"Die Russen misstrauen sich gegenseitig"

Razzien bei NGOs, Waffenlieferungen nach Syrien - die russische Politik wird momentan noch kritischer beobachtet als sonst. Was denken junge Russen über die Entscheidungen in Moskau? Unser Autor hat mit dem 23-jährigen Sergey über Präsident Putin und die russische Gesellschaft gesprochen.
tobias-goltz

Sergey Cheparev kam vor zwei Jahren aus Novosibirsk in Westsibirien nach Berlin. Hier arbeitet der 23-jährige als Programmierer. Zusammen mit unserem Autor hat er sich das viel diskutierte ARD-Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin angeschaut. Im Interview schildert der junge Russe seine Eindrücke und beschreibt seine Sicht auf die aktuelle russische Politik.

jetzt.de: Sergey, ich hatte den Eindruck, Putin versucht die ganze Zeit den ARD-Journalisten Jörg Schönenborn abzuwerten. Er fragt ihn nach seinem Namen, lacht ihn aus, stellt dessen Fragen als dumm dar.
Sergey Cheparev: Dir fallen echt ganz andere Sachen auf als mir. Ich bin es mittlerweile total gewöhnt, dass Putin sich so verhält. Er fragt auch russische Prominente, wie sie heißen, um sie abzuwerten und um seine Machtposition zu demonstrieren. Ich kann mich noch gut an eine Fernsehdiskussion zwischen Putin und dem oppositionellen Musiker Juri Schewtschuk erinnern. Da hat er das genauso gemacht.

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Illustration: Julia Schubert

Sergey Cheparev, Programmierer und Russe

Du hast immer gelacht, als sich Putin die Ohrstöpsel aus dem Ohr gezogen hat.
Ja, weil mir aufgefallen ist, dass der Übersetzer an manchen Stellen nicht alles wörtlich übersetzt hat. Putin hat vieles deutlich eleganter formuliert, als es in der Übersetzung rüberkam. Wenn du Russe wärst, hättest du einen ganz anderen Eindruck von dem gehabt, was er gesagt hat. Man kann sagen: “Du bist ein Idiot” oder “Du bist nicht klug genug”. Und das hat der Übersetzer nicht richtig vermittelt.

Aber es war doch beispielsweise klar, was Putin ausdrücken wollte, als er noch einmal explizit nach dem Namen des Journalisten fragte: Dich kennt keiner, ich aber bin Wladimir Putin und kontrolliere dieses Gespräch.
Er hat sich erst mal entschuldigt, das hat der Übersetzer nicht gesagt. Es war eigentlich ganz schön verpackt. Nach russischen Höflichkeitsregeln hat Putin alles richtig gemacht. Das Interview hat ja auch bei ihm in Moskau stattgefunden, nicht in Berlin. Er war nicht auf Geschäftsreise, wo er sich vielleicht grundsätzlich hätte anders verhalten müssen. Aber ich will Putin überhaupt nicht rechtfertigen.

Was kritisierst du?
Er war in dem Interview populistisch wie immer. Denn er hat regelmäßig vermieden, konkret auf die Fragen zu antworten. Er sagt dann zwar meistens die Wahrheit, verschweigt dabei aber so vieles. Als der Journalist nach dem Umgang mit den Nichtregierungsorgansationen gefragt hat, hat er seine Dokumente heraus geholt und mit dem Finger auf die USA gezeigt. Dabei ging es doch eigentlich um die Situation in Russland. Das gleiche Muster wie wenn Oppositionelle ins Gefängnis kommen. Da verweist er auf die Unabhängigkeit der Gerichte. Das ist alles Taktik.

Eine Verschleierungstaktik?
Ja, und wenn man von den Sachen redet, die in Russland nicht stimmen, heißt es: Wir haben unseren besonderen Weg, das kann man nicht vergleichen. Das finde ich so widersprüchlich. Ich habe neulich ein Interview mit Hillary Clinton im russischen Fernsehen gesehen. Die beantwortet die Fragen ganz direkt. Das war so krass. „So etwas gibt es?“, habe ich gedacht. Ich bin diesen endlosen Populismus von Putin längst gewöhnt.

Wie viel Macht hat Putin aus deiner Sicht?
Er kann alles machen, was er will. Die Hälfte der Bevölkerung läuft ihm hinterher. Die Menschen sind einfach dumm. Sie denken, die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation seit den 90er Jahren hätte etwas mit Putin zu tun. Hat es aber nicht - nur mit Öl und Gas.

Hat der deutsche Journalist aus deiner Sicht die richtigen Fragen gestellt?
Nicht die Fragen, die mich interessiert hätten. Vieleicht weil sie für Deutsche zu speziell sind und eher mich als Russen interessieren. Er fragt nach dem Gesetz, wonach Nichtregierungsorganisationen, die mit Geld aus dem Ausland finanziert werden, als ausländische Agenten eingestuft werden. Mich interessiert eher das neue Gesetz zur Homosexualität, mit dem man verhindern will, die Kinder in Russland mit dem Thema zu konfrontieren. Genauso wie das Gesetz, wonach Amerikaner keine russischen Kinder mehr adoptieren dürfen. Das finde ich noch viel gravierender.

Wir haben darüber gesprochen, wie Putin sich gegenüber dem deutschen Journalisten Jörg Schönenborn verhalten hat. Wie erlebst du, wie er mit den russischen Medien umgeht?
Wenn Putin mit russischen Journalisten spricht, sind das ausgewählte Journalisten, die nie besonders kritische Fragen stellen. Sie können also nichts falsch machen.

Das zeigt ja nur, wie wenig Medienfreiheit es in Russland gibt.
Ja, die Tendenz ist klar: Es geht in die Richtung, dass auch Internetseiten mit oppositionellen Inhalten gesperrt werden. Das ist ein krasser Schritt Richtung China.

Du bist Programmierer. Glaubst du, dass du aus deiner Position heraus irgendwann etwas verändern kannst?
Ja, bestimmt. Man braucht da aber viel mehr Erfahrung. Und die entsprechenden Ressourcen.

Wie sieht der Rest der russischen Jugend die aktuelle Politik?
Im Russischen gibt es den coolen Begriff “Küchengespräch”. In der Küche wird ständig über alle möglichen Probleme geredet, aber es geht dann nicht weiter. Gerade im Netz meckern die Leute viel, aber sie tun nichts. Ich bin auch so. Ich fühle mich noch nicht dazu berufen, diese Probleme zu bekämpfen. Ich muss mir Zeit nehmen, mehr Bedeutung zu gewinnen. Wenn ich es schaffe, kann ich vielleicht irgendwann mithelfen, die Gesellschaft zu verändern. Ich denke allerdings, dass man angesichts der aktuellen Bedingungen in Russland als Einzelperson wenig machen kann.

Was ist das Problem?
Die Leute, die die Bewegung bei der Duma-Wahl geführt haben, hatten ganz andere Sachen vor. Die wollten selbst an die Macht. Mir geht es darum, dass Russland ein modernes Land wird. Dass Wörter wie Toleranz und Solidarität etwas heißen. Das ist momentan das Hauptproblem in Russland. Keiner kümmert sich darum, wie es dem anderen geht.

Weshalb?
Die Russen misstrauen sich gegenseitig. Das ist ein Erbe aus Sowjet-Zeiten. 35 Prozent der Bevölkerung hatten damals etwas mit dem Geheimdienst zu tun. Ich merke das auch hier in Deutschland, auch bei mir selbst: Ich will mit anderen Russen eher wenig zu tun haben.

Das heißt, die Russen misstrauen sich gegenseitig und vereinen sich stattdessen lieber, wenn es gegen Europa oder Amerika geht?
Das ist widersprüchlich, ja. Aber so ist es. Ich glaube, das ist die Grundlage dafür, weshalb die Leute Putin gewählt haben: seine anti-westliche Rhetorik.

Was ist deine größte Sorge?
Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was in Russland passiert, wenn die Ölpreise sinken. Es wird Hunger geben, denn das Land ist so von diesen Ölpreisen abhängig. Wenn das wegfällt, ist die ganze Infrastruktur weg. Dann gibt es keine Fabriken mehr, dann stirbt auch die Wissenschaft – langsam und schmerzhaft. Das gleiche gilt fürs Gesundheitssystem, für die Schulausbildung, für die Armee. Korruption ist in Russland ja ein riesiges Problem. Im Kaukasus-Konflikt wird das Geld, das man mit dem Öl verdient, investiert, damit die Leute dort aufhören zu schreien. Wenn es kein Geld mehr gibt, wird es da wieder einen Krieg geben. Das könnte auch schon in drei Monaten passieren, wenn die Ölpreise auf 50 Dollar pro Barrel sinken würden. Das wäre eine Katastrophe.

Hast du Angst vor der weiteren Entwicklung in Russland? Immerhin lebt deine ganze Familie dort.
Ich befürchte einfach, dass die Politik von Putin die Gesellschaft entzweit. Es gibt diejenigen, die auf Demokratie und Menschenrechte pochen. Den anderen geht es nur um Patriotismus. Und es ist gefährlich, wenn eine Gesellschaft so grundsätzlich getrennt ist. Das hat in Russland schon einmal zu einem Bürgerkrieg geführt.


Text: tobias-goltz - Foto: Kaspars Biezaitis

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