"Die Piraten klingen so cool"

Heute fanden die U18-Wahlen statt: Alle, die eigentlich noch zu jung sind, durften ihre Stimme abgeben. Candida Splett, Sprecherin des Netzwerks U18, erklärt, was das bringt.
eva-schulz

[b]Frau Splett, wie muss man sich diese Bundestagswahl für Minderjährige vorstellen?[/b] Heute dürfen alle, die jünger als 18 Jahre sind, eine der Parteien wählen. Jeder, der irgendwie mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, konnte im Vorfeld ein Wahllokal anmelden. Das sind meistens Schulen oder Jugendheime, aber auch Bibliotheken oder jemand, der sich damit einfach auf den Marktplatz stellt. Man braucht dafür nur eine Urne, ein paar Stifte und genügend Kopien des Stimmzettels, den man sich auf unserer Website u18.org herunterladen kann. Im Idealfall bereiteten die Veranstalter die U18-Wähler mit politischen Bildungsprojekten auf den heutigen Tag vor. In Berlin gab es zum Beispiel ein Politiker-Speeddating für Jugendliche, es wurden Podiumsdiskussionen veranstaltet und sogar ein Fußballspiel, bei dem Poltiker gegen Jugendliche angetreten sind.

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Illustration: Julia Schubert

[b]Wie viele Wahllokale gibt es denn?[/b] In diesem Jahr sind über 1100 Wahllokale registriert. Das sind doppelt so viele wie noch 2005. Wir erwarten, dass sich etwa 100.000 Jugendliche an den Wahlen beteiligen werden. [b]Die Stimmen werden am Ende zwar ausgewertet, aber für die eigentlichen Bundestagswahlen in zehn Tagen zählen sie nicht. Was bringt das Ganze dann überhaupt?[/b] Unser Ziel ist, Kinder und Jugendliche für Politik zu begeistern. Wir unterstützen sie dabei, sich politisch zu engagieren und kämpfen damit gegen das weit verbreitete Vorurteil, die Jugend sei völlig unpolitisch. Studien belegen, dass Jugendliche durchaus Lust haben, ihr Umfeld mitzugestalten – sofern sie sich ernst genommen fühlen. Dieses Gefühl wollen wir ihnen vermitteln. [b]Wählen U18-Wähler anders als Erwachsene? Gibt es bestimmte Themen, für die sie sich besonders interessieren?[/b] Unsere Wähler sind weniger konservativ und wählen nicht strategisch. Sie wählen gern auch die kleinen Parteien und denken nicht darüber nach, ob diese überhaupt eine Chance hätten, in den Bundestag einzuziehen. Die Themen sind im Grunde die gleichen wie bei den erwachsenen Wählern. Das reicht von Afghanistan über Umwelt und Atomkraft bis hin zu Hartz 4. Da tauchen dann Fragen auf wie: „Muss ich wirklich mehr Steuern zahlen, wenn ich groß bin, weil es jetzt das Konjunkturpaket II gibt?“ Wichtige Themen sind natürlich auch Bildung – und Tierschutz! Bei den U18-Wahlen 2005 kam die Tierschutzpartei auf 1,12 Prozent. Die Erwachsenen gaben ihr damals nur 0,2 Prozent der Stimmen. [b]Bei den letzten U18-Wahlen fiel auch auf, dass die NPD mit 6,66 Prozent noch vor der FDP mit 5,82 Prozent lag. Wie konnte es dazu kommen?[/b] Obwohl da sicher einige Protestwähler dabei waren, fiel in einigen Bundesländern und in bestimmten Wahllokalen eine starke rechtsextreme Wahlbeteiligung auf. Das liegt wohl auch daran, dass in diesen Ländern die Gelder für politische Bildung und nachhaltige Jugendarbeit radikal gekürzt werden. Wir empfehlen dann Einrichtungen, mit denen man das vor Ort gezielt aufarbeiten kann. Dieses Ergebnis war natürlich auch ein Signal an die Politik, auch dafür sind die U18-Wahlen gut. [b]Wie reagieren die Politiker denn generell auf das Projekt?[/b] Viele Politiker interessieren sich dafür und werden am Montag auch ein Statement zu den Ergebnissen abgeben. Dennoch werden Kinder und Jugendliche aber solange von der Politik vernachlässigt werden, wie sie kein Wahlrecht haben. Deshalb plädieren wir auch für eine Herabsetzung des Wahlalters. Die Politiker sollten sich mehr um die Interessen der Jugend kümmern. [b]Aber erreichen Sie mit dieser Aktion nicht sowieso nur die Jugendlichen, die schon politisch interessiert sind und sich entsprechend engagieren?[/b] Nein, denn es gibt viele Wahllokale in Schulen und Jugendeinrichtungen, die sich an alle Bevölkerungsschichten wenden.

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Illustration: Julia Schubert

[b]Eine Besonderheit der U18-Wahlen ist, dass auch Jugendliche ohne deutschen Pass mitmachen dürfen.[/b] Ja, weil die schließlich auch hier leben und mitbestimmten wollen. Heute morgen war ich in einem Wahllokal, in dem viele ausländische Jugendliche ihre Stimme abgegeben haben. Sie haben sich sehr für die deutschen Parteien interessiert, insbesondere für die rechten. Die werden intensiv hinterfragt. [b]Die Auswertung der Stimmen wird heute Abend per Livestream im Internet übertragen. Ab 22 Uhr steht das Ergebnis fest. Haben Sie eine Ahnung, wie die Wahlen dieses Jahr ausgehen?[/b] Nein, das will ich mir auch gar nicht anmaßen. Aber ich vermute, dass die Piraten ein paar Stimmen bekommen, gerade von den Jüngeren, weil die den Namen so cool finden und sich schließlich auch ein bisschen am Image der Partei orientieren. Das ist etwas, das leider auch bei Erwachsenen immer noch häufig vorkommt.

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