„Die zweite sexuelle Revolution?“

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von und . Das Interview führte Dr. Louis Blind, zur Zeit erfolgreichster online-Sexberater (s. untestehenden Bericht).

[b]Dr. Louis Blind: [/b]Herr Dr. Prohaska, erst einmal herzlich Willkommen und Gratulation. Wie fühlen Sie sich nach dem gestrigen Experiment in aller Öffentlichkeit? Hallen die Ereignisse noch nach? Haben sie schon einen ihrer berühmten sentimentalen Tagebuch-Einträge verfasst? [b]Dr. Prohaska:[/b] Danke für das warme Willkommen, mir geht es großartig. Ich habe gut geschlafen, sehr gut, und glauben Sie mir, der Schlaf war nicht komplett traumlos (lacht). Und als ich heute morgen etwas schreiben wollte, fiel mir gar nichts ein. [b]Dr. Louis Blind:[/b] Ich selbst war im Hörsaal, als Sie Ihr Versuchsobjekt bestiegen. Was genau sollte das Experiment beweisen? [b]Dr. Prohaska: [/b] Zuerst einmal muss ich betonen, dass nicht nur Fräulein Hilda (die weibliche Testperson, Anm. der Red.), sondern auch ich selbst Teil der Versuchsanordnung war. Ich sehe Wissenschaft nicht aus dem Panoramafenster eines Elfenbeinturmes heraus, sondern muss selbst eindringen, in medias res quasi (lacht lauter). [b]Dr. Louis Blind:[/b] Das ist Ihnen eindrucksvoll gelungen. Doch unsere Leser fragen sich nun: Was soll man davon bloß denken? Wohin führt das alles? [b]Dr. Prohaska:[/b] (wird schlagartig ernst) Es war ein Opfer, doch ich brachte es gerne. Ich selbst und andere Tagebuchschreiber im Internet - wir alle schienen mir mehr und mehr in einem Cocoon verfangen. Redundante Befindlichkeiten sexueller Frustration wurden ausgebreitet, in Fäkalsprache gepresst, wie ein Küchenteig immer und immer wieder ausgerollt. Jetzt aber kam der Urknall: Sex ohne Epilog. Und ich denke, hier kann ich als Sexualphilosoph durchaus die obsolete Verantwortung der Befreiung übernehmen. Mit dem Vollzug des Geschlechtsaktes unter derart ungewöhnlichen, widrigen Bedingungen und Vorzeichen habe ich einen wichtigen Schritt in Richtung eines neuen Verständnisses von Sexualität, von Mann und Frau, ja von der Schöpfung selbst getan. Seit zu langer Zeit ist die Vereinigung zweier Menschen im Bewusstsein der Menschen der Avatar eines fehlgeleiteten Normendenkens, einer mutierten Auffassung von Intellektualität, wie sie dem modernen Menschen nicht mehr gut zu Geschlechte steht. Ich wollte beweisen, dass Sex, mit allem was dazu gehört, auch ohne verbale Qualifikationsanstrengungen passieren kann - und das durchaus auch sehr erfolgreich (lächelt verschmitzt). [b]Dr. Louis Blind:[/b] Sie wollen also ernsthaft behaupten, guter Sex bedürfe keiner langwierigen Diskussion im Vorfeld, keiner adverbienschwangerer Textergüsse? [b]Dr. Prohaska: [/b] Richtig. Und glauben sie mir, ich bin genauso erstaunt darüber wie sie und gehe jetzt sogar noch einen Schritt weiter: Die Qualität eines Geschlechtsverkehrs entscheidet sich zum größten Teil während desselben, liegt also implizit synchron in seiner physischen Manifestation. Oder eben nicht. [b]Dr. Louis Blind: [/b]Damit jedoch wären Millionen gesagter Worte, geschriebener Texte wie dieser, Jahre der mentalen und kommunikativen Vorbereitung auf den finalen Geschlechtsakt umsonst! [b]Dr. Prohaska: [/b] Ich weiß, es erstaunt, es verblüfft, es beunruhigt fast! Und dennoch bleibe ich dabei: Der Penis des Mannes und die Vagina der Frau benötigen keiner geistigen Expertise pre sexualiter– wobei dies genauso, wenn nicht noch mehr, für die gleichgeschlechtliche Liebe gilt. Welcher ich im Übrigen das nächste Jahr meiner Forschungsarbeit widmen werde. [b]Dr. Louis Blind: [/b]Herr. Doktor, bei allem Respekt, aber sie werden doch nicht etwa.... [b]Dr. Prohaska: [/b]Doch doch, Sie denken in die richtige Richtung mein junger Freund! Ich will und ich werde beweisen, dass Klischees, Vorurteile und Schubladendenken die gleichgeschlechtliche körperliche Liebe nicht bedingen! Sie kann genauso wie jede andere Art von Sexualität ohne Schablonenhaften Diskurs stattfinden! All die Jahre des Irrglaubens, die Menschheit und die digitale Community wird sich wundern... [b]Dr. Louis Blind: [/b]...unglaublich. Wenn ich sie hier unterbrechen darf: Was dann? Was, wenn nicht verkrampfte Aufklärer, bemüht lockere Kolumnen, anzügliche Zotenfilme und hornbebrillte Paarberater führen zu gutem Sex? Galt nicht der Konnotationsschwangere Einseiter als obligatorisches Vorspiel? [b]Dr. Prohaska: [/b]Ach, auf diese Frage habe ich ja nur gewartet. Und ja, ich habe lange selber danach gesucht. Bis ich, beinahe per Zufall, fast im Schlaf darauf gekommen bin: Ich meditierte, versetzte mich selbst in einen tranceähnlichen Zustand, bis ich mich von meiner geistigen Existenz lösen konnte. Dann legte ich mich zu einer hilfsbereiten Studentin. All der Ballast fiel von mir ab, all die Regeln, all die Vorbehalte. Ich, verzeihen sie mir diese Ausdrucksweise, fiel wie ein Tier über sie her. Denn was übrig blieb, nachdem ich mein Menschsein auf seinen Kern reduziert hatte, war ein Gefühl von... ich kann es nicht beschreiben. Tausende Farben leuchteten vor meinen Augen, wie im Drogenrausch hörte ich süße Musik, alle Sinne waren potenziert. Er will sich den Worten nicht erschließen, dieser wunderbare Duktus, dem ich unterworfen war. Ich nenne ihn jedoch, aus anatomischen Gründen, Leiden Schaft. [b]Dr. Louis Blind: [/b]Das heisst... sie ließen sich einfach gehen? Und... [b]Dr. Prohaska:[/b] ...ja! Dann kam es von selbst! So wie gestern Abend, Sie waren Zeuge! Man muss einfach nur tun, was einem der eigene Körper befiehlt! Sex funktioniert ohne Nachdenken! [b]Dr. Louis Blind: [/b]Das ist, gelinde gesagt, obskur. Ominös und okkult. Vielleicht sogar gefährlich. Und zugleich hochinteressant: Sex pur. Eine Revolutionfindet statt. Ein neues Zeitalter bricht heran. Die Communities werden neue Themen finden, die Wissenschaft wird sich wieder einmal selbst neu erfinden müssen. Und wir danken Ihnen für das Gespräch, Dr. Prohaska! Doch wer ist eigentlich Dr. Louis Blind?


Es herrscht Anarchie in der Sexualberatung: Früher gab es Dr. Sommer, für alle, die in sexuellen Fragen nicht mehr weiter wussten. Heute ist das Internet allgegenwärtig, die Moral auf dem Abstellgleis und menschliche Nähe aus der Mode. Die familiären und staatlichen Obrigkeiten kommen nicht mehr hinterher, ihre Schäfchen vor dem Bösen Wolf der Perversion zu schützen. Jedoch wollen diese Schäfchen auch gar nicht ehr geschützt werden, im Gegenteil. Sie suchen Rat bei denen, die wirklich ihre Sprache sprechen und ihren jugendlich lüsternen Herzschlag fühlen können: die Dr. Sommer des Web 2.0. Einer davon, Dr. Louis Blind, gilt mittlerweile als Guru einer virtuellen Sexgemeinde. Zwar verbirgt sich hinter dem Pseudonym nach Ansicht von Jugendschützern eine Gruppe von Kunststudenten, die der Gesellschaft „einen Spiegel vorhalten will,“ der Erfolg aber lügt nicht. Doch lesen Sie selbst die aktuelle Ausgabe von und mit Dr. Louis Blind: [b]Thomas, 27:[/b] „Ich hatte noch nie eine Freundin. Nur vor zehn Jahren mal eine verzweifelte Nacht mit Akne-Agnes, aber die hatte sich ihren Namen hart verdient, verstehst du? In meinem heutigen Privatleben finden Frauen nur auf dem Bildschirm statt. Deshalb habe ich mich bei einer florierenden online-Community angemeldet und gehofft, dort jüngere, vor allem aber geilere Mädels zu finden. Nur sind die kleinen Biester von Heute immer so verkopft und kompliziert! Wie komm ich da nur zum Schuss?“ [b]Dr. Louis Blind:[/b] Du bist auf dem richtigen Weg, lieber Thomas. Genau dafür wurden vom Bundesministerium für die Entwicklung Unterentwickelter, in Zusammenarbeit mit dem BND, das im Volksmund neuerdings unter Web 2.0 bekannte Community-System perfektioniert. Jetzt musst du nur bei der Google-Bildersuche „Elektro-Party“ eingeben und dir irgendetwas konfuses als Eye-Catcher für die Mädels runterladen. Dann in dein Profil ein paar Songtextzitate reinpacken, die sonst keiner kennt und anfangen, deine depressiv-sehnsüchtig-sentimentalen Gedanken online zu stellen. Der Rest geschieht dann quasi von selbst. Kleiner Tipp für den ersten Abend: Vodka und Ahoi-Brause!!!! Gummis kannst du zuhause lassen, einen Nickname kann keiner zurückverfolgen. Steck einen Gruß mit rein! Dein Dr. Louis Blind.
[b]Paula, 17:[/b] „Ich habe wundervollen, einfühlsamen Sex mit meinem Freund Paul. Er spielt mir sogar immer seine Lieblingslieder als Vorspiel vor, auf der Gitarre. Aber wenn wir dann Liebe machen und auch danach, muss ich immer weinen! Außer wenn es regnet...“ [b]Dr. Louis Blind:[/b] Paula, was du erfährst ist ein gängiges Problem emotional überladener Postpubertärer. Der wissenschaftliche Fachbegriff dafür ist „Heulsuse, verfickte.“ Du weißt offenbar nicht zu schätzen, dass Paul Dir nicht einfach ungefragt sein Ding irgendwo rein rammt, sondern vorher die große Emo-Nummer abzieht, damit Du auch brav die Schere machst. Anstatt die Gefühlsduselei auf die Spitze zu treiben und wertvolle Körperflüssigkeit zu verschwenden, solltest Du lieber mal mit ihm und seinem Schlagzeuger aus der Band einen Sandwich probieren. Dann weißt du was Schmerzen sind.
[b]Sabrina, 16:[/b] "Ich habe seit 2 Jahren einen Freund und bin auch sehr glücklich mit ihm. Aber nachts träume ich immer von Küssen und Sex mit meiner besten Freundin. Ich trau es mir aber nicht ihr zu sagen, weil ich Angst habe, dass ich sie dann verliere. Bitte helft mir" [b]Dr. Louis Blind:[/b] Sabrina, du hast Probleme, von denen andere nur träumen. Du verabredest dich einfach mit beiden, ohne dass sie vom anderen wissen, lässt das kleine Luder aber einen Tick früher kommen. Dann Fesseln dran und gut durchpeitschen. Dein Freund wird sich über das Willkommensgeschenk freuen und ihr teilt euch die Kleine. Ich bin mir sicher, er wird das verstehen.
[b]Tanja, 14: [/b]"Also ich bin jetzt zwei Wochen mit meinem Freund zusammen und es ist voll schön. Er ist schon 19 und hat ein Auto und wir sind immer zusammen unterwegs und hören laut Musik. Wir haben auch schon viel ausprobiert, Petting und so und er ist voll einfühlsam und kann gut küssen. Aber dann wollte er mit mir schlafen und ich wollte aber noch nicht so richtig, weil ich ja nicht weiß, ob er es ernst meint und er war dann irgendwie komisch und seitdem hab ich das Gefühl, dass er irgendwie anders ist und so. Was soll ich machen? Ich weiß nicht mehr weiter!" [b]Dr. Louis Blind:[/b] Liebe Tanja, schau dir einfach mal die Statistik an. Heute haben 73,4 % aller Jugendlichen ihr erstes Mal zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr. Dein Freund hat also nicht ganz Unrecht, wenn er langsam auf die Tube drückt. Vielleicht brauchst du nur irgendwas, was dich locker macht. Die richtige Mischung aus Koks und MDNA hat sich da eigentlich in den letzten Jahren als optimal erwiesen. Koks, weil es das Selbstbewusstsein puscht und MDNA, weil es selbst dann für ordentliche Glücksgefühle sorgt, wenn du den Kerl gar nicht wirklich liebst oder er sich vielleicht etwas ungeschickt anstellt. Also: Kopf hoch und Brust raus. Das wird schon. Und wenn er jetzt irgendwie einen auf Psycho und "lass uns mal reden" macht, schnappst du dir einfach den nächsten. Das Leben ist zu kurz für Langeweile. Richtig?
[b]Otto, 12:[/b] "Gestern habe ich zum ersten mal mit meiner Freundin geknutscht. Supertoll!! Aber heute morgen bin ich aufgewacht und hatte Sperma in der Unterhose. Ist das normal?" [b]Dr. Louis Blind:[/b] Otto, das Sperma in deiner Unterhose gehört da nicht hin. Frag doch lieber mal deine Freundin ob Sie schon mal einen Cumshot (gesprochen: Kammschott) hatte. Das ist auf jeden Fall die bessere Alternative, als sich blöde Fragen von Mutti anzuhören. Nächste Woche: Sonderfragerunde zum Thema „Ich stehe auf Sexberater.“

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