"Die meisten Leichen tauchen nie auf"

Eine junge Forscherin hat die Sterberegister der Orte an der Mittelmeer-Küste systematisch durchforstet. Sie wollte wissen, wer die Flüchtlinge sind, die an den Stränden angespült werden.
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Längst nicht alle Flüchtlinge haben das Glück, die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu überleben. Und wenn etwas schief geht, weiß oft niemand, wer verunglückt ist.

Mitte April sank im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot, bis zu 600 Leichen sollen noch im Wrack auf dem Meeresgrund liegen. Nun will Italiens Premierminister Matteo Renzi die Leichen bergen lassen. „Ich will, dass die Welt sieht, was geschehen ist.“

Obwohl schon tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, bevor sie auf ihrer Flucht Europa erreicht haben, ist eine solche Bergung die Ausnahme. Auch identifiziert werden sie selten. Nur manchmal finden lokale Behörden die Identität der angespülten Körper heraus. Die Informationen verschwinden dann im Sterberegister der Küstenorte. Tamara Last, 27 Jahre alt, ist mit einem Forscherteam für ihre Dissertation an der Freien Universität Amsterdam die Mittelmeerküste entlang gereist und hat die Toten systematisch erfasst. In der vergangenen Woche wurde die ihre Datenbank mit offiziellen Informationen über die Grenztoten veröffentlicht. Darin sind Daten wie Geschlecht, Herkunft, Alter und Todesursache aufgeführt: 62 Prozent sind ertrunken, 2,1 Prozent verdurstet, 4,5 Prozent an Unterkühlung gestorben.

jetzt.de: Wie ist die Idee zu der Datenbank entstanden?
Tamara Last: Für meine Promotion wollte ich den Zusammenhang zwischen den Grenztoten und der europäischen Politik untersuchen. Bisher gab es aber keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Menschen beim Versuch starben, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Ich habe gemerkt, dass genauere Erhebungen nötig sind.

Wie seid ihr vorgegangen?
Wir waren ein Team von insgesamt dreizehn Forschern und haben die lokalen Sterberegister der Küstenorte durchgesehen. Insgesamt fast 2,5 Millionen Sterbeurkunden in 563 Standesämtern haben wir von Hand ausgewertet – der Küste entlang von Gibraltar, Spanien, Italien nach Griechenland und Malta. Wir haben Kriterien aufgestellt und zum Beispiel nach ausländischen Namen, außergewöhnlichen Todesursachen oder Umständen gesucht, die sich von den anderen Todesfällen unterschieden.

So wurden insgesamt 3.188 Migranten gefunden, die zwischen 1990 und 2012 ums Leben gekommen sind. Das scheint relativ wenig. Allein im April sollen doch bei einem Bootsunglück mehrere hundert Menschen gestorben sein.
Die Zahl beinhaltet nur die Menschen, deren Körper gefunden wurde. Die meisten Leichen verschwinden und tauchen nie auf. Wenn ein Toter zum Beispiel am Strand gefunden wird, eröffnet die Polizei standardmäßig Ermittlungen zur Identität und der Todesursache. Am Ende wird eine Sterbeurkunde ausgestellt.



Was lässt sich daraus ablesen?
Von den identifizierten Toten waren 71 Prozent männlich; die meisten waren zwischen 20 und 30 Jahren alt und kamen aus Subsahara-Afrika.

Was war das überraschendste Ergebnis?
Sehr überrascht hat mich, wie wenig Menschen identifiziert wurden – weniger als die Hälfte der gefunden Leichen wird überhaupt identifiziert. Es ist nicht so einfach, sehr oft liegt es aber auch am Desinteresse und den fehlenden Möglichkeiten der lokalen Behörden. In anderen Gemeinden dagegen setzen sich Ehrenamtliche dafür ein, dass zum Beispiel die Angehörigen gefunden werden oder sammeln Geld für die Rückführung. Da haben wir große lokale Unterschiede festgestellt.

Was passiert mit den Leichen?
Die meisten werden vor Ort beerdigt. In seltenen Fällen werden sie in ihre Heimat überführt. Für die Angehörigen ist es wichtig, Gewissheit zu haben. Eine Sterbeurkunde hilft nicht nur bei der Trauerarbeit, sondern hat auch juristische Folgen, zum Beispiel bei Erbfragen. Leider hören die meisten Familien der Flüchtlinge aber nie mehr etwas.

Text: benjamin-duerr - Foto: dpa

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