"Die Uni ist fast schon Erholung für mich"

Ihr Name ist ein Gedicht – nur zu lang, um ganz auf ihr Trikot zu passen: Célia Okoyino da Mbabi ist Fußballnationalspielerin und eine der Hoffnungsträgerinnen für die Frauen-WM 2011 in Deutschland.
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Jetzt.de: Célia, du hast als Kind immer hart trainiert, um irgendwann Fußballprofi werden zu können. Hattest du manchmal das Gefühl, du erlebst eine Jugend wie ein Junge? Célia : Als Kind macht man sich ja nicht so viele Gedanken darüber, ob man nun einen Mädchen- oder einen Jungensport macht. Da will man dann einfach das machen, was einem Spaß macht. Natürlich habe ich in meiner Kindheit viel mit Jungs zu tun gehabt, weil ich mehr Lust darauf hatte, Fußball zu spielen als ins Ballett zu gehen. Ich habe damals auch in Mannschaften gespielt, in denen ich das einzige Mädchen war. Und in meinem Freundeskreis haben Jungs schon auch eine Hauptrolle gespielt. Das alles hat mich aber nicht gestört. Ich habe nie gedacht, dass ich kein normales Mädchen bin. Wurdest du von den Jungs, mit denen du gespielt hast, am Anfang eher schief angeguckt – oder womöglich wegen deiner Fähigkeiten am Ball besonders respektiert? Als die Jungs gemerkt haben, dass ich gut Fußball spielen und mit ihnen mithalten kann, war ich sehr schnell akzeptiert. Ich habe das Spiel der Jungs ja nicht behindert, sondern war aufgrund eines bestimmten Leistungsniveaus bei ihnen. Klar, am Anfang haben sie schon erst mal geguckt: Was kann die überhaupt? Aber dann war ziemlich schnell klar, dass wir zusammen Fußball spielen wollen.

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Illustration: Julia Schubert

Du hattest bestimmt auch männliche Vorbilder. Für einen weiblichen Teenager ein komisches Gefühl? Damals war der Frauenfußball ja noch nicht so populär, und wenn man sich dann Vorbilder aus dem gleichen Sport aussucht, dann sind das Männer. Ich zum Beispiel mochte Spieler wie Zinédine Zidane. Andere Mädels haben sich an Popstars orientiert und wollten auch ganz groß raus kommen. Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich mir über eine Trennung zwischen Männern und Frauen kaum Gedanken gemacht habe. Nicht in dem Alter. Talentierte Fußballjungs werden ja schon im Kindesalter für Millionen von A nach B verkauft. Wird mit Mädchen ähnlich gehandelt, wenn auch kleinere Summen im Spiel sind? Generell ist der Sport bei uns ja noch nicht so weit wie bei den Männern, wo es um richtige Geschäfte geht. Wir haben ja auch gar nicht die Mittel dazu, im Frauenfußball ist nicht so viel Geld um Umlauf. Es wird also nicht um jedes Talent gehandelt. Aber im Laufe der Professionalisierung versuchen die Vereine natürlich, junge Spielrinnen früh an sich zu binden, auszubilden und vielleicht auch zu Nationalspielerinnen zu machen. Es gibt ja nur zwölf Bundesligisten, und da sucht man schon immer nach neuen Talenten. Aber bei uns werden keine Kinder dazu verlockt, von München nach Berlin zu gehen. Es passiert viel im regionalen Bereich, alles ist ein bisschen kleiner gehalten. Kleiner gehalten ist auch Bad Neuenahr, die Stadt, in der du zurzeit spielst. Bist du dort ein echter Star? Wir haben natürlich auch Fans und Zuschauer, die regelmäßig bei uns im Stadion sind. Aber wir sind keine unnahbaren Personen, die man nur von Weitem sieht und nicht anfassen darf. Wir sind sehr nah am Publikum, bei uns stehen die Zuschauer direkt am Spielfeldrand. Und nach dem Spiel wird sich die Hand gegeben und mit den Leuten gequatscht. Als du 15 warst, kam der DFB auf dich zu. Man fragte dich, ob du dir nicht einen deutschen Pass besorgen könntest. Um für Deutschland spielen zu können, mussten auch deine Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen, weil du noch nicht volljährig warst. Dein Vater gab damals seinen kamerunischen Pass ab - ganz ohne Diskussionen? Meine Eltern haben gar kein Thema daraus gemacht. Es ging dabei auch gar nicht darum, meine Karriere zu fördern. Mir hat das Fußballspielen wirklich Spaß gemacht, es war meine Leidenschaft, und meine Eltern haben das erkannt. Für sie war es selbstverständlich, mir meinen Weg nicht zu verbauen. Und ich bin ja auch in Deutschland geboren und zur Schule gegangen. Meine Mutter konnte ihre französische Staatsbürgerschaft behalten und bekam dann eine zusätzliche Staatsbürgerschaft. Meinem Vater fiel es schon irgendwo schwer, seine kamerunische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Aber er wusste ja, wofür er das tat. Achtet Bundestrainerin Silvia Neid auch darauf, dass es allen Spielerinnen im Team gut geht - so als Fußballmama? Es gibt ja generell verschiedene Trainertypen. Manche wollen eine klare Rollenaufteilung: Ich bin Trainer, ihr seid Spieler – und wir siezen uns! Und dann gibt es solche, die auf einer anderen Basis mit Spielern reden. Das ist auch eine Frage der Philosophie des Trainers oder der Trainerin. Kann man Silvia Neid ein Stück weit mit Jogi Löw vergleichen, bei dem Disziplin im Team scheinbar über vielen anderen Dingen steht? Wir sind nicht immer nur alle lieb zueinander. Wir haben alle ein klares Ziel vor Augen, und die Trainerin verfolgt eine bestimmte Philosophie. Da ziehen alle mit, weil wir Erfolg haben wollen. Dazu gehört auch eine gewisse Härte. Du hast Abitur gemacht, dann eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketing und Kommunikation abgeschlossen, jetzt studierst du Kulturwissenschaft in Koblenz. Wird euch Spielerinnen früh erklärt, dass Fußball allein nicht reichen wird, um auch nach der Karriere auszukommen? Wir haben keine Millionen, die wir uns zurücklegen können. Deswegen ist es gut und wichtig, auch nebenbei etwas zu machen. Das war für mich immer selbstverständlich. Wir trainieren zweimal am Tag, und zwischendurch gehe ich in die Uni. Samstags fahren wir dann zum Spiel und kommen Sonntagabends zurück. Am Montagmorgen gehe ich dann wieder in die Uni, abends zum Training. Hast du nie das Gefühl, etwas zu verpassen? Möchtest du am Wochenende nicht auch mal in die Disko gehen anstatt Fußball zu spielen? Das sind Abstriche, die man halt machen muss, wenn man sich diesen Weg ausgesucht hat. Dafür erleben wir ganz viele andere Sachen. Ich weiß nicht, ob ich mit meinen 22 Jahren auf fast jedem Kontinent der Welt gewesen wäre, so viele verschiedene Länder bereist und so viele Leute kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Fußball spielen würde. Man muss zwar auf vieles verzichten, bekommt dafür aber auch viel zurück. Über dein Studium hast du mal gesagt, für den Kopf brauche man etwas, das nichts mit Sport zu tun hat. Täte einigen männlichen Kollegen vielleicht auch ganz gut … Darüber möchte ich nichts sagen. Ich weiß, dass einige männliche Kollegen auch studieren. Mittlerweile ist es vielen Vereinen wichtig, dass die Spieler eine schulische Ausbildung und bestimmte Grundlagen mitbringen. Für mich ist es wichtig, Kontakte auch außerhalb des Fußballs zu haben und etwas, wo man abschalten kann und mal nicht ans Training denkt. Die Uni ist fast schon eine Erholung für mich. 2007 begann für dich eine einjährige Leidenszeit. Zuerst der Schienenbeinbruch, nach der Reha dann die Erkrankung an Pfeifferschem Drüsenfieber. Wird man in so einer Phase auch von Psychologen betreut? Oder sind Frauen da vielleicht etwas zäher als Männer? Ich hatte in der Situation keinen Psychologen. Aber die gibt es natürlich auch im Frauenfußball, die sind mittlerweile immer dabei und jede Spielerin kann sich an sie wenden. Für mich waren Familie und Freunde sehr wichtig, und natürlich die medizinische Abteilung. Die Leute in meinem näheren Umfeld haben mich meinen Glauben nie verlieren lassen. Du hast dich mal als „relativ ehrgeizig“ beschrieben. Gab es schon Momente, wo du diesen Ehrgeiz übertrieben hast? Wenn man Fußball spielt und sich verletzt, will man natürlich so schnell wie möglich wieder fit werden. Bei mir war es so, dass eine sehr gute medizinische Abteilung mit mir gearbeitet hat, die mich in meinem Ehrgeiz gebremst hat, die mich aber auch gepuscht hat, wenn ich mal einen Durchhänger hatte. Ich hatte Glück, dass ich so eine gute Betreuung hatte. Es steht die Frauen-WM in Deutschland an. Was muss getan werden, um sie zumindest ansatzweise so populär zu gestalten wie die der Männer 2006? Der DFB ist da schon auf einem ziemlich guten Weg, das Ganze für die Frauen ähnlich zu gestalten. Man sieht ja, wie sich in den vergangenen Jahren allein schon die Zuschauerzahlen im Frauenfußball entwickelt haben. Nämlich so, dass wir teilweise schon die WM-Stadien der Männer voll kriegen und die Leute auch gerne zu unseren Spielen kommen. Wenn sie sich mit der Nationalmannschaft auch ein Stück weit identifizieren können und wissen, wer da eigentlich spielt, kann man dem Ganzen sehr optimistisch entgegenblicken.

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