"Die Sender haben kein Programmprofil mehr"

Enie van de Meiklokjes macht jetzt Bildungsfernsehen - im SWR startet gerade die neue Staffel von "Nie wieder keine Ahnung".
daniel-schieferdecker
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Bildungsauftrag, den es wahrzunehmen gilt. Siehst du diesen Bildungsauftrag weitgehend erfüllt?
Enie: Das ist schwer zu sagen, dafür gucke ich selbst gar nicht genug Fernsehen. Ich habe aber oft den Eindruck, dass die Öffentlichen nur zwei Wege kennen: Entweder wollen sie ihr Programm wahnsinnig jung und hip machen oder ganz gediegen für die Senioren. Aber ich bin in der Mitte. Wo bleibe ich denn?  

Woran liegt es denn konkret, dass du dich vom Programm nicht angesprochen fühlst?
Es geht mir dabei gar nicht so sehr um die Inhalte. Da gibt es schon einiges, was mich interessiert. Aber manche Dinge sind einfach wahnsinnig langweilig umgesetzt, sodass ich schnell wieder wegschalte. 

Setzen die privaten Sendeanstalten das besser um?
Man kann die Privaten nicht mit den Öffentlich-Rechtlichen vergleichen. Das sind zwei Paar Schuhe. Und ich finde es gut, dass es beide gibt.  

Du bist also eine Fürsprecherin der Vielfalt.
Ja. Wobei man leider feststellen muss, dass diese Vielfalt immer mehr verloren geht. Zwischen öffentlich-rechtlich und privat kann man gerade noch unterscheiden, aber die Privatsender untereinander scheinen doch mittlerweile alle das Gleiche zu machen. Die Sender haben kein Programmprofil mehr. Früher war Sat 1 bekannt für Filme und Frühstücksfernsehen und RTL für Krimis und Krawall. Mittlerweile ist das aber ein totaler Einheitsbrei geworden. Es ist genau das entstanden, was keiner haben wollte.  

Findest du die Fernsehgebühren im Allgemeinen denn gut investiert?
Ich finde es per se erst einmal nicht schlimm, dass man Gebühren bezahlen muss. Für andere Konsumgüter bezahlt man ja schließlich auch. Wenn man jedoch jeden Monat 18 Euro fürs Fernsehen berappen muss und sich dann das Programm ansieht, stellt man unweigerlich fest, dass das Geld häufig nicht ins Programm investiert wird. Das scheint in irgendwelchen bürokratischen Prozessen zu verschwinden.  

Die neue Staffel deiner Sendung „Nie wieder keine Ahnung“ läuft beim SWR, ebenfalls ein öffentlich-rechtlicher Sender. Die Probleme dürften demnach dieselben sein.
Nein, sind sie nicht, weil dort kein so großer Druck herrscht wie bei ARD und ZDF, die sich immer mit den Privatsendern messen lassen müssen. Bei den Dritten Programmen haben die Leute mehr Zeit und man hat den Eindruck, dass sie mit viel mehr Liebe und Geduld an ihren Sendungen arbeiten können.  

Das ist aber auch ein Teufelskreis: Auf der einen Seite bekomme die Dritten weniger Aufmerksamkeit, was dazu führt, dass sie sich ein bisschen freier entfalten können. Auf der anderen Seite bedingt diese fehlende Aufmerksamkeit auch, dass sie weniger gesehen werden und dadurch weniger Geld bekommen. Ja, das mag sein. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle mal eine Lanze für die Dritten brechen, weil deren Programm meistens noch vielfältiger ist als das der ARD und des ZDFs.  

http://www.youtube.com/watch?v=84qp5vd4f-U

Bei „Nie wieder keine Ahnung“ geht es in drei Folgen um Architektur. Euer Ziel war es, komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam zu erklären. Worin lag dabei die größte Schwierigkeit?
Das Sendungsprinzip sieht so aus, dass ich die „Dumme“ bin, die alles nachfragt, und es zwei Experten gibt, die alles erklären. Die größte Herausforderung bestand nun darin, sich nicht in Details zu verlieren. Wir mussten die richtige Balance finden, sodass es zwar jeder versteht, gleichzeitig aber nicht banal wird.  

Musstest du dich manchmal „dümmer“ stellen als du bist?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich musste manchmal zwar auch Dinge nachfragen, die ich schon wusste, aber ich fungiere ja als langer Arm der Zuschauer. Es geht also nicht um meinen Kenntnisstand, sondern um den der Leute vor dem Fernseher. 

Ist es generell schwierig, unterhaltsames Bildungsfernsehen zu machen?
Ich glaube, es würde schon viel helfen, wenn man häufiger Zuschauerbefragungen machen würde – und zwar nicht nur in den Großstädten und Medienmetropolen. Viele Sender sind einfach zu verkopft, verlieren sich in Details und im Zuge dessen die Zuschauerbedürfnisse aus den Augen. Die machen sich zwar Gedanken über die anvisierte Zielgruppe, schätzen das aber vollkommen falsch und realitätsfern ein.  

Bei den Privatsendern haben die Verantwortlichen häufig nicht die Geduld, eine Sendung auch mal laufen zu lassen; ihr Zeit zu geben, sich zu entwickeln und ein Publikum zu finden. Hast du mit „Nie wieder keine Ahnung“ beim SWR jetzt weniger Erfolgsdruck?
Ich habe nie Erfolgsdruck. Quoten sind mir eigentlich egal. Ich mache meine Arbeit so gut ich kann, und danach kann ich eigentlich nur noch hoffen, dass es den Zuschauern gefällt. Bei der ersten Staffel von „Nie wieder keine Ahnung“ haben wir erfreulicherweise sehr viel positive Zuschauerresonanz erhalten, und das ist selten. Dem Sender hat das natürlich gefallen – ist ja auch gut fürs Image.  

Aber hängt nicht auch dein Job an den Einschaltquoten?
Durchaus, aber mein Job ist ja meist bereits erledigt, wenn eine Sendung ausgestrahlt wird. Ich habe meine Pflicht dann eigentlich getan. Mich interessiert dann oft auch eher das Feedback aus meinem Bekanntenkreis. Wenn da einer sagt, er fand etwas nicht so gelungen, kann ich da meist mehr mit anfangen.  

Wann hat das denn das letzte Mal jemand zu dir gesagt?
Bei „Wohnen nach Wunsch“ fanden meine Freunde die Einrichtung manchmal bedenklich. Aber da mussten wir natürlich den Geschmack der Familien berücksichtigen, die nachher damit leben müssen, und nicht den Geschmack von mir, meinen Freunden oder den Zuschauern.  

Hat sich dein Blick auf Architektur durch die Sendung geändert?
Eigentlich nicht, weil ich mich bereits vor der Sendung schon für Architektur interessiert habe. Architektur ist ungemein facettenreich, und das ist faszinierend. Allerdings gibt es auch ganz schlimme Architektur, die wirklich Augenschmerzen verursachen kann.  

Woran denkst du da konkret?
Ich habe eine Zeit lang in Köln gelebt, und da wird man ständig daran erinnert, dass es schöne Architektur geben kann – allerdings nicht in dieser Stadt (lacht).

Text: daniel-schieferdecker - Foto: SWR/megaherz

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