„Du sprichst aber echt gut Deutsch“: Rapper Reno über Ghettos in Minden und andere Ungereimtheiten

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Auf deinem Album gibt es den Song „Ich ficke Rap“. Was genau kritisierst du denn am Rap? Reno:Es ist kein reiner Diss an den aktuellen Deutschrap, sondern eher eine persönliche Abrechnung. Es ist eine Verarbeitung von Enttäuschung und Unverständnis. Als Rapper hat man immer einen gewissen Anspruch an sich selbst, um die Qualität der Musik zu gewährleisten. Das gibt einem das Gefühl, dass die anderen Rapper auch diesen Anspruch an sich selbst haben müssen. Doch leider ist das nicht so.

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Illustration: Julia Schubert

Na gut, andere Rapper schlecht zu machen, ist immer leicht. Was machst du anders in deiner Musik? Ich glaube, dass meine Musik vielseitig und intelligent ist, auch wenn die Ausdrucksweise vielleicht für manche Menschen genau das Gegenteil bedeutet. Aber das ist nun mal die Sprache, die jeder versteht. Studenten verstehen auch eine einfache Sprache, selbst dann, wenn sie sie niemals benutzen würden. Aber einfache Menschen verstehen nicht immer eine gehobene Sprache. Darum nutze ich lieber die einfache Sprache. Ich glaube, dass gerade das der ausschlaggebende Punkt ist, der mich so einzigartig in meiner Musik macht. Leute, die meine Songs hören, merken stets, dass sich hinter Reno kein primitiver Idiot befindet. Hast du nicht Angst, dass dich manche Menschen für eingebildet halten? Ich habe vor sehr vielen Dingen Angst. Dinge, die mich oder meine Familie und ihre Existenz bedrohen könnten, aber nicht davor, wie mich manche Menschen finden. Auch, wenn ich keine Musik machen würde und dem Album nicht diesen Namen gegeben hätte, würden mich manche Leute für arrogant halten. Hier "Deutschland, Deutschland" von Reno:

In deinem Song „Die Zeit ist Jetzt“ rappst du über die Vergangenheit, die dich einholt. In wie weit bereust du deine Vergangenheit? Ich habe viele Dinge getan, die ich bereue. Manchmal denke ich daran und dann fühle ich mich schlecht. Aber das ist Vergangenheit und man muss lernen, sich damit abzufinden. Dinge, die man nicht ändern kann, sollte man nicht ständig mit sich herumtragen. Doch wenn man doch mal daran denkt, dann entstehen solche Songs. Das ist wie eine eigene Verarbeitung. Texte schreiben ist Selbsttherapie. Du kommst aus Minden. Dort soll es damals und auch heute noch eine hohe Gewaltbereitschaft geben. Minden ist nicht sehr groß und wenn man nicht gerade aus der besten Gegend kommt oder die besten Schulen besucht, dann kommt man zwangsläufig in Kreise, die man eigentlich besser meiden sollte. Minden ist keine Ghettostadt, aber leider in einigen Teilen ghettoisiert. Dort ist die Spannung natürlich umso größer, wie überall, wo es Menschen gibt, die wenig besitzen. Die Gewalt, ob im täglichen Leben oder in der Musik, ist die Rebellion dieser Leute. Woran liegt es, wenn Jugendliche auf den falschen Weg geraten und Ausländerfeindlichkeit oder Gewaltbereitschaft entwickeln? Ich denke, dass es nicht einfach ist, wenn man aus einer gesellschaftlich schwachen Schicht kommt. Die Verlockung auf den falschen Weg zu kommen, ist dann nicht gerade klein. Es gibt eine gewisse Gruppendynamik, die sich in jeder gesellschaftlichen Schicht entwickelt. Bloß als junger Mensch ist man immer auf der Suche nach Bestätigung, was diese Gruppendynamik noch problematischer macht. Wenn deine Kumpels sagen „du bist der Coolste“, weil du den Türsteher umgeboxt hast, dann fühlst du dich bestätigt. Das ist ein banales Beispiel, aber nach diesem Prinzip funktioniert es. So ist das im Freundeskreis, egal ob Arztsohn oder Waisenkind. Derzeit wird wieder viel über die rechte Jugend gesprochen. Wie denkst du darüber? Heikel. Eigentlich würde ich fast sagen, dass es einer „normalen“ Entwicklung entspricht, wenn Jugendliche sich einer Gruppierung anschließen. Das hat jeder von uns gemacht. Gefährlich wird es nur, wenn man nicht mehr da rauskommt, weil man nicht erkennt, dass es eine ignorante Sichtweise ist, wenn man sich auf eine ganz bestimmte „Wahrheit“ beschränkt. Das ist dann nicht mehr gesund. Aber auch bei der Integration der Ausländer müssten konkrete Änderungen vorgenommen werden. Als Ausländer kann man sich nicht integriert fühlen, wenn die Gesellschaft einen als eben solchen sieht, sogar wenn man hier geboren und aufgewachsen ist. Es kommt sehr häufig vor, dass ich mit Menschen streite, weil ich mich beleidigt fühle, wenn sie sagen: „Du sprichst aber echt gut Deutsch!“

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Illustration: Julia Schubert

Das Album "Zu schön um wahr zu sein" von Reno ist bereits erschienen. Mehr Info auf seiner Homepage.

Text: hanna-vandervelden - Fotos: Mitja Arzenšek, Alles Real Records

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