlasse ich lieber anderen. Euch Journalisten zum Beispiel.  

Du hast mal gesagt, dass du es schwierig findest, noch etwas Neuartiges über die Liebe zu erzählen. Auch in besagtem Film geht es um Liebe. Wie bist du das Thema angegangen?
In „The Future“ ist Liebe nicht das Kernthema. Ich nutze sie vielmehr als Ausgangspunkt, um von der Verlorenheit zu erzählen, in der sich die beiden Protagonisten befinden. Es geht um die Liebe, die man in einer langjährigen Beziehung manchmal nicht mehr fühlen kann, obwohl sie eigentlich vorhanden ist. Das ist durchaus ein etwas anderer Ansatz als in einem herkömmlichen Liebesfilm.  

In deinem Buch „No one belongs here more than you“ hast du geschrieben: “What a terrible mistake to let go of something wonderful for something real”. Versuchst du mit deiner Kunst, genau solche Fehler zu vermeiden?
Manchmal. Aber wenn man ehrlich zu sich selbst ist, kommt man im Leben oft gar nicht drum herum, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Gerade in Bezug auf Beziehungen, weil es ansonsten irgendwann ein böses Erwachen gibt.  

Das Internet und die Art und Weise, wie es menschliche Beziehungen beeinflusst, ist ebenfalls ein wichtiges Thema in „The Future“. Wie kommst du selbst mit dem Problem der ständigen Erreichbarkeit durch das Internet zurecht?
Ich muss mich jeden Tag aufs Neue daran erinnern, dass ich auch ohne Internetzugang existieren kann. Aber das Netz bietet natürlich viele spannende Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen – gerade als Künstlerin. Im Herzen bin ich immer noch die 20-jährige, die versucht, irgendwie eine Revolution auszulösen – und das Internet könnte der Schlüssel dazu sein. 

Also bist du trotz der onlinekritischen Töne im Film ein Fürsprecher des Internets?
Ich finde das Internet auf jeden Fall wahnsinnig spannend. Ich bin Künstlerin, ich möchte wahrgenommen werden. Und darum geht es in der Online-Kultur auch sehr häufig. Gib doch mal bei Youtube „Me dancing in my room“ ein, dann weißt du, was ich meine. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute dieses Angesehen-werden brauchen, weil es ihr Leben erträglicher macht. Solange sie bloß wahrgenommen werden, ist alles gut.   

Du hast ja auch eine Website namens learnhowtoloveyoumore.com, auf der du 70 Aufgaben aufgelistet hast, die bei Ausführung dazu führen sollen, dass man sich selbst mehr liebt. Hast du den Selbstversuch gemacht?
Na klar, und seitdem liebe ich mich abgöttisch (lacht). Nein, der Punkt ist der, dass diese Aufgaben zwar auf einer Website gelistet sind, die Aufgaben selbst jedoch vor allem außerhalb des Internets ausgeführt werden müssen. In der realen Welt. Das ist ein Versuch, das Internet dazu zu nutzen, sich wieder mit dem echten Leben auseinanderzusetzen.  

Im Interview wirkst du sehr umgänglich. Wie muss man sich dich denn als Regisseurin vorstellen? Bist du streng?
Allerdings, und das hat die Schauspieler am Anfang ziemlich geschockt. Die dachten, dass es ganz entspannte Drehtage werden, aber da haben sie sich geschnitten. Ich habe sehr klare Vorstellungen davon, wie jede einzelne Szene am Ende auszusehen hat. Ich habe die armen Darsteller daher wirklich militärisch gedrillt und sie strikt nach Drehbuch durch die Szenen geprügelt. Das war absolut kein Zuckerschlecken.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Still aus

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