"Du solltest die Gesellschaft, in der du lebst, hinterfragen" - Aviv Geffen im Interview

Im jetzt.de-Gespräch erklärt Aviv Geffen, warum ihn Israel nicht mehr interessiert und wie er mit den Deutschen Frieden schließt.
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Viele politische Analysten sagen, die jungen Israelis seien über das vergangene Jahrzehnt nach rechts gerückt. Unter anderem waren sie es, die den konservativen Benjamin Netanjahu zum Ministerpräsidenten gewählt haben. Jetzt hast Du Israel verlassen und kommst nach Europa. Bist Du in Deinem Land gescheitert? Das sehe ich nicht so. Ich habe nur versucht, meinen Leuten in Israel Hoffnung zu geben. Dasselbe möchte ich jetzt hier in Deutschland machen mit meinem Album. Es geht darum, den Leuten die Augen zu öffnen, damit sie den ganzen Dreck sehen, die Korruption, die es bestimmt auch in Deutschland gibt. In meinen Liedern geht’s nicht nur darum, wie toll das Wetter ist. Wenn du ein richtiger Künstler bist, solltest Du die Gesellschaft, in der Du lebst, hinterfragen, auch die Regierung.

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Illustration: Julia Schubert

Du hast Dich selbst immer wieder als „Anführer einer ganzen Generation“ bezeichnet. Kannst Du das einfach so hinter Dir lassen und gehen? Ich habe meinen Horizont erweitert und erkannt, dass ich sehr viele Fans in Deutschland habe, in Hamburg, Berlin oder Dresden. Mir geht’s nicht mehr um Israel. Ich will nicht wirklich über Israel sprechen. Ich finde das erstaunlich. Zumindest in der europäischen Wahrnehmung ist Israel und seine Politik seit etwa 15 Jahren Dein Hauptthema. Noch im Januar hast Du der deutschen Presse Interviews gegeben, in denen Du Fragen zu Gaza und der Siedlungspolitik beantwortest. Was ist seitdem passiert? Im Januar hatte ich noch kein Album, über das ich sprechen konnte. Doch lass uns nicht naiv sein: Die deutsche Presse hat sich über die Jahre natürlich auch deswegen für mich interessiert, weil hinter mir eine große Geschichte steht. Ich war der Anführer einer ganzen Generation, bin der Neffe des Kriegshelden Moshe Dajan. Du hast mal gesagt: „Die Deutschen interessieren sich besonders für Israelis, die ihr eigenes Land und die Politik kritisieren“. Was finden wir Deutschen daran so reizvoll? Israel ist glaube ich als Land sehr sexy. Wir leben in einem sehr gefährlichen Ort voller Risiken. Dazu sind wir aber sehr westlich. Dass ich hierher nach Deutschland komme repräsentiert denke ich die neue Generation. Wenn ich in den Straßen von München rumlaufe oder in Berlin spiele, interessiert mich die schlimme Vergangenheit zwischen uns nicht. Es ist Zeit, zu vergeben und vorwärts zu blicken. Da steckt für die Zukunft viel Hoffnung drin. Das scheinen viele junge Israelis ähnlich zu sehen. Wer in Kreuzberg und Prenzlauer Berg unterwegs ist, begegnet sehr vielen jungen Leuten aus Israel. Was ist so faszinierend an Berlin? Berlin und Tel Aviv sind gar nicht so unähnlich. Berlin reizt vielleicht durch seinen etwas morbiden Ost-Charme. Ich kaufe die meisten meiner Klamotten in Berlin bei einem deutschen Designer namens Ato in der Oranienburger Straße. Es ist zwar ein Klischee aber es ist schon heftiges Gefühl, mit dem Zug durch Deutschland zu fahren, wenn ich meine Familiengeschichte bedenke. Ich mache meinen eigenen Frieden mit den Deutschen. Die junge israelische Generation macht das genau wie ich. Wenn du junge Deutsche fragst, wo sie im Leben am ehesten auf gleichaltrige Israelis getroffen sind, würden sie vielleicht neben Berlin Backpacking-Reisen nennen, etwa in Thailand. Das ist ganz einfach: Nach der Schule, mit 18, schicken sie dich zur Armee, um dem Land zu dienen, um besetzte Gebiete zu verteidigen und an Checkpoints oftmals unschuldige Araber zu schikanieren. Nach so einer Zeit musst du dein Gedächtnis auslöschen. Und die beste Art, das zu tun, ist Drogen zu nehmen und sich die Seele aus dem Leib zu trinken an den Ständen Thailands. Darum geht’s übrigens auch in meinem Song „Heroes“. Du hast den Wehrdienst verweigert, was damals in Israel für große Aufregung sorgte. Warum hast du keinen Zivildienst gemacht, kein freiwilliges soziales Jahr? Ich war der erste israelische Künstler, der die kritischen Fragen gestellt hat. Aus meiner Sicht habe ich mehr für die Gesellschaft getan als jeder Panzer. Es heißt, Du hättest in Israel etwas in den Leuten bewegt. Was für eine Wirkung erwartest Du Dir in Deutschland von Deiner Musik? Ich habe vor einigen Wochen auf dem Southside Festival gespielt. Das war echt schockierend für mich, wie Tausende von Menschen uns dort zugehört haben. Vielleicht ist meine Musik der größte Scheiß, aber eins muss man doch sagen: Sie ist einzigartig. Wenn ich das Radio einschalte, etwa Bayern 3, dann höre ich lauter Gruppen, die nach langweiligem amerikanischen Sound klingen – scheiße finde ich das. Ich klinge anders: Mein israelischer Sex Appeal, der Akzent, die Themen, die ich anspreche. Das sind epische Produktionen voller Pathos. Ich habe zusammengearbeitet mit dem legendären Produzenten Trevor Horn oder auch mit David Sitek, der ja einer der hippesten Produzenten überhaupt ist im Moment. Dein Onkel Moshe Dajan ist als Held des Sechstage-Kriegs in Israel eine Legende. Hast Du Dir mal überlegt, wie er heute zu Dir und zu dem, was Du darstellst, stehen würde? Das ist mir völlig egal.

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