Die Stimme vom Seitenstreifen

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Was war in deiner Schicht heute los? Ich hatte Frühschicht, es war ein typischer Ferientag, mit Urlaubern, die auf der Autobahn unterwegs sind und Pannen hatten. Dazu gleich drei Kandidaten, denen der Sprit ausgegangen war. Das Lustige dabei ist, dass die Männer dann meistens sagen, ihre Tankanzeige wäre kaputt, während die Frauen zugeben, dass sie sich wohl etwas verschätzt haben. Was machst du bei solchen Fällen? Immer das Gleiche: Am Telefon die Daten aufnehmen und den ADAC oder andere Hilfsdienste rausschicken – mein Computer zeigt mir meistens sofort an, wo die Säule steht. Wenn man vergessen hat zu tanken, läuft das übrigens unter Eigenverschulden und der Fahrer muss den Einsatz selber bezahlen. Ach, einen Holländer hatte ich heute Morgen auch dran, der wartete sei drei Uhr nachts an der Autobahn auf einen Abschleppdienst, den hatten sie irgendwie vergessen. War der sauer? Nein, der war seltsamerweise immer noch total ruhig. Holländer sind immer sehr relaxt. Im Gegenzug erleben wir natürlich auch Leute, die schon nach fünf Minuten in die Notrufsäule brüllen, warum immer noch keine Hilfe da ist. Aber die meisten sind eigentlich freundlich. Dabei ist das ja doch eine Stresssituation, so am Autobahnrand nach einer Panne in eine Säule zu sprechen. Stimmt, ich habe letzten Monat zum ersten Mal selber eine Notrufsäule benutzt, weil auf der Autobahn ein Reifen lag, das wollte ich durchgeben. Ich hatte auch gleich eine befreundete Kollegin dran – aber komisch war das schon, man kommt sich neben den vorbeirasenden und lauten Autos ziemlich hilflos vor.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Alle Notrufsäulen enden also an deinem Schreibtisch? Ja, wir sind da je nach Auslastung, zwischen vier und über zwanzig Leute die Notrufe entgegen nehmen. Bei uns kommen alle Notrufsäulen von den Autobahnen an und auf den Landstraßen gibt es noch so genannte Björn-Steiger-Säulen. (Björn Steiger war ein Kind, das im Mai 1969 nach einem schweren Verkehrsunfall nur deshalb starb, weil es zu lange dauerte, bis Rettungskräfte am Unfallort waren. Kurz darauf gegründeten die Eltern des getöteten Kindes eine Stiftung, die u.a. in abgelegenen Gebieten Notrufsäulen aufstellt. Anmerk. d. Red.) Mit denen passieren gelegentlich auch komische Vorfälle. Immer um den Ersten Mai oder Pfingsten herum kommt es vor, dass Betrunkene reingröhlen oder Pizza bestellen und einmal gab es einen Typ, der dachte das wäre ein Sextelefon. Ich war dabei, als die Kollegin ihm erklärte, dass diese Nummer nur für Notfälle ist, woraufhin der Typ sagte: „Ist ja ein Notfall, ich habe meine Unterhose verloren!“ Wie sieht eine normale Schicht aus? Sehr unterschiedlich, ganz selten ist so viel los, dass eine Warteschleife läuft, im Durchschnitt bearbeite ich so zehn Anrufe pro Stunde. Am meisten passiert während des Berufsverkehrs morgens und abends, am Wochenende ist es erstaunlich ruhig. Spannend wird es, wenn Sprachprobleme auftreten, für gängige Fremdsprachen haben wir meistens einen Kollegen, der dann schnell übernehmen muss. Aber zum Beispiel bei weißrussischen LKW-Fahrern wird es schwierig. Die sagen oft nur „Kaputt, okay.“ in die Säule und legen wieder auf. Was für Informationen braucht ihr denn? Wir fragen erstmal die Fahrzeugdaten, Kennzeichen, Typ und Farbe ab, dann natürlich was kaputt ist, wie das Fahrzeug steht. Bei den alten Säulen brauchen wir zur Lokalisierung auch die Säulennummer. Was musstest du für diesen Job lernen? Hauptsächlich wurde ich in dem Programm geschult, ich habe zwei Flachbildschirme vor mir, eine virtuelle Karte wo die Säule angezeigt wird und auf dem anderen die Eingabemaske für die Daten. Außerdem wurden wir in Gesprächsführung trainiert und lernten viel über Stressbewältigung. Dauernd rufen Leute an, die in Schwierigkeiten stecken. Ist das nicht anstrengend und belastend? Nein, man gewöhnt sich daran und denkt auch nicht weiter darüber nach. Und manchmal gibt es auch was zu lachen. Es gibt da eine Säule auf einer Landstraße im Schwäbischen, da läuft nachts immer eine Verrückte hin und brüllt einfach rein. Beim ersten Mal haben wir die Polizei informiert, aber die kannten die Dame dann schon. Seitdem ist das die „Schreisäule“. Oder neulich hat mich von einem Rastplatz aus ein Junge angerufen und gesagt, dass sein Vater ihn bei einer Toilettenpause vergessen hat. Ich rief den Vater auf dem Handy an, der wusste erst gar nicht was los war, „Welcher Sohn?“ hat er gefragt, aber dann „Oh, Mist!“. Der ist dann umgedreht. Nach einer Viertelstunde hat er mich wieder angerufen und gesagt, dass er den Rastplatz nicht mehr findet. Telefonieren die Leute nicht ohnehin alle mit Handys? Ich mache diesen Job seit 2001 und eigentlich haben wir nichts davon gemerkt, dass Notrufsäulen weniger benutzt worden wäre. Chaos gibt es allerdings gelegentlich, wenn die Leute erst den ADAC übers Handy anrufen und dann noch in die Notrufsäule sprechen, weil es so lange dauert, dann wissen wir nicht wo der ADAC steckt und alarmieren neu. Wer bezahlt eigentlich das Notrufsystem? Und dich? Bis vor einigen Jahren haben das der Staat und die Autobahnmeistereien unterhalten, dann wurde es ausgeschrieben und der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft bekam den Zuschlag. Es arbeiten viele Studenten da und ich finde das ist wirklich ein angenehmer Nebenjob. Und gut bezahlt. Wenn du schon so lange dabei bist – wie hat dich das Notrufsäulen-Dasein geprägt? Tja, eigentlich dürfte man sich gar nicht mehr in ein Auto setzen, ich mache es aber natürlich trotzdem noch. Außerdem habe ich gelernt, mit Zeitdruck umzugehen, spontan zu reagieren und zu improvisieren.

Text: max-scharnigg - Foto: Achim Multhaupt

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