Die Macht der Misshandlung

In Ägypten werden Frauen auf offener Straße beleidigt, begrapscht und vergewaltigt. Rebecca Chiao, 36, kämpft mit einer Landkarte der Gewalt gegen das Unrecht.
laura-hertreiter

jetzt.de: Die Harass Map zeigt Orte in Ägypten, an denen Frauen belästigt, bedrängt, missbraucht oder vergewaltigt wurden als bunte Punkte. Was soll das bezwecken?
Rebecca Chiao: Das Projekt soll eine Debatte anstoßen, damit die ägyptischen Straßen wieder sicherer werden. Die Leute sollen wieder wachsamer werden und aufeinander aufpassen. Gerade brodelt es hier wegen der politischen Unruhen an allen Ecken und für Frauen hat sich die ohnehin schwierige Situation verschärft. Das Verrückte dabei ist: In all dem Trubel gibt es ein hohes Maß an Zivilcourage. Wenn jemand schreit, weil ihm die Handtasche gestohlen wurde, hechtet eine ganze Meute dem Dieb hinterher. Nur wenn es um Belästigung und Missbrauch geht, helfen Hilferufe nicht.

Die werden ignoriert?
Bestenfalls. Oft werden Frauen, die belästigt oder bedrängt werden ausgelacht oder angewidert angestarrt. Und es gibt Fälle, in denen sich dann ein ganzer Mob auf die Frau stürzt.


Rebecca Chiao

Sie wohnen als Amerikanerin in Kairo – auf Ihrer Karte ist das ein dicker roter Punkt, ein Gewalt-Hotspot. Wie lebt es sich dort?
Wann immer ich vor die Tür gehe, muss ich mit irgendeiner Form von Übergriff rechnen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich als Amerikanerin unverschleiert auf die Straße gehe. Meiner Erfahrung nach wird in Kairo jede Frau Opfer sexueller Anzüglichkeiten, sobald sie das Haus verlässt. Hinterherpfeifen, Grapschen, verfolgt und in dunkle Ecken gedrängt werden, Vergewaltigungen – von einzelnen Tätern oder ganzen Gruppen. Dennoch liebe ich diese Stadt. Ich habe hier meinen Mann kennengelernt und auch ansonsten eine große Menge toller Menschen.

Sind die Opfer von Belästigung und Gewalt denn Ihrer Erfahrung nach in der Regel Frauen?
Bei Harass Map wurden gerade in letzter Zeit auch viele Übergriffe gegen Jungs und junge Männer gemeldet. Wir gehen davon aus, dass da die Dunkelziffer in diesem Bereich aber sehr hoch ist.

Wie landet ein Übergriff auf Ihrer Karte?
Ich habe mit meinem mittlerweile zwölf Männer und Frauen starken Team eine Smartphone-App entwickelt, mit der man Vorfälle verschiedener Kategorien wie „Gaffen", „Verfolgen", „Begrapschen", „Entblößen", „Anzüglichkeiten", „Missbrauch" oder „Vergewaltigung" samt Ort und weiterer Details melden kann. Das funktioniert aber auch direkt über unsere Website. Das Ganze ist über Forschungsgelder finanziert. Die gesammelten Daten alarmieren zwar, sind aber weder statistisch repräsentativ noch überprüfbar.

Kann man dennoch konkrete Erkenntnisse daraus ziehen?
Schockierend ist, dass etwa ein Drittel der bei uns gemeldeten Angreifer Kinder sind. Die schon im Schulalter übergriffig werden, oft in Gruppen. Und häufig belästigen und misshandeln Frauen andere Frauen. Sexuelle Übergriffe entstehen unseren Erfahrungen demnach nach nicht aufgrund von sexueller Frustration, wie es häufig angenommen wird. Da brodelt vielmehr seit einigen Jahren überall in der ägyptischen Gesellschaft Gewaltbereitschaft und Aggression – egal in welcher Schicht und welchem Alter. Die Misshandlungen sind das Ausleben von Macht.

Was halten Sie für die Ursache?
Das ägyptische Volk hat in der Vergangenheit extreme Unterdrückung durch das Regime erfahren. Es gibt ja das bekannte Phänomen, dass Unterdrückte wiederum Schwächere unterdrücken. In unserem Fall, indem sie sich zum Beispiel an Frauen und jungen Kerlen vergreifen. Das war nicht immer so: In den Fünfzigerjahren gab es in Ägypten weit weniger sexuelle Belästigung. Die Männer übernahmen Verantwortung für die Frauen und haben Tätern sogar die Haare geschoren.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die anstehenden Wahlen in Ägypten?
Wir würden uns eine Regierung wünschen, die ein Gesetz verabschiedet, mit dem man sexuelle Belästigung leichter anzeigen könnte. Aber eigentlich ist hier mehr als ein Gesetz nötig. Die ganze Gesellschaft muss ihr Verhalten radikal ändern. 

Text: laura-hertreiter - Bild: oh

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