"Diese Blogger huldigen Print"

Studenten in Darmstadt machen gemeinsam mit Bloggern aus aller Welt das gedruckte Bookazine "Circus". Ein Gespräch mit Chefredakteurin Rebecca, 22, über die Lust am Gedruckten.
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Online-Journalistik-Studenten aus Darmstadt wollen die Blogosphäre mit der Welt der gedruckten Magazine zusammenbringen. Sie bringen unter dem Titel CIRCUS im eigens gegründeten Verlag ein Bookazine heraus, das mit Beiträgen von Bloggern und Fotografen bestückt wird. Die erste Ausgabe zum Thema Mode gab es weltweit in einer Auflage von 10.000 Stück zu kaufen. Zur Zeit arbeiten die Macher am nächsten Bookazine zum Thema Reise. jetzt.de hat Chefredakteurin Rebecca Sandbichler, 22, gefragt, woher mitten im digitalen Zeitalter die Sehnsucht nach bedrucktem Papier kommt. jetzt.de: Wie und wann entstand die Idee ein Magazin zu entwickeln, in dem ausschließlich Blogger schreiben und fotografieren?
Rebecca: Wir sind fast alle Online-Journalismus-Studenten und haben bereits zu Anfang des Studiums gesagt, dass wir etwas Eigenes machen wollen. Wir haben beispielsweise ein Studentenmagazin herausgebracht und ein Buch über Darmstadts Nachtleben. Auf Circus Fashion sind wir gekommen, weil wir die Mode-Blogs seit sie existieren verfolgen und gemerkt haben, dass sie immer wichtiger werden, es immer mehr werden und sie immer professioneller daherkommen. Und dann haben wir gesagt, wir wollen die Arbeit der Blogger mal abbilden, ihre Arbeit in einem ausgewählten Printprodukt bündeln. Die Blogosphäre ist ja mittlerweile so groß, wir wollten einen Überblick, eine Auswahl bieten. Ihr studiert Online-Journalismus und trotzdem habt ihr euch für ein Printprodukt entschieden. Warum?
Rebecca: Wir sind printverliebt. Aber das Studium hilft uns enorm, weil wir CIRCUS nur mithilfe verschiedener Online-Tools überhaupt produzieren können. Wir versperren uns natürlich auch nicht den Möglichkeiten des Internets, sind keine absoluten Nostalgiker. Deshalb wird Circus zurzeit auch als ipad-Version entwickelt.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Wie finanziert ihr euch?
Rebecca: Wir haben einen Privatkredit aufgenommen. Print ist teuer, allein wegen des Drucks. Die erste Ausgabe von Circus war nicht werbefinanziert und auch jetzt ist es schwierig abzuschätzen, wie sich das mit unseren Werbekunden entwickelt. Das Printanzeigengeschäft ist schwierig und gerade weil wir ein Nischenprodukt machen, passen wir nicht zu jedem Kunden. Zur Zeit haben wir noch nicht ausreichend definitive Zusagen und da wir keinen großen Verlag hinter uns stehen haben, der uns die nächsten drei oder vier Ausgaben finanziert, ist das alles unser ganz persönliches Risiko.

jetzt.de: Du sagst ja selber, dass der Markt für Printprodukte gerade sehr schwierig ist - auch und gerade, weil immer mehr online gelesen wird. Warum braucht es euch?
Rebecca: Ich finde, dass Circus eine Bereicherung ist, etwas Neues darstellt, auch wenn der Markt natürlich sehr überlaufen ist; weil wir die redaktionelle Auswahl aus einem so riesigen Feld bieten, auf dem es natürlich auch große Qualitätsunterschiede gibt. Wir wählen aus, werten und gewichten und stellen die Infos zusammen. Wir widmen uns einem Thema und gehen es auf zeitlose Weise an, zusammen mit Blogs, die ja eigentlich nicht zeitlos sind. Das finde ich spannend zu lesen.

jetzt.de: Der Charme eines Blogs liegt darin, dass der Autor spontan schreibt, ohne große Änderungen vorzunehmen. Geht durch das Redigieren nicht die Persönlichkeit der Blogger verloren?
Rebecca: Es geht um um maßvolles Reagieren und Redigieren. Wir haben gemerkt, dass Blogger gerne aus der Ich-Perspektive schreiben. Wir als Journalismus-Studenten haben ja gelernt, dass das eigentlich nicht immer passend ist, aber in diesem Fall finden wir das super. Man erkennt die verschiedenen Stile so besser, die unterschiedlichen Erfahrungshintergründe kommen besser durch und diesen "bloggigen" Stil wollen wir auch beibehalten. Gerade das Veröffentlichen von Meinungen und das Einordnen eines Themas finde ich wichtig und schön. Das finde ich in unserer heutigen Zeit so wichtig, weil ja ein "Vielleicht, aber auch"-Journalismus herrscht, man immer politisch korrekt sein muss. In den klassischen Medien ist das natürlich präsent, in den Blogs ist es einfach frecher, da wird auf den Putz gehauen. Und das zeichnet Blogs für mich aus und das soll in Circus auch durchkommen.

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Illustration: Julia Schubert

Rebecca jetzt.de: Wonach wählt ihr die Blogger aus?
Rebecca: Wir schauen: Hat der Blogger eine Stimme, hat er einen eigenen Stil? Dann natürlich, ob er Ahnung hat vom Thema, mit dem er sich befasst. Kreativität und Themengestaltung sind uns wichtig. Auf Bekanntheit haben wir nicht geachtet. Es ist egal, wie lange jemand schon bloggt. jetzt.de: Unter den ausgewählten Bloggern sind ja auch bekannte Namen wie das Model Agyness Dean. Aber nur weil jemand bekannt ist und gute Ideen hat, schreibt er nicht auch gleichzeitig gut. Wieviel redigiert ihr tatsächlich?
Rebecca: Es ist sehr unterschiedlich, denn ein paar der Blogger sind gelernte Journalisten. Aber natürlich haben wir redigiert, den Text zurückgegeben und gesagt: Daran musst du arbeiten, darüber musst du nachdenken. Wir behaupten nicht, dass wir die Blogger ganz roh und unverfälscht ins Heft lassen. Das ist auch bei jedem guten journalistischen Produkt notwendig: Formen, aber nicht verformen. jetzt.de: Wie waren die Reaktionen der Blogger auf eure Veröffentlichungsanfragen?
Rebecca: Niemand hat gesagt: "Ich mache nur Internet, ich habe mit Print nichts am Hut." Diese Generation ist eben doch noch mit Print aufgewachsen, das merkt man. Diese Blogger huldigen Print, kann man sagen. Für schnelle Infos schätzen sie natürlich das Internet. Wir haben aber auch Blogger angeschrieben, die so bekannt sind, so viel zu tun haben und wahrscheinlich auch schon so viel Geld mit ihrem Blog verdienen, dass sie gar keine Zeit hatten, etwas für uns zu schreiben.
jetzt.de: Wie viele der Blogger haben einen professionellen Hintergrund?
Rebecca: Bei den Fotografen sind es 100 Prozent, eine unserer Fotografinnen war mit ihren Fotos bereits in der Vogue. Bei den Schreibern sieht es anders aus: Etwa ein Drittel hat schon professionell für Medien gearbeitet.
jetzt.de: Wie waren die Reaktionen auf die erste Circus-Ausgabe?
Rebecca: Wir hatten von Seiten der Printmedien mit einer noch stärkeren Debatte um das Thema Print und Online gerechnet. Da scheint der Trend aber schon fast wieder vorbei zu sein. Uns war es vor allem wichtig, wie die Blogger reagieren und da wurde viel berichtet und die Reaktionen waren auch durchweg positiv. Natürlich gab es auch kleinere Anmerkungen, aber nichts, was uns aus der Bahn geworfen hätte.

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