Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

"Die Landwirtschaftspraktika möchte ich nicht missen": Peter Kloeppel über Journalismus

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Sie kommen frisch aus der Konferenz, sagt Ihre Mitarbeiterin. Was gibt es heute Abend (Dienstag, Anm. d. Red.) in ihrer Sendung zu sehen? 100 Prozent sicher sind wir noch nicht. Aber es wird sich um den Bericht zur Welternährungssituation drehen, der heute rauskommt; wir werden schauen, was sich mit der Bahnprivatisierung tut und möglicherweise gibt es auch was zum Thema Berlusconi. Die Nachrichtenlage ist okay aber noch nicht prickelnd. Wie haben Sie mit dem Journalismus begonnen? Klassisch bei der Lokalzeitung? Nicht wirklich. Ich habe ja Landwirtschaft studiert und wollte mich am Ende weiterbilden, weil ich dachte: Ich kann mir vorstellen, als Agrarjournalist zu arbeiten. Bis dahin hatte ich als Journalist noch überhaupt nicht gearbeitet, fand den Beruf aber interessant. Ich habe mich bei der Hamburger Journalistenschule beworben, wurde genommen und im Lauf der 18 Monate Ausbildung habe ich auch ein Praktikum bei RTL gemacht. Die haben mir Anfang 1985 einen Job als Korrespondent in Bonn angeboten und den habe ich angenommen. Bei der Lokalzeitung war ich zwar auch, aber nur drei Monate im Praktikum. Es gibt ja eine ungefähre Regel, die besagt: Wenn du Journalist werden willst, musst du erst Mal was studieren. Was, ist egal. Stimmt die? Ich empfehle, dass die jungen Leute was studieren, sicher. Man setzt sich vier Jahre mit einem Fach auseinander und bekommt viel mit. Man sollte parallel bei der Zeitung als Praktikant oder freier Mitarbeiter zu arbeiten. Um mitzubekommen, ob der Beruf etwas für einen selbst ist. Und trotzdem sollte man versuchen, nach dem Studium noch eine gute journalistische Ausbildung zu bekommen – sei es in einem Volontariat oder an einer Journalistenschule. Ich empfehle das Studium auch deswegen, weil es ja sein kann, dass es mit dem Journalismus mal nicht mehr funktioniert. Wenn man dann BWL studiert hat oder Jura, kann man mit diesen Fächern immer wieder was anfangen.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Peter Kloeppel. Sie wurden das sicher schon häufig gefragt, aber: Warum Landwirtschaft? Ich fand Naturwissenschaften spannend, in den letzten beiden Jahren an der Schule vor allem Biologie und dabei die Genetik. Wir hatten eine sehr gute Biologielehrerin, die uns viel über quantitative Genetik erzählen konnte und ich fand das faszinierend. Und ich hatte einen Freund, dessen Vater Landwirtschaft studiert hatte. Er war bei einer Hühner- und auch bei einer Schweinezuchtfirma als Genetiker tätig und ich hab mir das mal angeschaut und fand das so interessant, dass ich mir dachte: Das könnte ich mir vorstellen. Sie haben auch die Praktika machen müssen, die zum Studium gehören. Klar, ich hab ein Jahr lang auf Bauernhöfen gearbeitet und dann erst überhaupt etwas über Landwirtschaft gelernt; wie das eben für ein Stadtkind so ist. Diese Praktika möchte ich nicht missen. Ich war auf verschiedenen Höfen, auf einem zweimal. Beim ersten Mal hatten sie noch Rindvieh, also Kühe und auch Mastbullen. Dann haben die umgestellt auf Ferkelerzeugung und ich habe beide Seiten kennengelernt. Wie hieß die Fachrichtung im Studium? Tierproduktion. Hatten Sie in der Zeit ein landwirtschaftliches Berufsziel? Ja, schon. Entweder in der Ausbildung oder Weiterbildung bei der Landwirtschaftskammer oder vielleicht in Kombination mit Marketing. Mir war aber klar, dass ich nicht mein ganzes Leben auf dem Bauernhof arbeiten will.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Kloeppel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie haben später die RTL-Journalistenschule mitbegründet, Sie erleben dort viele Nachwuchsjournalisten und in ihrer Redaktion viele Praktikanten – können Sie von ein, zwei Leuten erzählen, die sie beeindruckt haben? Gibt es einen Typus, von dem Sie sagen: Super, genau solche Leute sollten den Beruf ergreifen? Es gibt welche, bei denen man schon in der Aufnahmeprüfung zur Schule merkt: Die sind wach, hell, die reagieren spontan auf Fragen. Die sind selbstbewusst aber nicht arrogant, die zeigen auch, dass sie sich für dieses Auswahlgespräch vernünftig vorbereitet haben. Die suchen wir. Da haben wir schon einige gefunden, die auch hinterher was geworden sind. Einer ist hier Geschäftsführer von einem kleinen Lokalsender geworden, eine ist Korrespondentin in China – es sind immer die, die auch in der Prüfung schon sehr wach waren. Wer beeindruckt Sie im Moment im deutschen Journalismus? Wen lesen Sie selbst gerne? Ich lese sehr gern Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung. Als er Korrespondent in den USA war, habe ich seine Reportagen immer verschlungen und auch als er in Berlin war, habe ich seine Texte immer sehr gern gelesen. Warum? Er hat eine Form, analytisch und gleichzeitig feuilletonistisch zu schreiben, die meinem Lesegefühl sehr entgegen kommt. Er sitzt immer auch mit zwinkerndem Auge an seinen Texten und bringt Wortwitz unter. Und er ist einer, der sehr klar denken kann und der auch nicht davor scheut, ein klares Urteil zu fällen. Solche Leute sind mir immer sehr lieb. Die Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung sind mir eigentlich alle sehr ans Herz gewachsen, weil ich die Zeitung sehr intensiv lese. Und im Fernsehen gibt es natürlich Leute wie Gerd Ruge, die ich über Jahrzehnte verfolgt habe. Welche Rubriken lesen Sie besonders gerne? Hm, ich kann eher sagen, welche Art von Geschichten ich mag. Ich freue mich, wenn die Geschichten persönlich werden. Wenn ich merke: Da hat auch der Reporter eine Entwicklung mit durchgemacht.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Neben Maybrit Illner bei der Moderation des Fernsehduells zwischen Bundeskanzler Schröder und Herausforderin Merkel im September 2005. Mit wem haben Sie eine Entwicklung durchgemacht? Gibt es eine Geschichte, die heute noch für etwas steht? Zwei Jahre war ich in den USA Korrespondent für RTL. In der Zeit habe ich eine Geschichte über Kubaner gedreht, die versucht haben, mit furchtbar kleinen Booten nach Florida zu kommen. Ich werde nicht vergessen, wie wir mit der Küstenwache raus gefahren sind, die gesagt hatte: ‚Da ist wieder ein Boot, ihr könnt mitfahren, wir schauen, wer das ist und wir helfen denen, an Land zu kommen’. Das Boot war ein kleines, abgetakeltes Fischerboot mit Motorschaden und die dümpelten 15 Meilen vor der Küste der USA. Sie waren nah genug, dass man Ihnen helfen konnte und auch musste. Sie bekamen Zugang zu ihrem Land der Träume. 30 Leute waren auf dem Schiff und später haben wir in einem Auffanglager mit dem Kapitän des Bootes noch länger sprechen können. Da hat sich mir eine Vorstellung eröffnet, was Amerika für andere bedeutet! Ein Land der Freiheit, der Offenheit – der goldenen Äpfel, die an den Bäumen hängen. Gleichzeitig hat der Kapitän auf die Frage, warum er gefahren ist, angefangen zu weinen. Er konnte nicht mehr wirklich erklären, warum er seine Heimat und seine Familie zurückgelassen hatte. Er wusste ja nicht, ob das, was er sich von den USA erträumt hatte in Erfüllung geht. Ob er jemals glücklich wird. Klingt nach einer Geschichte für den CNN-Award. Seit drei Jahren gibt es den Preis, Sie sind Teil der Jury - erinnern Sie sich an einen Preisträger, eine Geschichte, eine Rangehensweise, von der Sie gerne mehr lesen und sehen würden? Gerade bei den Texten sind es die, bei denen man merkt: Da hat jemand wirklich als Reporter gearbeitet, ist rausgegangen. Das sind Texte, da merke ich schon nach 20 Zeilen: Yo, der nimmt mich gefangen. Ein Beispiel? Dimitri Ladischensky von der Zeitschrift „mare“ hat in den vergangenen Jahren zweimal gewonnen! Seine Texte sind das, was ich mir beispielhaft unter Qualität vorstelle. Welche Form der Berichterstattung geht Ihnen in den Medien gerade ab? Mir fehlt im Fernsehen die klassische Reisereportage. Das mag zwar altmodisch sein, aber wenn sich ein Mensch mit einem Land und seinen Leuten intensiv befasst und sich in Gegenden bewegt, in die ich vielleicht selbst nie kommen werde – das fehlt mir manchmal. Weil man doch immer versucht, die ganz große Geschichte zu suchen, den Hammer und den Skandal. Manchmal sind die stilleren Formen die, bei denen ich eher hängen bleibe als jene, bei denen es immer blitzt und kracht. *** Bis nächste Woche Montag, 21. April, kannst du veröffentlichte Texte beim CNN Journalist Award in den Kategorien Print, TV, Foto, Radio und Online einreichen. UPDATE: Auf der Website des SZ-Magazins kann man die bereits qualifizierten Beiträge junger Journalisten bewerten.

Text: peter-wagner - Fotos: dpa, ap, ddp

  • teilen
  • schließen