„Die Schriftstellerei ist ein einsamer Beruf“

Schriftsteller werden zu wollen, ist, als würde man Prinzessin werden wollen. Sagt zumindest der Berliner Autor Tilman Rammstedt. Wir haben ihn getroffen und ein paar Hinweise eingeholt.
stefanie-woit

jetzt.de: Tilman, du bist seit einigen Jahren das, was man „Schriftsteller“ nennt. Ab und zu gibst du Seminare, die damit werben, aus Hobbyschreibern genau das zu machen -  „Schriftsteller“ ...  
Tilman: Ja, das stimmt, aber gelinde gesagt war ich geschockt, als ich las, wie die Workshops angekündigt werden. Dieser Anspruch ist völlig unrealistisch. So ein Titel spielt mit den Träumen von Menschen. Die Workshops sollen vielmehr Texte besser machen. Selbst, dass ich währenddessen ein paar mehr oder weniger allgemein gültige Thesen zum Schreiben mitgebe, ist schon grenzwertig. Aber letztlich lassen sich aus bestimmten Kniffen, die beim Schreiben gut funktionieren, allgemeine Regeln ableiten. Literatur ist eben häufig auch das: eine Form der Fehlervermeidung. Und damit fängt es an.  

Was hältst du denn davon, sich das Berufsziel „Schriftsteller“ zu setzen?  
Jetzt könnte man natürlich mit dem Genius-Gedanken argumentieren – entweder man hat es oder man hat es nicht. Aber das ist selbstverständlich Unsinn. „Berufsziel Schriftsteller“ klingt für mich trotzdem suspekt. Obwohl ich selbst als Kind natürlich auch mal Schriftsteller werden wollte. Trotzdem ist es so, als würde man sagen, „Wenn ich groß bin, werde ich Prinzessin“. Der Wunsch danach ist dann problematisch, wenn er sich auf einer Art Berufung zum Beruf gründet. Unabhängig davon, ob die Texte wirklich gut sind, tatsächlich ein Publikum finden und damit Geld verdient wird. Natürlich ist es bewundernswert, wenn sich jemand nicht von seinem Traum abbringen lässt, aber es ist auch heikel. Da kann sich eine vermessene Selbstgerechtigkeit einschleichen.  

Und welche Herangehensweisen erscheinen dir weniger heikel?
Das ist zwar ein widersprüchlicher Rat, wenn man den Berufswunsch tatsächlich hat: nimm es nicht so ernst.  Aber ehrlicherweise muss ich auch sagen, dass es Autoren gibt, die hart daran gearbeitet haben, verlegt zu werden. Doch tatsächlich glaube ich: Talent bahnt sich seinen Weg. Auch wenn das womöglich naiv ist.  

Was muss man tun, um Schriftsteller zu werden? 
Man muss zwar auf sich aufmerksam machen, aber möglichst unverkrampft, vom Erfolg unabhängig. Das ist schwer umsetzbar, oder? Aber es ist für die Qualität der Texte sehr wichtig. Wenn man etwas zu sehr will, wird man schnell verbissen. Es besteht auch die Gefahr, etwas schreiben zu wollen, das zu groß ist und nichts mehr mit einem selbst zu tun hat. Damit meine ich, wenn Texte kraftlos werden, weil sie kein Anliegen mehr haben, außer Literatur zu sein. Jemand, der die Dringlichkeit verspürt zu schreiben, sollte das tun, um zu schreiben, nicht, um Schriftsteller zu werden. So etwas merkt man den Texten an. Darüber hinaus bedarf es noch Glück und etwas Mut und Disziplin.  

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Illustration: Julia Schubert

Tilman

Wie war das denn bei dir? Schließlich bist du jetzt Schriftsteller – du schreibst Bücher, um Geld zu verdienen.  
Ich muss zugeben, dass ich da so rein gerutscht bin. Nachdem ich mit ein paar Freunden kleine Lesungen in Bars und Kneipen gemacht hatte, kam ein Redakteur einer neu gegründeten Literaturzeitschrift auf mich zu und wollte einen Text von mir veröffentlichen. Alles, was ich dazu beigetragen hatte, war, ein bisschen Mut aufzubringen, erst vor meinen Freunden und dann später, als unsere Lesungen sich herumgesprochen hatten, vor Fremden zu lesen. Und schließlich das Selbstbewusstsein, mehr zu schreiben, weil es gut ankam. Ich habe wenig Selbstvertrauen, was meine Texte angeht. Als ich mich 2001 zum „Open Mike“-Wettbewerb beworben habe, fand ich mich ziemlich kühn.  

Wusstest du, was beim Wettbewerb auf dich zukommt?  
Überhaupt nicht. Der Wettbewerb simuliert den Literaturmarkt, aber ich kannte mich mit dem Begriff „Betrieb“ gar nicht aus. Als ich den Wettbewerb gewann, war von einem Tag auf den anderen alles anders und ich hatte die berechtigte Hoffnung, ein Buch veröffentlichen zu können. Lektoren kamen auf mich zu und fragten, ob ich nicht ein Manuskript schreiben möchte. Das war eine sehr privilegierte Position.  

Für viele Berufe gibt es eine Art vorgezeichneten Ausbildungsweg. In der Literatur ist das nicht unbedingt der Fall. Du hast Philosophie und allgemeine Literaturwissenschaften studiert. Hat das geholfen?  
Die Entwicklung nach dem "Open Mike" kam mir nicht ungelegen. Ich hatte gern studiert, aber keine Ahnung, wohin mich das führen würde. Es war also keine Vorbereitung auf das Schriftstellersein, im Gegensatz zu den literarischen Studiengängen in Hildesheim oder am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Dort werden Texte professionell und intensiv besprochen und durchgearbeitet. Man kann Kontakte knüpfen und Verlage werden auf einen aufmerksam.  

Und wenn man nicht dort angenommen wurde?  
Dann geht man den Weg, den ich genommen habe – über Zeitschriften- oder Nachwuchswettbewerbe. Es gibt zwar immer wieder Fälle, in den unaufgefordert eingesandte Manuskripte von Verlagen gedruckt werden, aber die allermeisten Debuts der letzten Jahre kamen von Autoren, die schon auf sich aufmerksam gemacht hatten.  

Was ist mit dem Internet?  
Verlage sind eher altbacken und nutzen das Netz weniger als Nachwuchsschmiede. Schreiben ist Übungssache und im Netz geht das schnell und einfach, an kleineren Formen seinen Stil zu finden. Und mit anderen Schreibern in Kommunikation zu treten.  

Wobei es mit konstruktiver „Literaturkritik“ auch hier etwas schwierig ist. 
Wie überall besteht in Schriftstellerforen im Internet die Gefahr, dass man sich vor allem gegenseitig lobt, um selbst gelobt zu werden, oder anonym herumpöbelt. Aber dennoch kann man ungefähr merken, ob ein Text ankommt. Für konstruktive Kritik braucht man dann ein Gegenüber, das auch differenzieren kann, damit es einen vorwärts bringt.  

Wo wir beim Thema „hilfreicher Netzwerke“ wären.  
Das ganze Thema des "Vernetzens", um seine Karriere voranzubringen, ist mir einigermaßen suspekt. Denn aller Austausch kann nur freundschaftlich funktionieren, und da kommen Karrieregedanken nicht gut an. Ich bin Mitglied in einer Bürogemeinschaft aus Schriftstellern, Lektoren und Übersetzern, Adler & Söhne. Das sind Freunde, die zufällig ähnliche Dinge machen. Aufgrund unserer Freiberuflichkeit sind wir auch sozial bedürftig. Die Schriftstellerei ist an sich ein recht einsamer Beruf. Ich hole mir da Rat, bespreche Ideen oder lese unfertige Texte vor. Das kann in mancher Krise sehr helfen.  

Das heißt, der Nachwuchs muss sich unbedingt Verbündete suchen?  
Natürlich, aber es ist ein Trugschluss, sich allein auf seine „Netzwerke“ zu verlassen. Niemand wird veröffentlicht, weil er die richtigen Freunde hatte – das ist so eine Verschwörungstheorie. Es ist viel wichtiger, sich durch irgendein Publikum kontinuierlich selbst zu überprüfen. Alleine ist man schnell ein brillanter Schriftsteller, der von der Welt schlichtweg verkannt wird.  

Gibt es eine „Literaturszene“ in Berlin? Hast du Empfehlungen für Nachwuchsliteraten, wo sie etablierte Autoren treffen können? 
Ich glaube, die literarische Szene, die du meinst, gibt es so gar nicht. Oder ich weiß nichts von ihr. Dafür ist Berlin auch viel zu groß. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, in manchen Bars und Cafés in Kreuzberg und Prenzlauer Berg auf Autoren zu treffen höher als in anderen, aber dort findet kein reger Austausch statt, und schon gar nicht ist das ein offener, in dem Sinne, dass irgendwo laut mit allen Anwesenden diskutiert wird. Fast ebenso verhält es sich mit Orten, "an denen Literatur passiert": Neben den bekannten, großen Leseorten wie der Literaturwerkstatt, dem Literarische Colloqium Berlin, dem Brecht- oder dem Literaturhaus und den ganzen Festivals, gibt es ein paar kleinere Lesereihen, am interessantesten davon finde ich KOOKread Reihe und natürlich unseren "Salon Adler & Söhne". Das Ambiente ist dort so informell, dass anschließend alle an der Theke zusammenstehen und man sich unterhalten kann.  

Viele identifizieren sich über ihren Beruf. Wie ist das bei euch Schriftstellern?  
Ja, Identität und Tätigkeit, das hängt eng zusammen. Für mich persönlich etwas zu eng, sodass ich das Gefühl habe, wenn über meine Bücher geredet wird, wird auch automatisch über mich geredet. Insgesamt hätte ich mir meinen Arbeitsalltag abwechslungsreicher vorgestellt, ein wildes Herumspringen zwischen Formen und Genres. Und natürlich glamouröser. Aber eine Lesung in der Stadtbibliothek Ibbenbüren ist meistens so, wie es klingt. Wobei die Eintönigkeit mir eher beim Schreiben als beim Reisen zu schaffen macht.

Wenn du dich als Schriftsteller über deine Texte identifizierst, wie gehst du dann mit Kritik um?  
Es ist schon besser geworden, weder auf Lob noch auf Verrisse reagiere ich so stark wie früher Dennoch haben schlechte Kritiken für mich ärgerlicherweise immer mehr Recht als die guten. Das ist eine Berufskrankheit. Ein positiver Umgang mit Kritik ist, sich seines Standpunkts bewusst zu sein. Banal formuliert: wenn es allen gefällt, kann es nicht gut sein. Es gibt so viele unterschiedliche Auffassungen davon, was „gute Literatur“ ist, dass ich mir durch Kritiker auch erst bewusst wurde, wie ich schreiben möchte. Ich habe eher Angst, Leser zu enttäuschen, als die Kritik zu enttäuschen. Im Moment herrscht im Feuilleton der Ruf nach mehr Authentizität und einem politischen Ton vor. In einer Literaturwelt, in der die Themen von außen vorgegeben werden, will ich aber lieber nicht leben.

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und gewann im Jahr 2001 den Open-Mike-Wettbewerb. Sein Debut „Erledigungen vor der Feier“ folgte 2003, 2005 dann der Roman „Wir bleiben in der Nähe“. Mit einem Fragment aus seinem 2008 veröffentlichten Roman „Der Kaiser von China“ gewann er im selben Jahr den Haupt- und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Preises. Tilman lebt und arbeitet in Berlin.

Text: stefanie-woit - Foto: Stefan Maria Rother

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