Vor zwanzig Jahren war im US-Fernsehen zum ersten Mal eine Familie zu sehen, die anders war als alle anderen. Homer, Marge, Lisa, Bart und Maggie waren chaotisch, gaga, liebenswert, brillant geschrieben – und gelb. Seitdem sind die Simpsons zu einer der erfolgreichsten TV-Serien aller Zeiten geworden. Der Autor John Ortved hat ein Buch über sie geschrieben. jetzt.de hat mit ihm gesprochen. jetzt.de: Ein Buch über die Simpsons. Das klingt wie eines dieser Projekte, das man immer schon mal machen wollte. John Ortved: Ja, ich bin Fan der Serie. Ich habe angefangen, mich für einen Zeitschriftenartikel mit der Familie aus Springfield zu beschäftigen. Und daraus ist nach zwei Jahren Arbeit nun ein Buch entstanden, das zum ersten Mal fragt, wie diese Sendung eigentlich gemacht wird. Was hat dich beim Blick hinter die Kulissen am meisten überrascht? Ich fand etwas seltsam, wie geheimniskrämerisch die Macher der Show sind. Ich habe mit vielen Autoren und Produzenten gesprochen, aber etliche wollten nicht, dass ihre Namen genannt werden. Andere wollten gar nicht mit mir reden und haben sich regelrecht wie Diven benommen. Das passiert wohl, wenn jahrelang alle nach deiner Pfeife tanzen. Denn die Kreativen hinter der Show werden von den Studios total verwöhnt – die Autoren haben zum Beispiel in dem ehemaligen Bungalow von Marilyn Monroe gearbeitet. Dort war der legendäre Writing Room der Simpsons untergebracht – angeblich einer der lustigsten Orte der Welt. Doch bei der Produktion der Show werden manche Dinge gehütet wie ein Staatsgeheimnis – dabei geht es doch nur um eine Zeichentrickserie. Nicht um Watergate.

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Was sind denn solche Geheimnisse? Zum Beispiel, wie viel Geld die Show bisher eingespielt hat. Ich habe mit Rupert Murdoch gesprochen, dem Eigentümer des Senders Fox, wo die Simpsons seit 20 Jahren laufen. Murdoch hat auf meine Frage nach den Einnahmen nur gelächelt und gemeint: Sagen wir einfach, es ist verdammt viel Geld. Es gibt Schätzungen, dass Fox an den Simpsons circa drei Milliarden Dollar verdient hat. Und das ist nur die Serie – der Film hat ja auch rund 500 Millionen eingespielt. Die Macher sind auf jeden Fall steinreich geworden mit der Familie Simpson. Ist ja auch eine tolle Show. Klar, aber irgendwie hat es einen bitteren Nachgeschmack, dass die Simpsons einerseits so unglaublich viel Geld einspielen, andererseits aber die ersten Staffeln von unterbezahlten Zeichnern in Korea ausgemalt wurden – zu regelrechten Hungerlöhnen. Sie waren schlecht ausgebildet und mussten alles mit der Hand kolorieren – und darunter litt am Anfang auch die Qualität der Sendung. Eigentlich sollten die Simpsons nämlich schon früher starten, aber als die ersten Folgen aus Korea zurückkamen, mussten die Zeichner so viel nachbessern, dass sich alles verspätet hat. Sowas passiert eben, wenn man seine Leute nicht anständig bezahlt. Und man darf nicht vergessen: Die Simpsons haben den Fernsehsender Fox erst richtig groß gemacht. Früher war das ein Nischenprogramm, heute ist Fox ein sehr einflussreicher konservativer Sender, der immer auf der Seite von George W. Bush war. Was sagt eigentlich Matt Groening, der Erfinder der Simpsons, zu diesen Vorwürfen? Er wollte nicht mit mir reden – und einer seiner Kollegen hat sogar einen Brief an alle Mitarbeiter der Simpsons geschickt: Sie sollten auch nicht mit mir sprechen. Dabei hätte ich mich gerne mit Groening unterhalten – auch wenn ich seine Rolle bei den Simpsons eher für überschätzt halte. Wie bitte? Ich dachte immer, Matt Groening ist der Vater der Simpsons – er hat die Charaktere doch sogar nach seiner eigenen Familie benannt. Er hat Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie erfunden. Aber die meisten anderen Charaktere aus Springfield sind ebensowenig von ihm, wie die Stories. Für mich ist Groening eher eine Symbolfigur: Ein ehemals armer Comiczeichner, der es mit einer Idee ganz an die Spitze geschafft hat. Medien lieben solche Heldenmythen. Aber den eigentlichen Erfolg der Simpsons haben wir nicht Groening, sondern den Autoren zu verdanken, die sich seit 20 Jahren die ganzen absurden Abenteuer in Springfield ausdenken. Leute wie Sam Simon, der viele der ersten Staffeln fast im Alleingang geschrieben hat. Matt Groening lässt zwar auf jedes Bild der Simpsons seinen Namen drucken – aber selbst Insider der Show sagen, dass er an den meisten Geschichten gar nicht beteiligt war. Und die Nebencharaktere stammen auch nicht von ihm. Wenn wir schon über die Nebenfiguren in Springfield sprechen – wer ist dein Lieblingscharakter? Eindeutig der Anwalt Lionel Hutz. Der ist so schräg und auch so unheimlich wahr. Zumindest hier in Amerika gibt es viele dubiose Gestalten in Kanzleien. Leider ist Lionel Hutz aus der Serie verschwunden, seitdem vor einigen Jahren sein Synchronsprecher gestorben ist. Andererseits ist das nur konsequent. Ich habe das Gefühl, dass es für einige der Figuren langsam Zeit ist, aufzuhören. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Serie einfach schon zu lange läuft. Es ist ein bisschen wie mit den Rolling Stones – sie waren mal wirklich neu und außergewöhnlich, heute ist es schon fast ein bisschen peinlich, sie immer noch auf der Bühne zu sein. Du bist also der Meinung, dass sie Simpsons ihren Zenith überschritten haben? Versteh mich nicht falsch – ich liebe diese Serie. Aber die letzten Staffeln sind einfach nicht mehr so lustig wie die ersten. Warum? Viele der besten Autoren haben die Simpsons mittlerweile verlassen. Sam Simon zum Beispiel hat sich so mit Matt Groening zerstritten, dass die beiden kein Wort mehr miteinander gesprochen haben. Simon hat aber an den ersten Staffeln so viel beigetragen, dass er heute noch daran verdient. Er muss nie wieder arbeiten – er bekommt von den Simpsons rund 30 Millionen Dollar pro Jahr.

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The Simpsons: An Uncensored, Unauthorized History von John Ortved von Faber & Faber (Gebundene Ausgabe - 13. Oktober 2009)