Die Utopie einer zwanzigminütigen Umarmung

Das chinesische Bruderpaar Gao Zhen und Gao Qiang zählt zu Chinas bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Am 11. September inszenieren sie eine ihrer Performances am Brandenburger Tor - Ziel ist es, einander fremde Menschen sich für 20 Minuten umarmen zu lassen. Mit jetzt.de sprach Gao Qiang, 45, über den Wert körperlicher Nähe in der modernen Gesellschaft und über Unterschiede in den Umarmgewohnheiten einzelner Länder.
michael-moorstedt

Wann haben Sie mit Ihren inszenierten Umarmungen begonnen? Unsere erste Performance haben wir im Jahr 2000 in der chinesischen Stadt Jinan durchgeführt. Damals wurden 150 einander fremde Leute eingeladen, sich für zwanzig Minuten zu umarmen. Das Konzept heißt: die Utopie einer zwanzigminütigen Umarmung. Seit damals haben wir in verschiedenen Ländern ähnliche Performances durchgeführt. Letztes Jahr beispielsweise in England. Ist Berlin ein spezieller Platz, um diese Umarmungen zu inszenieren? Natürlich ist die Stadt allein aufgrund ihrer Geschichte ideal. Wir hatten schon lange vorgehabt, eine unserer Performances in Berlin durchzuführen. Ich denke, das Brandenburger Tor ist ein sehr guter Platz, um durch die Umarmungen Einigkeit zu symbolisieren. Dass heute der sechste Jahrestag der New Yorker Anschläge ist, erhöht die Bedeutung der Aktion natürlich noch. Nach dem 11. September 2001 wurden wir nach New York eingeladen, um dort unsere Performance zu starten. Leider durften wir zu dieser Zeit nicht aus China ausreisen. Szenen vom 11.9.2007, als die Gebrüder Gao ihre Performance am Brandenburger Tor aufführten Aus welchen Gründen? Von 1989 bis 2003 standen mein Bruder und ich auf einer schwarzen Liste der chinesischen Regierung, die es uns nicht erlaubte, ins Ausland zu reisen. Damals hatten wir eine öffentliche Erklärung unterschrieben, die forderte, einige Dissidenten aus politischer Haft zu entlassen. Aber auch mit unserer Kunst war die Partei nicht einverstanden. Gibt es in den einzelnen Ländern Unterschiede in den Umarmgewohnheiten der Leute? Auf jeden Fall. In China ist es sehr schwierig, die Leute dazu zu bewegen, sich zu umarmen. Viele Menschen dort sind sehr schüchtern und nicht an Körperkontakt gewohnt. Allgemein gesagt ist es für uns sehr viel leichter, die Performances in westlichen Ländern durchzuführen, dort sind die Leute offener und verstehen das "Konzept Umarmung". Aber im vergangenen Jahr in England war es auch nicht einfach. Es klingt zwar wie ein Klischee, aber die Leute dort sind etwas steif. Es dauerte eine Weile, bis wir Leute fanden, die von einer ihnen fremden Person umarmt werden wollten. Lustigerweise waren sogar Polizisten darunter.

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Illustration: Julia Schubert

Fotos: world-hug-day.net Wie überzeugen Sie die Leute, sich von Fremden umarmen zu lassen? Wir haben im Vorfeld im Internet für unsere Aktion geworben und Freiwillige gesucht, die uns heute beim Umarmen helfen werden. Wir haben auch einige Freunde in Berlin, die uns dabei helfen, unsere Botschaft zu verbreiten. Dann ist es vielleicht leichter, sich dazu zu überwinden. Es klingt so einfach, das ist aber nicht der Fall. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Leute kommen werden. Aber selbst wenn nur ein Mensch kommt, dann umarme ich eben nur diesen einen Menschen. Das ändert nichts an der Bedeutung der Aktion. Welche Bedeutung könnte das sein? Es gibt einfach einen großen Bedarf an körperlicher Nähe und Geborgenheit in der heutigen Welt, in der die Leute oftmals von einer sozialen Kälte umgeben sind, unabhängig ob sie in der östlichen oder westlichen Gesellschaft leben.

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