"Die Märchen haben ihr Rosa-Ballerina-Kleidchen ausgezogen"

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Wolfgang Müller

jetzt.de: Wolfgang, klär’ uns mal auf: Was haben Märchen mit Indie-Pop zu tun?
Wolfgang Müller: Überhaupt nichts (lacht). Das ist es ja, was mich so sehr gereizt hat an diesem Projekt.  

Wie fing das an?
Ich war auf der Suche nach Hörbüchern für meine Kinder – und habe das große Gruseln gekriegt. Ich habe nichts gefunden, was ich wirklich cool fand und dem ich gerne zugehört habe. Alles war so märchenonkelhaft gelesen und verkitscht. Und dann dachte ich irgendwann: Ich würde diese Märchen gerne mal von Leuten vorgelesen bekommen, die ich eh gerne höre – zum Beispiel von den Singer-Songwritern, die ich in meinem CD-Regal habe.  

Darunter sind Thees Uhlmann, Gisbert zu Knyphausen und Moritz Krämer. Und die wollten alle sofort mitmachen? 
Am Anfang war ich ein bisschen skeptisch, ob das so funktionieren würde, wie ich es mir gewünscht habe. Aber als ich dann die Anfragen verschickt habe, haben tatsächlich alle sofort ja gesagt. Wohl auch, weil das Thema Märchen eines ist, das sehr emotional aufgenommen wird.  

Und vielleicht auch, weil es doch ein paar Gemeinsamkeiten gibt zwischen Indie und Märchen. Wenn man mal nach Definitionen von „Märchen“ sucht, findet man auf Wikipedia: „Märchen sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen.“ Trifft ja auch auf den ein oder anderen Indie-Pop-Songtext zu...
Das stimmt. Von der Art der Geschichtenerzählung gibt es natürlich eine Schnittmenge. Bei der Form der Geschichten sind die Ähnlichkeiten allerdings eher gering.  

Indie-Pop und Märchen wird ein naiver Ton nachgesagt. Wie findest du das?
Naiv finde ich die Märchen in unserem Projekt überhaupt nicht. Es ist meiner Meinung nach allgemein ein falscher Ruf des Märchens. Das kommt vielleicht daher, dass viele Leser sie mit eben diesen Onkelstimmchen vorlesen. An sich haben es Märchen faustdick hinter den Ohren, und zwar in jeder Hinsicht.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, was menschliche Abgründe angeht, Vieldeutigkeit, Metaphorik. Märchen sind wirklich vieles – aber sicher nicht naiv. Bei unserem Projekt sind es ja auch die Originalversionen der Märchen, die vorgelesen werden, und die sind teilweise wirklich so grausam, dass ich zwei Künstlern ihr Lieblingsmärchen, das sie vorlesen wollte, sogar ausreden musste. Das wäre sonst noch so Splatter-Movie-mäßig geworden.  

Wer hatte sich denn ein besonders schauriges Märchen ausgesucht?
Gisbert wollte ursprünglich „Von dem Wachholderbaum“ lesen. Das gibt es in der Originalversion allerdings nur auf Platt und wäre allein deshalb nur sehr schwer lesbar und verständlich gewesen. Außerdem ist es so unsagbar grausam und niederträchtig, dass es den gesamten Schnitt des Projekts ruiniert hätte (lacht). Also habe ich Gisbert gefragt, ob er sich nicht ein anderes Märchen aussuchen möchte. Hat er dann auch gemacht.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

"Es war einmal und wenn sie nicht": Deutsche Indie-PopStars lesen Märchen. Musikalische Zwischenspiele inklusive.

Nämlich den „Froschkönig“. Haben dir die Künstler, die mitgemacht haben, alle erzählt, warum sie ein bestimmtes Märchen ausgewählt haben? Etwa Thees Uhlmann, der „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ liest oder Olli Schulz, der sich „Rapunzel“ ausgesucht hat?
Nein, das haben sie mir nicht erzählt. Ich habe aber auch nicht nachgefragt. Und bei manchen Leuten konnte ich mir auch denken, warum die Wahl auf ein bestimmtes Märchen fiel.  

Bei wem denn?
Zum Beispiel bei Moritz Krämer. Da konnte ich mir schon vorstellen, dass er „Von dem Tode des Hühnchens“ aufgrund des totalen Wahnsinns ausgesucht hat, den das Märchen innehat (lacht).  

Du selbst liest „Der Zaunkönig und der Bär“. Warum gerade diese Geschichte?
Ich habe mich quer durch alle Märchen gelesen, habe lange gesucht, weil ich nicht irgendetwas Klassisches machen wollte. Nichts, das es schon tausendmal gab. Und diese Geschichte ist wirklich ein kleiner Schatz. Die ist so lustig und absurd, gleichzeitig aber auch frisch und irgendwie modern, dass ich sie unbedingt lesen wollte.  

http://www.youtube.com/watch?v=mC126ymFXAg Gisbert zu Knyphausen liest: Der Froschkönig.

Sind die Aufnahmen eigentlich One-Takes? Oder mussten die Leser erstmal ihre Stimmen auf Wölfe, Großmütter und Geißlein ölen und lange üben?
Teil, teils. Ich weiß von einigen, die sonst auch schon mal etwas lesen, dass sie eine gewisse Souveränität dabei hatten. Und dass andere sehr gekämpft haben und es überraschend schwierig fanden, einen solchen Text vorzulesen. Tatsächlich war es für die meisten eine große Herausforderung. Von One-Takes ist mir nichts bekannt. Es sind ja auch kaum gelernte Sprecher dabei. Was ich wiederum ganz reizvoll finde. Ist schließlich ein Independent-Märchen-Hörbuch – eine Gattung, die es bisher noch nicht gab.  

In einer Presseerklärung heißt es, euer Ziel sei es gewesen, den Märchen ihre Würde zurückzugeben und sie jenseits von Verniedlichungen zu präsentieren...
...was meiner Meinung nach auch gelungen ist. Ich finde, dass die Märchen sehr authentisch und auch rau vorgetragen wurden. Teilweise auch sehr lustig bis grotesk. Die Märchen haben ihr Rosa-Ballerina-Kleidchen ausgezogen und stehen wieder so da, wie sie ursprünglich mal gedacht waren.  

Hast du die Ergebnisse schon deinen Kindern vorgespielt?
Natürlich! Bei meiner Kontrollgruppe kamen die Geschichten auch sehr gut an. Ich weiß auch, dass es Francesco Wilking seinen Kindern vorgespielt hat. Er meinte, als Gisbert lief, haben alle noch ganz aufmerksam zugehört, und als er dann dran war, wären sie schon wieder woanders gewesen. Wohl eher ein Understatement.  

„Es war einmal und wenn sie nicht“ ist am 8.November erschienen.

Text: erik-brandt-hoege - Fotos: Fressmann/Indigo

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